Europäische Werte Vorübergehend vernünftig

70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Katerstimmung in Europa vorbei, und es sieht stark danach aus, als hätten die Europäer Lust aufs nächste Besäufnis. Kann man es verhindern?

Boris Johnson
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Boris Johnson

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    Timur Vermes, Jahrgang 1967, arbeitete viele Jahre als Journalist, unter anderem für die "Abendzeitung" und den Kölner "Express". Im September 2012 erschien sein Satire-Roman "Er ist wieder da", in dem er Adolf Hitler im Berlin der Gegenwart wiederauferstehen lässt. 2015 kam die Verfilmung des Romans in die Kinos.

Neulich war ich mal bei der SPD, in München-Obergiesing. Die SPD wollte "Strategien gegen rechts" vorstellen. Es war nicht gerade Sigmar Gabriel da, aber doch immerhin die bayerische Landtagsebene. Die Strategien sahen so aus, dass die SPD bessere Sozialpolitik machen und das auch besser kommunizieren solle. Anders ausgedrückt: Das Volk wird sich schon richtig entscheiden, wenn man es nur gut genug informiert. Das ist rührend gemeint und leider falsch. Die Realität lässt sich derzeit in England, in Frankreich, in ganz Europa und eben auch bei uns beobachten.

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Heft 26/2016
Es lebe Europa?

Irrationales Verhalten nimmt zu. Und mit "irrationalem Verhalten" ist keineswegs Unzufriedenheit gemeint. "Irrationales Verhalten" bedeutet: Etwas zu tun, obwohl man weiß, dass es nicht funktioniert. Vorgelebt von Boris Johnson: "I'm pro having the cake and pro eating it." Dieser Satz, zu Deutsch etwa so einleuchtend wie der Wunsch, sein Geld gleichzeitig zu sparen und zu versaufen, erklärt die Gegenwart besser als jeder andere. Er klingt wie ein frecher Spruch, enthüllt aber keinen tieferen Sinn und zeigt, dass es derzeit möglich ist, mit purem Wunschdenken Menschen für sich zu gewinnen. Johnson verzichtet sogar auf jeden Anschein von Logik. Die SPD hofft, das Volk würde sich schon richtig entscheiden, wenn man es nur gut genug informiert? Boris Johnson zeigt, dass es anders ist. Er zeigt auch, dass das Problem nur scheinbar die Populisten sind.

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Johnson und die Brexit-Kampagne: Hass auf den Hallodri

Denn die Stimmung, die sie anzapfen, ist von ihnen nicht mühsam erzeugt worden, sie ist bereits vorhanden: Es gibt ein erstaunliches, ein riesiges Reservoir an Wählern, die man mittlerweile nicht einmal mehr verführen muss - sie nehmen auch offensichtlichen Schwachsinn wie Johnsons Satz und basteln sich daraus jeweils das gewünschte Wohlgefühl. Wie kann das sein?

Nach 70 Jahren ist der Kater vorbei

Wie kann es sein, dass sich Länder wie Polen oder Ungarn Schritt für Schritt von ebenjener Demokratie entfernen, die doch die Vorteile ermöglicht, wegen derer sie in die EU eingetreten sind? Wie kann es sein, dass in Österreich die Präsidentschaft nur hauchdünn von einem Rechtsradikalen verfehlt wird, der kein Geheimnis daraus macht, dass er das letztlich doch brauchbar arbeitende Land ganz nach seinen Wünschen umzugestalten gedenkt? Wie kann es sein, dass ein Großteil Europas das Flüchtlingsproblem lösen will, indem man die Leichen zum Nachbarn weiterleitet, wohl wissend, dass sie so irgendwann wieder vor der eigenen Tür liegen? Dass sie alle miteinander Zäune bauen, obwohl man an drei Fingern abzählen kann, dass der Druck jenseits dieser Zäune nicht verschwindet, sondern sich schlicht bis zur Unbeherrschbarkeit aufstaut?

Es gibt einen Blickwinkel, aus dem all das beunruhigend nachvollziehbar erscheint: Er besagt, dass Menschen nicht plötzlich verrückt werden. Sondern dass sie nur vorübergehend leidlich vernünftig waren. Als Folge der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs.

Denn tatsächlich leben wir in Europa derzeit in einer historisch absolut ungewöhnlichen, komfortablen Welt: Seit 70 Jahren herrscht weitgehend Friede. Wir leben zudem in einem Staatenverbund, in dem die wohlhabenderen Staaten ärmere Länder wie Polen oder Ungarn Jahr für Jahr mit mehreren Milliarden Euro unterstützen. Ein Prinzip, das über Jahrzehnte hinweg von der Bevölkerung abgesegnet oder doch wenigstens toleriert wurde. Weil den allermeisten klar war: Das alles ist besser und brauchbarer und sinnvoller oder wenigstens preiswerter als 50-70 Millionen Tote, ein ruinierter Kontinent, Atombombe und Holocaust. Diese Erkenntnis war Konsens, sie musste nicht diskutiert werden. Und exakt diese Erkenntnis schwindet wie "Nie wieder Alkohol"-Schwüre am Tag drei nach dem Vollrausch. Nach 70 Jahren ist der Kater vorbei, und es sieht stark danach aus, als hätten die Europäer schlichtweg Lust aufs nächste Besäufnis. Kann man es verhindern?

Ungewöhnliche Ansätze sind gefragt

Schwer: Null-Inhalte wie die von Boris Johnson sind argumentativ nicht zu knacken. Und wenn man verfolgt, mit welcher Entschlossenheit sich teils zurechnungsfähige Menschen im eigenen Bekanntenkreis das Tätervölkchen der AfD weichdenken, mit welchem Mutwillen manche Leute die Einstiegsdroge Petry und den lupenreinen Nazi Gauland als "nicht repräsentativ" ausblenden - dann ahnt man, dass Argumente hier nicht helfen.

Aber: Das heißt nicht, dass man ohne Chance ist.

Wer es ernst meint mit Europa, mit den Werten einer westlichen Demokratie, der muss sein Instrumentarium eben erweitern: Denn es gibt durchaus Dinge, die attraktiv für Leute sind, die partout nicht denken mögen. Schnelles, entschlossenes Handeln gehört dazu. Durchhalten und Aushalten gehört dazu. Autorität und Härte gehören dazu - ein Helmut Schmidt hätte auch 99 Prozent der Pegida-Anhänger den Kopf zurechtgerückt. Einigkeit gehört dazu (klar soweit, Seehofer?). Gewitztheit gehört dazu: Gregor Gysis Präsenz wird über alle Parteigrenzen hinaus vermisst. Überraschende Maßnahmen sind gut: Warum überzeugt man Leute nicht mit dem, was sie am meisten fürchten? Warum zieht eigentlich niemand im ausländerfeindlichsten Osten eine richtige Integrationsindustrie hoch? Und dann nicht kleckern, sondern klotzen, mit jeder Menge Jobs in Betreuung, Versorgung und Ausbildung, und mit viel echter Polizei statt Billig-Security, damit keiner der Beteiligten auf dumme Gedanken kommt? So hätten alle was davon - bis auf die professionellen Nazis, die dann gerne versuchen könnten, ihre Kundschaft zurück in die Arbeitslosigkeit zu quasseln.

Ungewöhnliche Ansätze sind gefragt: Kanadas Premier Justin Trudeau profilierte sich nicht zuletzt auch dadurch, dass er den politischen Gegner für einen guten Zweck im Boxring vermöbelte. Symbolwirkung: 100 Punkte. Inhalt: Null - aber der lässt sich nachliefern. Und Inhalte nachliefern - das ist etwas, was Populisten nicht können.

Dieser Trost bleibt auch der Münchner SPD.

insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
Bondurant 29.06.2016
1. Einäugigkeit
Es gibt ein erstaunliches, ein riesiges Reservoir an Wählern, die man mittlerweile nicht einmal mehr verführen muss - sie nehmen auch offensichtlichen Schwachsinn wie Johnsons Satz und basteln sich daraus jeweils das gewünschte Wohlgefühl. Nicht nur Johnson redet Unsinn. Auch Leute, die die eigene Landesgrenze plötzlich für nicht existent erklären und und von europäischen Lösungen für Probleme schwadronieren, die die anderen Europäer nicht haben und nicht haben wollen - ihnen wird applaudiert von Leuten, die so tun, als lebten sie schon in der Welt, die sie sich nur wünschen. Aber das wird dann nicht bespöttelt, sondern als korrekte menschliche Haltung bewundert.
SPONtisprüche 29.06.2016
2.
Danke, Herr Vermes. Speziell das mit dem eigenen Bekanntenkreis kann ich aus eigener Erfahrung so unterschreiben - Bekannte (Freunde möchte ich sie nicht mehr nennen), denen ich das ethisch und intellektuell niemals zugetraut hätte, fordern heute wieder Lager zur Konzentration von Flüchtlingen. Wenn das so weitergeht mit und in Europa, werden wir uns alle die Zeit des "nur" kalten Krieges zurückwünschen...
ulr 29.06.2016
3. Hoffnung
endlich mal ein vergnüglicher Artikel zum Dauerthema....
fredadrett 29.06.2016
4. Was maßt sich das Volk an
Einfach nach seinem Gutdünken zu entscheiden, ohne die Kaffee Latte saufende Boheme in Berlin Mitte um ihre Meinung zu fragen. Wie stellt sich der Autor das vor; Abschaffung der Demokratie? Das Volk nur noch als Befehlsempfänger? Paraden zum Lobpreisen der Regierung und der vermeintlich Intellektuellen? Zum Glück sind wir an dem Punkt noch nicht angekommen und werden es auch nicht. Ja und Politik muss man erklären, z.B. warum Herr LuxLeak Junker frei herumläuft und die Skandalaufdecker bestrafft werden.
schoenwetterschreiberling 29.06.2016
5. Zusammenfassung
Auf die zentralen Fragen des Artikels ("Wie kann es sein, dass...?") liefert der Autor nur die Antwort, dass sich die Bürger Europas wieder (metaphorisch) besaufen wollen. Ist das wirklich alles? Darüber hinaus lautet die Quintessenz des Artikels: Wer "Die Rechten" wählt, entfacht einen neuen Flächenkrieg in Europa. Inklusive Atombombe und Völkermord. Mir ist das Anliegen des linken Kulturestablishments durchaus bewusst, doch geht es nicht eine klitzekleine Nummer kleiner?
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