Zum Tode von Margarete Mitscherlich-Nielsen: Mit Freud gegen das Vergessen

Von Jan Feddersen

Keine Macht dem Verdrängen: Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich-Nielsen war eine der einflussreichsten Stichwortgeberinnen Nachkriegsdeutschlands, eine Ikone der 68er und der Frauenbewegung. Jetzt ist sie im Alter von 94 Jahren gestorben.

Margarete Mitscherlich: Unangepasste Vordenkerin Fotos
dapd

Ihr letztes Buch mit dem sprechenden Titel "Die Radikalität des Alters" war gerade erschienen, da erläuterte sie in einem Zeitungsinterview: "Wenn Sie anfangen, eine unfreundliche alte Hexe zu werden, dann wird das Leben schwierig." Als Margarete Mitscherlich-Nielsen dies der Reporterin der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" sagte, war sie eben 93 Jahre alt geworden - und von ihrer fast gleißenden Kraft war ihr körperlich nicht mehr viel geblieben. Sie war auf ein Gehwägelchen angewiesen, durfte und konnte ihrer Augen wegen nicht mehr selbst am Steuer eines Autos sitzen, Ausflüge in ihr geliebtes Italien waren ihr nicht mehr möglich. Und sie hörte nicht mehr gut - keine gute Voraussetzung für ihre Arbeit als Psychoanalytikerin.

Altsein sei schwer, erzählte sie allen, mit denen sie in den vergangenen Jahren in Kontakt kam. Plötzlich war sie auf Hilfe angewiesen, auf Menschen, ohne die sie immobil gewesen wäre. Aber sie blieb typische Analytikerin der klassischen Schule Sigmund Freuds: Sie erklärte nämlich, dass es klug wäre, Hilfe zu mögen, sich mit dem Unvermeidlichen auszusöhnen, zu verstehen also, dass nicht mehr geht, was doch vorher selbstverständlich war: autonom zu sein, Entscheidungen treffen zu können, Wahlmöglichkeiten zu haben.

Denn das Leben der Margarete Mitscherlich-Nielsen war ein Paradeparcours in Sachen Autonomie und selbstgewählter Abhängigkeit. Sie war ein Vorbild für viele, vor allem für viele Frauen: Sie, die sich eher selten als Feministin bezeichnete, die eher sagte, der Psychoanalyse alles zu verdanken, also auch der Begegnung mit ihrem späteren Mann Alexander Mitscherlich. Sie war ein Vorbild für Frauen, die wie sie mit manchen Beschwerlichkeiten zu kämpfen hatte - vor allem im Hinblick auf die Anerkennung der eigenen Leistung, die nicht über einen Mann definiert ist.

Sprecherin eines deutschen Gewissens

1917 im dänischen Grasted an der Grenze zu Deutschland geboren, Tochter eines dänischen Arztes und einer deutschen Lehrerin, machte 1940 Abitur, studierte in Flensburg, München und Heidelberg Medizin und Literatur. Über einen ihrer akademischen Lehrer, ihren späterer Mann Alexander Mitscherlich, lernte sie die Psychoanalyse kennen, lernte im Ausland weiter - und avancierte zu einer der einflussreichsten Stichwortgeberinnen in der intellektuellen Diskursarena der Nachkriegsrepublik. Mitscherlich-Nielsen - das war nicht nur die Co-Autorin ihres Mannes, die mit ihm 1967 die Schrift über "Die Unfähigkeit zu trauern" in die Welt setzte und diese mit den wichtigsten Prunkvokabeln der Debatten ausrüstete: "Unfähigkeit" (die es zu beheben gelte) und "Trauer" (die man spüren müsse und nicht verdrängen dürfe).

Wie ihr Ende letzten Jahres verstorbener Kollege Horst-Eberhard Richter war sie Sprecherin eines deutschen Gewissens, das die Rückstände der eigenen Vergangenheit unbedingt erörtert sehen wollte. Verdrängung? Ein naturhafter Vorgang, der Narben hinterlässt - und politisch zweckvoll aufgepult gehört.

Dabei missverstand das Publikum beinahe den Kern der "Unfähigkeit zu trauern": dass da ein Volk den einst geliebten Führer nach dessen Tod geradezu verleugnet. Aber die Mitscherlichs gingen auf diese Fehlleistung als gute Freudianer klassisch ein: Dann war eben der Mord an den Juden das Thema, nicht Adolf Hitler, der doch alles väterlich ins Werk setzte.

Beide operierten in ihren Debattenbeiträgen nicht im luftleeren Raum. Mit den Adornos und Habermas war man befreundet, man ging in den sozialliberal-bürgerlichen Kreisen ein und aus - und war selbst ein Fokus einer neuen, demokratisch gesinnten Intellektuellenschicht. In den achtziger Jahren schließlich machte Mitscherlich-Nielsen, nach dem Tod ihres Mannes, als Autorin allein Furore: Titel wie "Die friedfertige Frau" (1985) und "Über die Mühsal der Emanzipation" (1990) zeigten sie als Denkerin, die der Frau als Gattungswesen jede Illusion beraubte.

Frauen seien besonders friedfertig? Quatsch - das sei ein Ammenmärchen, das ignoriere, wie sehr Frauen die Ergänzung zum aggressiven-soldatischen Mann zu geben hatten. Allerdings glaubte sie auch, dass Frauen im Nationalsozialismus geringer ausgeprägte antisemitische Haltungen zeigten - was die Forschung längst als Mär enthüllt hat. KZ-Wärterinnen, Mütterlichkeit im Nationalsozialismus, die Neigung zur Komplizenschaft im Männlich-Soldatischen: Nichts hat Frauen vor (Selbst-)Vergiftung und -Ermächtigung durch das Nationalsozialistische bewahrt und bewahren sollen.

Mitscherlich-Nielsen guckte in den vergangenen Jahren bekennenderweise mit starker Zufriedenheit auf ihre Lebensjahre zurück. Ja, sie habe mitgemischt, und sie habe es gern gemacht. In all den Kulturkämpfen, die diese Welt in der Bundesrepublik besser gemacht hat. Da sprach eine, die an allen Streits und Disputen ihren Anteil hatte - auch an denen über ihre Disziplin, der Psychoanalyse, dessen Fachorgan "Psyche" sie von 1982 an redaktionell mit herausgab.

Einer jungen Interviewerin spendete sie keine Zuversicht, was das eigene Kämpfen anbetrifft: Wogegen sie denn kämpfen wolle?, fragte die Alte die Junge. Sie sei froh, dass die alten Zeiten vorbei seien, die Vierziger, Fünfziger, Sechziger. Und eine Heldin sei sie auch nicht gewesen während des Nationalsozialismus. Habe immer probiert, das Richtige, das Vernünftige zu tun - und wäre auch lieber eine Sophie Scholl gewesen. Nun, das sei sie aber nicht gewesen - "ich war nicht mutig genug". So lapidar hat keine sonst ihr eigenes Sein im Schrecklichen angesiedelt - ohne sich oder andere, Mutigere, zu verraten.

Mit Margarete Mitscherlich-Nielsen ist am Dienstag in Frankfurt am Main eine der klügsten Denkerinnen des Nachkriegs gestorben, ein Vorbild in jeder Hinsicht. Sie wurde 94 Jahre alt.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Ein herber Verlust..
bürostuhlpilot 13.06.2012
- wieder hat eine der ganz großen Persönlichkeiten der Psychoanalyse in der Nachkriegszeit den erhabenen Zirkel der - auch politisch - tätigen Psychoanalytiker verlassen. In einer Reihe zu nennen mit Erich Fromm - und nicht zu vergessen: Horst-Eberhard Richter.
2. Grasted gibt es nicht in Dänemark
falster 13.06.2012
Es gibt zwar ein Græsted. Das liegt aber in Sjælland, weit weg von der Deutschen Grenze. Glauben Sie mir, Margarete Mitscherlich-Nielsen wurde in Gravenstein (Gråsten) geboren. Ich komme selbst aus Gravenstein, und meine Mutter hat die Eltern von der Margarete Nielsen gekannt. Sie können getrost Gravenstein schreiben anstatt Grasted.
3.
alexbln 13.06.2012
die großen "alten" denker werden leider immer weniger. so wenig ich von der psychoanalyse halte, "die unfähigkeit zu trauern" ist ein großes werk, das auf immer bestand haben wird.
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