Zum Tode Horst Faas': "Das ist ja die Absicht des Krieges: zu töten"

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Der Krieg war sein Leben: Der deutsche Fotograf Horst Faas, der nun im Alter von 79 Jahren starb, begleitete mehr als ein Jahrzehnt die Kämpfe in Vietnam. Die preisgekrönten Bilder der Reporterlegende wurden weltweit zu Ikonen und begründeten seinen Ruhm.

Horst Faas ist tot: Chronist des Schreckens Fotos
AP

Der Krieg verfolgte ihn ein ganzes Leben lang - und er verfolgte den Krieg: Horst Faas war wohl "der Journalist in der Geschichte, der die meisten Kampfhandlungen begleitet hat", vermutete einmal David Halberstam, selbst legendärer Kriegsreporter der "New York Times". Während des Vietnam-Kriegs teilte er ein Jahr lang ein Haus mit dem Deutschen Faas in Saigon. Dennoch fällt das Urteil schwer, womit Horst Faas größere Verdienste erwarb: als Fotoreporter an den Brennpunkten des Geschehens - oder als verantwortlicher Redakteur, der die Fotografen der Nachrichtenagentur AP koordinierte, für die er fast 50 Jahre lang arbeitete.

In beiden Funktionen wurde die Arbeit des gebürtigen Berliners mit der höchsten Auszeichnung geehrt, die der Journalismus zu vergeben hat: Für die Bilder, die Faas 1965 von einem Fronteinsatz in Vietnam und 1971 von einem Massaker in einem Fußballstadion in Bangladesch mitbrachte, erhielt er den Pulitzer-Preis - bis jetzt ist er der einzige deutsche Einzelpreisträger geblieben.

Nachdem ihm 1967, irgendwo an der Grenze zu Kambodscha, Raketensplitter die Beine zerfetzten und er fast verblutete, konzentrierte er sich auf den Dienst als Büroleiter der Nachrichtenagentur AP in Saigon. Und sorgte dafür, dass zwei Bilder den Weg auf die Titelseiten fanden, die noch heute das kollektive ikonografische Gedächtnis prägen: Das Bild des neunjährigen nackten Mädchens, das mit Brandspuren übersät schreiend auf einer Landstraße vor den Wolken eines Napalm-Angriffs flieht, schockierte die US-Öffentlichkeit 1972 nachhaltig.

Der Krieg gehörte bereits zu seiner Kindheit

Aufgenommen wurde es von Nick Ut, einem Schüler Faas', und eigentlich widersprach es den Kriterien von AP, schließlich war das Mädchen komplett nackt zu sehen. Zudem sei das Bild zu grausam, argumentierten die leitenden Redakteure der Agentur. Doch Faas setzte sich durch, das Bild wurde veröffentlicht. Ut erhielt 1973 seinerseits den Pulitzer-Preis für das Foto.

Ähnlich war es bereits einige Jahre zuvor mit einem Foto geschehen, das den Moment festhielt, in dem der Polizeichef von Saigon einem vermeintlichen Anhänger des Vietcong die Pistole an die Schläfe hält und abdrückt. Das Dokument der kaltblütigen Exekution, aufgenommen von Edward T. Adams, wurde 1969 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Faas hatte nie Scheu, auch die Toten des Krieges zu fotografieren. "Das ist ja die Absicht des Krieges: zu töten", erklärte er einmal. Und der Krieg gehörte seit der Kindheit zu Faas' Leben. Den Großteil des Zweiten Weltkriegs erlebte er in Berlin, wo er 1933 geboren wurde, er wurde Zeuge von Zerstörung und Brutalität. Nach dem Abitur heuerte er früh bei einer Nachrichtenagentur an: 1951, gerade einmal 18 Jahre alt, begann er in München bei Keystone und wurde bald in ganz Deutschland eingesetzt.

"Ich habe in Saigon ganz gut gelebt"

1956 wechselte er zu AP; vier Jahre später ging er aus freien Stücken in den Kongo, wo gerade der Bürgerkrieg wütete. "Der Kongo war ein Übungsplatz für die Journalisten, die später nach Vietnam gingen. Wie ich", urteilte er in der Rückschau. Auch in Algerien fotografierte er den Krieg gegen die Kolonialmacht Frankreich, bevor er schließlich nach Saigon wechselte. Auch wenn er später noch den Jom-Kippur-Krieg hautnah erlebte, 1972 die Geiselnahme bei den Olympischen Spielen von München fotografierte oder als AP-Chef-Bildredakteur für Europa, Afrika und den Nahen Osten fungierte - Vietnam blieb der Bezugspunkt seines Lebens.

Faas' Bilder des Vietnam-Kriegs - ob von ihm selbst fotografiert oder redaktionell betreut - haben die Kriegsfotografie für immer verändert. In einem Interview mit der "taz" aus dem Jahr 2000 sprach Faas selbst davon, dass die Bilder "den modernen Fotojournalismus mitgeprägt" hätten. Auch in aktuellen Konflikten würden Fotografen versuchen, ähnliche Aufnahmen zu generieren, wie sie in Vietnam gelungen waren. Seine Bilder setzten sich deutlich von "ästhetischen Stilisierungen" anderer Kollegen ab, befand der deutsche Fotografie-Professor Michael Ebert. "Seine Bilder sind keine heroischen Schlachtgemälde. Sie zeigen die Welt ungeschminkt und den Krieg so brutal und abscheulich, wie er ist."

Obwohl ihm die Wirkung seiner Arbeit bewusst war, versuchte Faas stets, Distanz zu den Erlebnissen zu bewahren. "Ich habe Kunst gesammelt, ein schönes Haus gehabt und dort ganz gut gelebt", sagte er über die Zeit in Saigon, die er gemeinsam mit seiner Frau Ursula verbrachte. "Man muss sich distanzieren, und wenn man das nicht tut, soll man besser damit aufhören", bekannte er im "taz"-Interview. Dass er den Vietnam-Krieg überlebte, anders als viele Dutzende seiner Kollegen, führte er einmal lakonisch darauf zurück, dass "man halt vorsichtig" sein müsse. In Vietnam habe er sich stets genau die Ausrüstung und die Verfassung der US-Einheiten angeschaut, die er habe begleiten dürfen. Nur wenn Faas der Überzeugung war, dass sie einem Angriff der Vietcong standhalten würden, kam er auch mit.

"Lieber Horst, die ganze Tragödie war umsonst"

Mehr als fünf Jahre recherchierte er gemeinsam mit Tim Page in den neunziger Jahren für "Requiem" - einen Bildband als Hommage an 135 Fotografen-Kollegen auf beiden Seiten, die den Krieg in Vietnam nicht überlebten. Er organisierte laufend Workshops für Fotografen in Vietnam, bei einem von ihnen erkrankte er 2005 an einer Infektion, die ihn querschnittsgelähmt in den Rollstuhl zwang und von der er sich zeitlebens nicht mehr erholte.

In Deutschland fand sich leider nie ein Verleger für "Requiem". Ohnehin war Faas' Ruhm in Großbritannien und den USA weitaus größer. Welche Wertschätzung er selbst bei jenen genoss, die seine Arbeit als Untergrabung der Kampfmoral hätten werten können, macht das Schreiben deutlich, dass General William Westmoreland, der US-Oberkommandierende in Vietnam, nach dem Truppenabzug an Faas schrieb: "Lieber Horst, die ganze Tragödie war umsonst."

Übelgenommen hat Faas seinem Heimatland die fehlende Anerkennung nicht. Als er im Jahr 2005 in Deutschland den Erich-Salomon-Preis verliehen bekam, bezeichnete er das als die wichtigste Auszeichnung seines Lebens - noch vor den Pulitzer-Preisen. Im gleichen Jahr kehrte er auch nach München zurück, die Stadt sei eindeutig behindertengerechter, befand er. Dort starb er nun im Alter von 79 Jahren.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. und...
Layer_8 11.05.2012
Zitat von sysopDer Krieg war sein Leben: Der deutsche Fotograf Horst Faas, der nun im Alter von 79 Jahren starb, begleitete mehr als ein Jahrzehnt die Kämpfe in Vietnam. Die preisgekrönten Bilder der Reporterlegende wurden weltweit zu Ikonen und begründeten seinen Ruhm. Nachruf auf AP-Kriegsfotograf Horst Faas - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,832678,00.html)
...in Laos und Kambodscha liegen immernoch die US-amerikanischen Streuminen rum. Sehen zum Teil aus wie metallene Spielzeugschmetterlinge. Prima für die Kinder dort. Ganz tolles Theater, was die Amis dort damals ablieferten. Und das ist jetzt schon 40 Jahre her. Und in Afghanistan und im Iraq werden in 40 Jahren wohl noch Urangeschosse rumliegen... interessantes Erlebnis meinerseits in Laos: Die Amis haben jetzt ein schlechtes Gewissen und wollten ihre ganze Scheiße selbstlos wieder wegräumen, nur die Laoten wollen die Amis nicht mehr haben. Schnauze voll bis oben. Da laufen diesbezüglich nur EU-Projekte. Hat eigentlich irgendjemand schon Henry Kissinger angeklagt?
2. Falsch verstanden
sprechweise 11.05.2012
"Das ist ja die Absicht des Krieges: zu töten" Bei aller Kritik am Krieg, aber das ist nicht das Ziel eines Krieges. Krieg nimmt das Töten in Kauf, das ist was ganz anderes
3. Mkay
vlupme 11.05.2012
Zitat von Layer_8...in Laos und Kambodscha liegen immernoch die US-amerikanischen Streuminen rum. Sehen zum Teil aus wie metallene Spielzeugschmetterlinge. Prima für die Kinder dort. Ganz tolles Theater, was die Amis dort damals ablieferten. Und das ist jetzt schon 40 Jahre her. Und in Afghanistan und im Iraq werden in 40 Jahren wohl noch Urangeschosse rumliegen... interessantes Erlebnis meinerseits in Laos: Die Amis haben jetzt ein schlechtes Gewissen und wollten ihre ganze Scheiße selbstlos wieder wegräumen, nur die Laoten wollen die Amis nicht mehr haben. Schnauze voll bis oben. Da laufen diesbezüglich nur EU-Projekte. Hat eigentlich irgendjemand schon Henry Kissinger angeklagt?
Streumunition und Landminen sind schlecht und töten noch heute aber was hat das mit dem Leben von Herrn Faas zu tun, der zwar in Vietnam tätig war aber eher der Welt mit den Fotos die Augen geöffnet hat.
4.
_42_ 11.05.2012
Zitat von sysopDer Krieg war sein Leben: Der deutsche Fotograf Horst Faas, der nun im Alter von 79 Jahren starb, begleitete mehr als ein Jahrzehnt die Kämpfe in Vietnam. Die preisgekrönten Bilder der Reporterlegende wurden weltweit zu Ikonen und begründeten seinen Ruhm. Nachruf auf AP-Kriegsfotograf Horst Faas - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,832678,00.html)
Bevor dieser Thread durch politische und moralische Diskussion zerbombt wird, möchte ich die Gelegenheit nutzen und Horst Faas aus tiefstem Herzen danken. Mir waren viele der Fotos zwar schon bekannt, aber ich wusste bislang nicht, dass Horst Faas sie entweder selbst geschossen oder deren Veröffentlichung durchgesetzt hat. Dieser Mann hat Großes geleistet, denn diese Bilder sagen mehr als tausend Worte. Sie haben die öffentliche Wahrnehmung dieser Kriege im positiven Sinne stark geprägt, weil jeder sehen konnte, wie grausam es dort überhaupt zugeht. Menschen wie ihn bräuchte es wirklich mehr in der aktuellen Medienlandschaft...
5. "Das ist ja die Absicht des Krieges: zu töten"
MSander 11.05.2012
Zitat von sprechweiseBei aller Kritik am Krieg, aber das ist nicht das Ziel eines Krieges. Krieg nimmt das Töten in Kauf, das ist was ganz anderes
Doch doch, genau das IST die Absicht eines Krieges. Nicht das Ziel, aber die Absicht.
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