Nach den Stürmen Wenn Gesellschaft nur noch eine Hackordnung ist

Der Mensch ist stärker allein, die anderen stören: Das ist das Weltbild der Marktradikalen - aber nach der Katastrophe hilft natürlich wieder der Staat. Warum stellen wir ihm einen falschen Individualismus entgegen?

Schäden durch Hurrikan "Irma" in Kuba
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Schäden durch Hurrikan "Irma" in Kuba

Eine Kolumne von


Sie waren Boten aus der Zukunft, und sie trugen menschliche Namen. "Harvey", "Irma", "José" zerstörten, was Menschen gemacht hatten, und sie waren dabei selbst, indirekt und doch sehr klar zu benennen, von Menschen gemacht.

Die Wucht, die Stärke, die Brutalität der Stürme, darüber sind sich die meisten Klimaforscher einig, all das, was die Karibik und der Südosten der USA gerade erlebt haben, ist auf die Erderwärmung zurückzuführen, die der Mensch im Wesentlichen zu verantworten hat.

Und die Wucht, die Stärke, die Not werden nur noch zunehmen. 150 bis 180 Milliarden Dollar Schaden haben die Stürme dieses Mal verursacht, so die ersten Schätzungen. Auf einigen Inseln in der Karibik kam es zu Plünderungen und Gewalt im Streit um die wenigen Lebensmittel. Die Zeichen der Zukunft stehen auf Zerstörung.

Es geht mir dabei aber nicht darum, mir die Apokalypse auszumalen und zu verzweifeln. Es geht mir darum, eine zukünftige Realität zu sehen und zu verstehen und darauf angemessen zu regieren.

Ist Solidarität Schwäche?

Der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz hat gerade angemerkt, dass sich angesichts der Stürme ein paar grundsätzliche Fragen über das wirtschaftliche und politische System stellen, speziell in den USA.

Ich würde noch ein wenig weiter gehen und sagen: Es stellt sich die Frage danach, wie zukunftsfähig im Zeitalter des Anthropozän ein Kapitalismus ist, der Individualismus von Verantwortung trennt und Gesellschaft in eine Hackordnung des Stärkeren gegen die Schwächeren verwandelt.

Und die Antwort auf diese Frage liegt im Menschenbild: Ist der Mensch stärker allein, ist er besser allein, stören die anderen? Ist, so der Trivial-Darwinismus, der hinter diesem Denken steckt, "the survival of the fittest" die beste Grundlage für eine Gesellschaft? Gibt es überhaupt eine Gesellschaft? Ist also Solidarität Schwäche und Gemeinschaft gefährlich?

Das ist das Denken, das in vielen Jahren und Jahrzehnten in Thinktanks und Milton-Friedman-Freundschaftszirkeln seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und in der Politik seit Margaret Thatcher und Ronald Reagan seit den Achtzigerjahren propagiert wird, eine gelungene Gehirnwäsche, die den Staat nur als Gegner des Einzelnen kennt und nicht als Verkörperung aller Bürger sieht und die im kleptokratischen Regime von Donald Trump, der nur Sieger und Verlierer kennt in seiner Ego-Shooter-Gesellschaftslehre, den traurigen Tiefpunkt erlebt.

In Zeiten der Not

Was hat es also zu bedeuten, dass etwa in den Tagen des Sturms die Preise für Flugtickets aus Florida, wo der Sturm drohte, nach Phoenix in Arizona, wo Sicherheit war, von 550 Dollar auf 3250 Dollar stiegen? Es ist, natürlich, das Gesetz des Marktes, das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Aber funktioniert das in Zeiten der Not? Und: Funktioniert der Markt überhaupt so, wie es die Propheten der reinen Lehre verkünden?

Andrew Ross Sorkin, der Star-Wirtschaftsschreiber der "New York Times", versuchte in den Tagen nach Harvey, diese Position einzunehmen: Wenn die Preise etwa für einen Kasten Wasser, wie in Houston, auf bis zu 42 Dollar anstiegen, so zitierte er einen Wirtschaftsprofessor, dann würde das nur sicherstellen, dass sich kein Schwarzmarkt bildet, wo die Händler die Schwächen der Bedürftigen ausnutzen.

Bezeichnend an dieser Argumentation ist, dass es gar nicht vorstellbar scheint, dass die Menschen sich einfach gegenseitig und bedingungslos helfen würden. Das Menschenbild ist so einseitig und hermetisch, dass der Markt als einzige Gerechtigkeitsoption denkbar ist. Vor den Gerechtigkeitsherausforderungen der Zukunft wirkt dieses Denken, wie es in Schrumpfform auch die deutsche FDP vertritt, hoffnungslos veraltet, ja museal.

Einerseits hat schon die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008 gezeigt, wie sehr gerade der sehr freie Markt den Staat braucht, wenn es darum geht, die Verluste der eigenen Spielereien und Spekulationen abzufangen, 700 Milliarden allein in den USA, eine Verstaatlichung ohne Verstaatlichung, und die Profiteure sitzen heute in der Trump-Regierung und verkünden weiter die Botschaft des holzschnitthaften Individualismus.

Und auch bei "Harvey", "Irma" und "José" ist es natürlich der Staat, der hilft, der Staat, der von Trump und seinen Befürwortern bekämpft wird, wo es nur geht, der Staat, der als Popanz kreiert und notwendig ist, denn erst die Gegenüberstellung von Staat und Individuum als widersprüchliche Kräfte ermöglicht es, den Staat anzugreifen.

Die Gemeinschaft als Sicherheit und nicht als Problem

Es ist ein binäres Konzept, das davon ausgeht, dass es "den Staat" und "das Individuum" als konkrete und homogene Größen überhaupt gibt, es ist ein Konzept tief aus dem 20. Jahrhundert und ziemlich unhaltbar. Für das 21. Jahrhundert jedenfalls, das ein Jahrhundert der neuen Herausforderungen sein wird, stellt sich damit das Problem, dass es eine neue Philosophie des Helfens und der Solidarität braucht.

Dafür muss man vieles grundsätzlich anders und neu denken. Darwin ist dabei ein gutes Beispiel. Ist denn das Bild, das den gesellschaftlichen Diskurs so lange geprägt hat, überhaupt wissenschaftlich haltbar? Ist es also das Überleben des Stärkeren, von dem Darwin redet und das wir in unser Denken übernehmen sollten, oder ist es nicht viel eher das Überleben der vielen Schwächeren?

Das ist jedenfalls die These, die unter anderem die beiden Münchner Forscher Johannes Müller und Burkhard Heise vertreten, die eine Art Neo-Neo-Darwinismus beschreiben, ausgehend von ihrer Beobachtung des Verhaltens von Bakterien: Ein Organismus, so stellten sie fest, ist dann stabiler und überlebensfähiger, wenn sich die Einzelnen helfen. Es ist eine Philosophie der Kooperation und nicht der Konkurrenz, die sie skizzieren, die Gemeinschaft also als Sicherheit und nicht als Problem.

Der Klimawandel wiederum ist ein spezielles und inzwischen auch philosophisches Problem, Denker wie Timothy Morton etwa beschäftigen sich in großer Tiefe und Ausführlichkeit mit der Frage, was der Mensch ohne die Natur ist und machen so aus der Ökologie eine Ontologie - sie formen also die existentielle Frage nach einer Welt ohne Menschen so um, dass der Mensch den Grund seines Wesens in der Möglichkeit der eigenen Auslöschung erkennt.

Erste Versuche, das Neue zu denken

Das Überleben also wird vom Ende her gedacht. Und eine Ethik der Gegenwart entsteht aus den Ruinen, aus dem Verfall und der Zerstörung. Das ist eine radikale Umdrehung der Heilslehre von Gelingen und Erfolg, nach denen sich gesellschaftliche Parameter zu richten haben.

Morton, dessen Buch "Ökologie ohne Natur" vor einiger Zeit auf Deutsch bei Matthes & Seitz erschienen ist, spricht dabei davon, dass wir in einer Kultur des Todes leben. Der Neoliberalismus ist in seinen Worten ein "Spielzeug", das wir leichter loswerden könnten, als uns gesagt wird. Er setzt gegen das Dunkle, das er etwa in seinem Buch "Dark Ecology" beschreibt, einen Plan der Heiterkeit, der Kunst und des Spiels, mit dem sich das Regime des Konsumismus überwinden lässt.

"Finde die Süße in der Depression", schreibt er, und "bekämpfe sie nicht." Eines seiner Lieblingsbeispiele ist die Geschichte von Peter von Tiesenhausen, der das Copyright auf ein Stück Land beantragte, weil es sich um Kunst handle - und damit einem Ölkonzern entgegentrat, der auf diesem Land bohren wollte.

Es sind all das nur erste Versuche, das Neue zu denken. Denn die Fragen fangen ja erst an: Was ist etwa der Staat, wer erfüllt seine Rolle, wenn, so die Utopie, das 21. Jahrhundert zumindest das Ende des Nationalstaates erlebt? Was wären dann die Institutionen, die staatliche Funktionen übernehmen? Und was wäre das Denken, aus dem sich diese Institutionen speisen?

Der Kapitalismus als Denkmodell jedenfalls, ökonomisch durch die Radikalisierung der letzten Jahrzehnte erheblich beschädigt, erweist sich vor den Katastrophen der Zukunft auch als intellektuell defizitär.

Und das liegt unter anderem daran, dass er ein falsches Bild von Individualismus propagiert und den Einzelnen von seiner Verantwortung entbindet.

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Kolumne - Der Kritiker


insgesamt 70 Beiträge
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Lykanthrop_ 17.09.2017
1.
Danke Herr Diez, Sie sprechen mir aus dem Herzen ! Kapitalismus kennt keine Moral, deswegen fühlt er sich für die Folgen seines Wesens nicht verantwortlich. Was kümmert mich der Crash, wenn ich auf fallende Kurse Wette ? Was ein Wirbelsturm, wenn ich Aktionär einer Baufirma bin ? Was das Überleben von Menschen, wenn diese mein Medikament nicht bezahlen können ? Konkurrenz ist kurzfristig vielleicht effektiver als Kooperation, aber für die Menschen und die Umwelt sehr zerstörerisch und dem Humanismus fremd. Leider glauben viele Menschen nicht mehr an die Möglichkeit einer besseren Welt, auch weil Ihnen Alternativlosigkeiten gepredigt werden.
riedlinger 17.09.2017
2. Das ist alter Wein in neuen Schläuchen
Hier wollen uns einige Leute uralte Hüte als neue Mode verkaufen. Was hier als toll und sozial verkauft wird, lag in den Siebzigerjahren in jeder Uni-Mensa in Form von Hunderten Flugblättern herum, verbreitet von unzähligen kommunistischen Gruppierungen, die alle das Paradies ohne Kapitalismus verkündeten, das man damals schon mit einer kurzen Fahrt nach Ost-Berlin oder mit einem Flug nach Moskau live erleben konnte. All diese Träume enden in der Staatsverwaltungswirtschaft. Die Solidarität ist doch längst da! Tausende halfen engagiert, als Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Dass sie das Geld dazu in den Taschen hatten, verdankten sie dem Kapitalismus...
Alias_aka_InCognito 17.09.2017
3. Schön und gut!
Nur wird immer wieder "der kleine Mann" vergessen, der der Hauptakteur dieser Veranstaltung "Wirtschat und Kapitalismus" ist und für den die ganze Aufführung von statte geht. Dieser kleine Mann ist selbst ökonomisch rational und verkörpert das Wesen des Kapitalismus, nämlich die kurzzeitige Impulsbefriedigung ohne das Abschätzen der langfristigen Folgen. Also genauso wie der Staat sich nicht von der Gesellschaft absolut abstrahieren lässt als eine singuläre Entität, so lässt sich auch die Bevölkerung nicht vom Kapitalismus abstrahieren. Wenn man schon die korpulente Dame auf dem Bild betrachtet, dann kann man schon bei ihr eine zum Kapitalismus neigende, geistige Grundkonstitution feststellen. Sie nimmt mehr zu sich, als sie braucht und hat damit keine Kontrolle über die Befriedigung ihrer kurzzeitigen Impulse. Und so handeln 95% der Bevölkerung. Auch in den sozialistischen Ländern wurde der neue Mensch, der gut und solidarisch ist, auch in 70 Jahren, also über mehrere Generationen nicht erschaffen. Stattdessen kam der "Homo Sovieticus" dabei raus, der vom Dissidenten Alexander Sinowjew kreiert wurde und meines Erachtens sehr gut den Menschen beschreibt, dem mit Gewalt von oben herab Solidarität und Volksgemeinschaft verordnet wurde. Es gibt eben keine Patentrezepte für eine bessere Menschheit, da können die Philanthropen noch und nöcher Bücher und schwülstige Essays schreiben.
macinfo 17.09.2017
4. Danke!
Sehr guter Artikel. Er zeigt, dass die reine Lehre des Kapitalismus in Krisensituationen einfach nicht aufgeht – und auch nicht nur dann nicht, sondern auch immer wenn sich Macht zu sehr konzentriert. Nur ein Beispiel sind Lebensmittel die als Spekulationsobjekt dienen, immer Getreu dem Motto Gewinne privatisieren, Risiken und Verluste sozialisieren.
nasfels 17.09.2017
5. Wettbewerb schlecht? Mal an Demokratie denken...
Wieder einer der typischen utopistischen Artikel mit dem Tenor: "Wettbewerb ist schlecht, Kooperation ist gut". Einfach mal nur einen ganz kleinen Schritt weiterdenken: Demokratie ist Wettbewerb pur (um Ideen, Politikkonzepte, auch um Macht). Nehmen wir also den Wettbewerb da mal raus. Was haben wir dann? Genau. Totalitarismus. Einige der politischen Systeme, die bislang versucht haben, Demorkatie ohne Wettbewerb zu praktizieren, haben das gleiche auch mit ihrer Wirtschaft versucht...und sind jämmerlich daran gescheitert. Warum diesen Ideen heute noch Leute anhängen, ist mir vollkommen unverständlich. Also: Auch in 100 Jahren wird Wettbewerb noch die bestimmende Kraft auf unseren Märkten sein, auch in 100 Jahren werden Leute noch Güter und Ideen im Wettbewerb austauschen (ganz nebenbei: Handel ist eine hochentwickelte Form der Kooperation). Nur an Herrn Diez und seine pseudo-intellektuellen Utopien einer Wir-haben-uns-alle-lieb-Gesellschaft, in der allen alles gehört, wird man sich dann nicht mehr erinnern.
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