Nach Nazi-Vergleich WAZ-Gruppe entlässt Chef der "Thüringer Allgemeinen"

Die WAZ-Gruppe macht kurzen Prozess: Der Chefredakteur der "Thüringer Allgemeinen", Sergej Lochthofen, wurde bereits am Dienstag entlassen. Ursprünglich sollte der Wechsel an der Spitze der Regionalzeitung erst im Januar vollzogen werden. Als Grund nennt der Verlag "verlagsschädigende Äußerungen".

Sergej Lochthofen (Archivbild von 2003): "Sippenhaft wie bei den Nazis"
DDP

Sergej Lochthofen (Archivbild von 2003): "Sippenhaft wie bei den Nazis"


Erfurt - Der umstrittene Wechsel bei der "Thüringer Allgemeinen" in Erfurt erfolgt schneller als geplant: Chefredakteur Sergej Lochthofen wurde am Dienstag von der Leitung der Tageszeitung freigestellt, an diesem Mittwoch übernimmt bereits sein Nachfolger Paul-Josef Raue. Das teilte die Geschäftsführung der Zeitungsgruppe Thüringen (ZGT) am Dienstag mit. Ursprünglich sollte Lochthofens Ablösung erst zum Jahresende erfolgen. Die ZGT gehört zur WAZ-Mediengruppe, deren Kerngeschäft Zeitungen in Nordrhein-Westfalen und Bayern sind.

Als Gründe für den beschleunigten Wechsel an der Spitze der Zeitung nannte ZGT-Geschäftsführer Klaus Schrotthofer, dass die Redaktionsarbeit erheblich beeinträchtigt sei. Aber auch die öffentlichen Äußerungen von Lochthofen hätten eine Rolle gespielt. Lochthofen hatte die Tatsache, dass auch seine Frau von ihrer Position als stellvertretende Chefredakteurin entbunden wird, als "Sippenhaft wie bei den Nazis oder unter Stalin" bezeichnet.

"Wir weisen die in der Sache falschen und in ihrer offenbar beabsichtigten Wirkung außerordentlich verlagsschädigenden Vergleiche mit der nationalsozialistischen und stalinistischen Gewaltherrschaft in aller Form zurück", heißt es in einem Schreiben an die Mitarbeiter der "Thüringer Allgemeinen", das der Nachrichtenagentur dpa vorliegt. Sie hätten das Verhältnis erheblich belastet. Lochthofen wollte zu den Vorwürfen auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zunächst keine Stellung nehmen. Von dem kurzfristigen Wechsel sei Antje-Maria Lochthofen nicht betroffen, teilte die ZGT mit. Mit ihr werde über eine Perspektive bei der "Thüringer Allgemeinen" verhandelt.

Mitarbeiter der Zeitung hatten am Wochenende gefordert, die Ablösung von Lochthofen und seiner Frau zurückzunehmen. Sie kritisierten zudem einen "Eingriff in die journalistische Unabhängigkeit der Redaktion", die im Redaktionsstatut vom April 1990 formuliert sei. Lochthofen war im Februar 1990 von der Redaktion als Chefredakteur gewählt worden. Die heutige "Thüringer Allgemeine" war bereits im Januar vor 20 Jahren die erste SED-Bezirkszeitung, die sich für unabhängig erklärt hatte. Die Zeitung widmete dem Führungswechsel am Samstag eine ganze Seite in ihrer Druckausgabe. Am Dienstag wurde eine Seite mit Auszügen aus Leserbriefen veröffentlicht.

cte/dpa



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