S.P.O.N. - Oben und unten +++ Keine Eilmeldung +++

In Brandenburg randaliert ein Storch - und wir freuen uns, dass sich der IS nicht zu ihm bekennen wird. Was steckt hinter der Sehnsucht nach dem Sommerloch?

Smartphone-Nutzer
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Eine Kolumne von


Normalerweise ist das Medium des Sommers die Bilder-Klickstrecke. Die Elefanten im Zoo kühlen sich beim Planschen ab, Angela Merkel trägt einen Badeanzug, britische Royals lächeln beim Bootfahren, die hässlichsten Hunde der Welt haben kein Fell. Wir mögen das alles und mögen es auch, uns zu beschweren, ob es nichts Wichtigeres gibt.

Diesen Sommer gibt es jeden Tag Wichtigeres. Das Medium des Sommers ist die Eilmeldung, und während vor ein paar Wochen zumindest noch ab und zu drinstand, dass irgendwer beim Fußball weitergekommen ist, steht inzwischen jeden Tag drin, dass wieder Menschen tot sind. Der Lkw in Nizza, der Typ mit der Axt in der Regionalbahn bei Würzburg, der Amokläufer in München, der Selbstmörder mit der Bombe in Ansbach, der Mann mit dem Dönermesser in Reutlingen, die Geiselnahme in Frankreich. Es hört nicht auf.

Wir fangen an, uns nach den Sommerloch-Texten zu sehnen, die zum 100. Mal die Frage klären, ob Männer Flipflops tragen dürfen oder wie man Fisch richtig grillt. In Brandenburg randaliert ein Vogel namens Ronny, und wir freuen uns, dass es nur ein verdammter Storch ist und der IS sich nicht zu ihm bekennen wird.

Ich habe begonnen, Eilmeldungen zu hassen. Ich könnte sie abbestellen, aber so schlau und entspannt bin ich nicht. Alle paar Tage lösche ich eine News-App auf dem iPhone, inzwischen kommen nur noch Eilmeldungen von SPIEGEL ONLINE, vom "Guardian", von "Zeit Online" und der "FAZ". Ich zähle sie auf und denke: Ich bin doch bescheuert, es sind immer noch zu viele. Um mich herum sind lauter genauso Bescheuerte. Wie Leute am Ballermann, die um Sangria-Eimer rumsitzen, sitzen wir um unsere Smartphones rum und saufen Eilmeldungen.

Sofort und mit Abstand - wir wollen alles gleichzeitig

In Eilmeldungen steht naturgemäß wenig drin, weil es darum geht, Informationen schnell zu verbreiten, und nicht darum, sie zu erklären. Es ist fast wieder wie in Neil Postmans "Wir amüsieren uns zu Tode", als er über Rauchzeichen schreibt: "Mit Rauch kann man nicht philosophieren. Seine Form schließt den Inhalt aus." Mit Eilmeldungen ist es ähnlich: Sie werfen uns einzelne Brocken zu, die Erklärungen kommen irgendwann später oder nie. Vielleicht gibt es keine rationalen Erklärungen für das, was wir da lesen. "Das Medium ist die Metapher", heißt es bei Postman, und die Metapher der Eilmeldung sagt: Achtung, hier passiert etwas, jetzt gerade, jetzt, jetzt, jetzt.

Eilmeldungen über Gewalttaten erzeugen selten Sicherheit, aber fast immer Eilgefühle. Unsicherheit. Verwirrung. Genervtheit. Trotzdem wollen wir sie lesen. Kann sein, dass wir jemanden in Ansbach kennen. Ganz sicher kennen wir jemanden in München. Höchstwahrscheinlich kennen wir keinen der Toten. Vielleicht doch. Vorsichtshalber lesen wir alles, was es gibt. Wir wollen diese Informationen, aber gleichzeitig wird uns schlecht davon. Es ist, wie wenn man nach dem Saufen Hunger kriegt und in einen Burgerladen geht: Man will unbedingt essen, aber es kann auch sein, dass man brechen muss. Wir wollen schnelle Infos und bedachte Analysen, sofort und mit Abstand, wir wollen alles gleichzeitig. Es geht nicht.

"Die Möglichkeit, sofort berichten zu können, schließt die Verpflichtung ein, es zu tun", hat "Zeit Online"-Chefredakteur Jochen Wegner über das Dilemma der Onlinemedien geschrieben. Es stimmt, und es ist nicht schön, doch die Schnelligkeit von Medien werden wir nicht mehr los, solange nicht jemand das Internet wegbombt.

Wir gehen trotzdem raus

Es sind goldene Zeiten für Verlierer, die ihre Namen in die Nachrichten bringen wollen. Der letzte Loser kann heute in einen Baumarkt oder einen Supermarkt gehen, eine Axt oder ein Messer kaufen und damit eine halbe Stunde später eine Eilmeldung auf Millionen Smartphones erzeugen und massenhaft Leuten die Stimmung versauen. Kurze Zeit später wird irgendwo ein Psychiatrieprofessor interviewt, was da wohl los war, und wenn der Verlierer "Allahu akbar" gerufen hat, müssen sich weltweit Muslime rechtfertigen. Die Chance für einen 18-Jährigen, Erdogan vom "Focus"-Titel zu verdrängen, stehen normalerweise schlecht, aber der Amokläufer von München hat es geschafft.

Mir fallen viele Dinge ein, die PolitikerInnen, Krankenkassen, SeelsorgerInnen und Medienmenschen im Moment tun können - die einen könnten allermindestens die Therapiemöglichkeiten für noch lebende Opfer und deren Angehörige und nicht zuletzt für potenzielle Täter ausbauen, und die anderen könnten aufhören, die Namen der Arschlöcher groß zu machen und ihnen damit zu huldigen. Aber die meisten Leute gehören nicht zu diesen Gruppen. Die meisten Leute sind Menschen mit Smartphones, die niemanden verlieren wollen und abends Bier trinken ohne Panik.

Wir kriegen die Scheiße nicht aus der Welt, wir können nur versuchen, besonnen mit ihr umzugehen und das Leid zu mindern, das durch sie entsteht. Es gibt keine einzige Situation auf der Welt, in der es sinnvoll wäre, in Panik zu verfallen. Das ist natürlich total kluggeschissen, denn Panik ist nichts, wozu man sich rational entschließt. Aber immerhin haben wir im Moment zwischen den einzelnen Fällen manchmal einen Tag Zeit, um uns zu überlegen, was wir beim nächsten Mal tun werden.

Trotz mag ein kindischer Wert sein. Aber im Moment ist es ein guter: Es ist trotzdem Sommer, wir gehen trotzdem raus. Solidarität, Behutsamkeit und Aufeinanderaufpassen werden unsere Waffen sein. Ich würde gern "Menschlichkeit" sagen, aber die Mörder, die uns das alles einbrocken, sind auch Menschen. Das ist das Drama. Die, die schon tot sind, kriegen wir nicht zurück. Aber wir können denen, die Angst haben, Halt geben.

Wir können unseren trauernden, depressiven oder suizidgefährdeten Liebsten ein Bier ausgeben und ihnen sagen, dass vielleicht nicht alles gut wird. Dass wir aber trotzdem da sind.

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insgesamt 129 Beiträge
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Seite 1
Lumpi2 26.07.2016
1.
Sehr erfrischend in diesen Zeiten. Danke.
Ranunkelmann 26.07.2016
2. Mir aus der Seele gesprochen....
Vielen Dank , Margarete Stokowski , dieser Artikel gehört mit zu den wirklich "Guten" ;). Was ich nicht soo oft von mir gebe ....;).
citizen01 26.07.2016
3. So bekloppt ist doch niemand!
Auch Frau Stokowski glaubt, die hiesige Bevölkerung vor akutem, ziellosem Herumlaufen und schrillem Schreien bewahren zu müssen. Wie sie richtig beschreibt, gibt es zunehmend schreckliche Nachrichten, die eine gewisse - wenn man das so sagen darf - Abhärtung erzeugt haben. Gleichwohl wächst der Unmut über die Situation und die fehlende Einsicht verantwortlicher Politiker/innen
Dr. Kilad 26.07.2016
4. Danke!
Sie sprechen mir aus der Seele.
andymue 26.07.2016
5. Nett geschrieben
Aber leider nur ein weiterer Versuch das Volk auf den Terror, der gekommen ist um zu bleiben, einzustimmen. Der Tenor dieses Artikels ist doch: tja, da kann man nix machen, aber wir haben uns ja noch. Wer als Journalist so denkt, und nicht gegen den Terror anschreibt, hat bereits aufgegeben! Ich bin nicht dazu bereit! Mir ist die Zukunft meiner Kinder nicht egal. Bis zum Sommer 2015 war diese nämlich rosig, jetzt aber nicht mehr. Und ich will mich nicht damit abfinden!
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