Kunst von Anohni Aus Sorge um die Welt

In Büchern gepresste Vogelkadaver, Reminiszenzen an Aktivisten der queeren Bewegung, Ökozid und japanischer Ausdruckstanz - wie geht das zusammen? Die Antwort besteht aus einem Namen: Anohni.

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Anohni ist derzeit eine der interessantesten Figuren im Pop-Business. Die 44-Jährige wurde als Antony Hegarty als Kopf der Band Antony and the Johnsons weltweit bekannt, vor zwei Monaten veröffentlichte sie, nun unter dem Pseudonym Anohni, ihr erstes Solo-Album "Hopelessness", eine heiser-wütende Anklage des Zustands unserer Welt zu elektronischen Klängen.

Anohnis Affinität zur bildenden und darstellenden Kunst zeigte sich bislang in ihren Videos oder ihrer Performancereihe "Future Feminism". Auf der Suche nach der eigenen Identität und als Teil der queeren New Yorker Szene hinterfragte sie Geschlechterrollen, als politische Aktivistin durchwanderte sie die australische Wüste, um gegen ein Uranbergwerk zu protestieren. Neu ist, dass Anohni ihre Themen Veränderung, Verlust und Schmerz über Jahrzehnte hinweg auch in einem bildnerischen Werk festhielt - dieses zeigt nun die Kunsthalle Bielefeld.

"Ghost" von Anohni: zart, fast verletzlich
Courtesy Anohni/ Foto: Gunter Lepkowski/ Kunsthalle Bielefeld

"Ghost" von Anohni: zart, fast verletzlich

Die riesige Skulptur eines Eisbärs empfängt den Besucher vor Anohnis Kunst und macht sofort klar: Bild und Musik finden hier ihre Verbindung. Fans ihrer Band Antony and the Johnsons werden an den blutigen sterbenden Eisbären auf dem Cover von "Swan Light" aus dem Jahr 2010 erinnert. Diese Collage hängt im sich anschließenden Raum mit kleinformatigen Werken, alle kaum größer als Plattencover. Die Bilder sind zart und pastellfarben, fast verletzlich. Und dennoch tragen viele eine zornige Botschaft - so weist das Motiv des Eisbären auf eine durch die globale Erwärmung besonders bedrohte Tierart hin.

Es ist nicht die erste Ausstellung ihrer Kunst, aber doch die ambitionierteste, zudem ist Anohnis Schaffen mit ihr erstmalig in Europa zu sehen. Der Kunsthalle Bielefeld ist mit dieser Schau ein großer Wurf gelungen, sowohl in kuratorischer Hinsicht als auch in organisatorischer. Nie erhielt das Haus höhere Fördergelder für ein Projekt. Sie habe fast mehr Zeit in diese Ausstellung gesteckt als in ihre aktuelle Welttournee, sagt Anohni, die zu diesem Zweck einige Monate in Berlin gearbeitet hat.

"Die Freigiebigkeit der Erde überwältigt mich"

Eine Vermittlung ihrer Kunst jedoch lehnt sie ab. Anohni möchte nicht von Akademikern in theoretische Raster gepackt werden - jeder soll ihre Kunst unvoreingenommen und intuitiv wahrnehmen. Deshalb gibt es in Bielefeld keine Informationen zu ihren Werken, deshalb will sie bei der Vorstellung ihrer Schau nicht angesprochen werden. Dabei ist ihr auch ein enttäuschter Betrachter recht: "Man soll sich meine Sachen anschauen und sehen, was sie mit einem machen. Wenn sie nichts machen, dann ist nichts die Bedeutung. Nichts ist ja eine ganze Menge", sagte sie dem Magazin "Interview".

Ausstellungsstück "Paradise": eine ganz persönliche Schau
Courtesy Anohni/ Foto: Gunter Lepkowski/ Kunsthalle Bielefeld

Ausstellungsstück "Paradise": eine ganz persönliche Schau

Wie auch ihre Musik beschäftigen sich viele von Anohnis Arbeiten mit den vom Menschen verschuldeten Veränderungen unseres Planeten. Den Menschen sieht sie als einen Virus, der nicht wahrnimmt, dass er sich selbst und seinen Wirt, die Erde, zerstört. "Die Freigiebigkeit der Erde überwältigt mich", sagt Anohni, "selbst wenn ihr eigener Reichtum durch uns im Vergehen begriffen ist."

In "My Truth" geht es aber nicht nur um Verantwortung und Krieg, Klimawandel und Ausrottung. Es ist auch eine ganz persönliche Schau, die eng mit Anohnis Biografie verknüpft ist. Aus eigenen Werken, Fotografien, Flyern und Restaurantquittungen arrangiert sie bis zu 3,50 Meter hohe "Totems", die Hinweise geben auf geistige Verwandtschaften zu Persönlichkeiten, die sie "geformt haben". Einige ihrer Bilder sind auch eine Hommage an die Drag Queen Marsha P. Johnson, etwa deren Porträt auf einer gebrauchten Bluse.

Weil die Schau auch ein Einblick in ihre Biografie ist, hat Anohni außerdem auf zwei weiteren Etagen eine Gruppenausstellung von drei Künstlern kuratiert, die sie in ihrem künstlerischen Schaffen am meisten beeinflusst haben.

Peter Hujars Porträt der sterbenden Schauspielerin Candy Darling
The Peter Hujar Archive/ Courtesy Pace/MacGill Gallery & Fraenkel Gallery

Peter Hujars Porträt der sterbenden Schauspielerin Candy Darling

Am bekanntesten davon dürfte der Fotograf Peter Hujar sein, der Chronist der New Yorker Genderszene in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Auch er befasste sich vorwiegend mit der Beziehung von Schönheit, Verfall und Tod. In Bielefeld sind zehn seiner Fotografien von toten Tieren, von mumifizierten Leichen der Katakomben von Palermo und queeren Persönlichkeiten aus Kunst und Literatur zu sehen, unter anderem sein ikonisches Porträt der sterbenden transgender Schauspielerin "Candy Darling on her Deathbed", das sich auch schon bereits auf einem Albumcover von Anthony and the Johnsons befand.

Außerdem zu sehen sind Werke des fast unbekannten amerikanischen Künstlers James Elaine, einem Freund von Anohni: Er fügt alte Objekte in einen neuen Bedeutungszusammenhang. Tote Vögel hat er zwischen den Seiten von Kunstbänden gepresst. In durch einen Wasserschaden zerstörten Büchern lässt er Pflanzen keimen. "Ich verwende zerbrochene und aufgebrauchte Dinge und gewinne sie zurück, heile sie", sagt Elaine.

Szene aus "Book of the Dead" mit Kazuo Ohno
Courtesy Kazuo Ohno, Dance Studio & Canta Co./ Kunsthalle Bielefeld

Szene aus "Book of the Dead" mit Kazuo Ohno

Als dritte wichtige Person in ihrem Leben bezeichnet Anohni den verstorbenen japanischen Ausdruckstänzer Kazuo Ohno, von dem sie einen Porträtfilm zeigt - sein "Tanz der Finsternis", der Tote und ihr Vermächtnis mit einbezieht, habe Anohnis eigene Auftritte tief beeinflusst, deshalb habe sie ihm auch ihr drittes Studioalbum "The Crying Light" gewidmet.

"My Truth" ist die berührende Ausstellung einer Künstlerin, die nie eine Hochschule besucht hat und vom klassischen Kunstbetrieb nichts wissen will. Anohni kann von ihrer Musik leben, das macht sie so unabhängig, dass sie in ihrem bildnerischen Werk auf den Kitsch und Pathos verzichten kann, den man im Pop-Business zuweilen braucht, um erfolgreich zu sein - Anohnis Kunst ergänzt ihre hymnische Todesmusik zu einem Gesamtwerk mit humanitärer Mission.


Anohni: My Truth. James Elaine, Peter Hujar, Kazuo Ohno. Kunsthalle Bielefeld. Bis 16. Oktober 2016

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