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Zum Tode Eric Hobsbawms: Der Mann, der mit Marx Geschichte schrieb

Von , London

Der Historiker Eric Hobsbawm war ein Marxist, der selbst von politischen Gegnern hoch geachtet wurde. Dem Londoner Star-Professor ging es stets um die großen Zusammenhänge der Weltgeschichte - aus der Perspektive der Unterdrückten.

Eric Hobsbawm, aufgenommen im Januar 1976 Zur Großansicht
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Eric Hobsbawm, aufgenommen im Januar 1976

Er war der bekannteste marxistische Historiker der Welt und ein führender Vertreter der britischen Linken. Sein vierbändiges Standardwerk über die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts ("The Age of Revolutions", "The Age of Capital", "The Age of Empire" und "The Age of Extremes") wurde zum Bestseller. Es ziert die Regale unzähliger Studentenzimmer und Bildungsbürgerhaushalte. Eric Hobsbawms Klassiker sei die beste Einführung in die Zeitgeschichte, die er kenne, räumt selbst Niall Ferguson ein, sein konservativer Landsmann und Historikerkollege.

Am 1. Oktober 2012 ist der britische Wissenschaftler nun im Alter von 95 Jahren im Royal Free Hospital in London gestorben. Er erlag am frühen Morgen einer langen Krankheit, berichtet der "Guardian" unter Berufung auf Hobsbawms Tochter Julia.

Erst einmal richtig Englisch lernen

Jahrzehntelang hat Hobsbawm Studenten in den USA und Großbritannien mit seinen Entwürfen zum großen Ganzen gefesselt. Er war ein Historiker alter Schule: Er dachte in großen Linien statt in kleinteiligen Abschnitten. Dennoch: Er hatte nicht nur einen analytischen Verstand, sondern auch das Auge für anschauliche Details und Anekdoten. Er sprach und schrieb verständlich, verzichtete auf Akademiker-Jargon. Das machte ihn bis zuletzt zu einem vielgefragten Kommentator und öffentlich engagierten Intellektuellen.

Hobsbawm wurde am 9. Juni 1917 in Alexandria im damaligen britischen Protektorat Ägypten geboren. Sein polnisch-jüdischer Großvater hatte Obstbaum geheißen, der Familienname wurde nach der Einwanderung nach Großbritannien angliziert. Erics Vater war Brite, seine Mutter eine österreichische Jüdin.

Der junge Eric wuchs in Wien auf, bis seine Eltern plötzlich kurz nacheinander starben. Ein Onkel nahm den Teenager 1931 mit nach Berlin, wo er das humanistische Prinz-Heinrich-Gymnasium in Schöneberg besuchte. Hier erlebte Hobsbawm den Aufstieg Hitlers und hatte ersten Kontakt zur kommunistischen Partei. 1933 floh die Familie vor den Nazis nach London. Der Schüler Hobsbawm musste erstmal richtig Englisch lernen. Mit einem Stipendium studierte er später am King's College in Cambridge.

Nicht Staatsmännern, sondern Unterdrückten galt sein Interesse

Seine Jahre dort legten den Grundstein für eine außergewöhnliche wissenschaftliche Karriere. In der Nachkriegszeit begründete Hobsbawm zusammen mit EP Thompson und Christopher Hill eine neue Schule marxistischer Historiker. Sie scherten sich nicht um die großen Taten der Staatsmänner, sondern studierten die Geschichte der Unterdrückten. Hobsbawms Lebensthema wurde die soziale Ungleichheit - und die Suche nach Wegen, sie zu überwinden.

Von 1936 bis zum Fall des Eisernen Vorhangs war Hobsbawm Mitglied der kommunistischen Partei. Seine Entscheidung hat ihm den Aufstieg im britischen Establishment nicht eben leicht gemacht. Erst 1970 bekam er seinen ersten Lehrstuhl am Birkbeck College in London. Was die einen als Zeichen von Unbeugsamkeit und Aufrichtigkeit bewunderten, kritisierten andere als Halsstarrigkeit und Ignoranz. Er wollte nicht einmal dann aus der Partei austreten, als die sowjetische Gewaltherrschaft für alle sichtbar war. Er zählte zu jener Generation, die sehr lange ihre romantische Vorstellung vom Kommunismus pflegte.

Dabei war Hobsbawm kein orthodoxer Marxist, eher ein sehr linker Sozialdemokrat. Er sah das Werk von Karl Marx nicht als politisches Programm an, sondern als Werkzeugkasten für die historische Analyse. Die kommunistische Utopie war in seinen Augen nicht der geschichtliche Endzustand nach dem Umsturz des Kapitalismus, sondern ein Korrektiv zur Marktwirtschaft.

Der Fall der Berliner Mauer schien den Kommunismus endgültig auf den Müllhaufen der Geschichte zu verbannen. Doch Hobsbawm ließ sich nicht beirren. Er verteidigte Marx bis zum Schluss. Im Laufe seiner langen Karriere lehrte er an vielen erstklassigen Universitäten, darunter Cornell, Cambridge und MIT. Doch seine intellektuelle Heimat blieben das Birkbeck College in London und die New School for Social Research in New York. Beide Universitäten sind Hochburgen der kritischen Theorie - und stolz auf ihre Tradition deutsch-jüdischen Denkens.

Marx wusste es schon vor 150 Jahren

Hobsbawm lebte in Hampstead in Nord-London. Das Viertel, in dem einst auch Marx wohnte, gilt als das Zentrum des jüdischen intellektuellen Lebens der britischen Hauptstadt. Zu seinen Nachbarn im Viertel gehörte Ralph Miliband, der Vater des Parteivorsitzenden der Labour-Partei, Ed Miliband.

Der Einfluss Hobsbawms auf das linke Denken in aller Welt kann kaum überschätzt werden. Er war einer der letzten großen Vertreter der linken Tradition des 20. Jahrhunderts. Zu seinem 95. Geburtstag im Juni gratulierten unter anderem Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano und Brasilien Ex-Präsident Lula.

Und auf seine alten Tage hatte Hobsbawm Grund zur Genugtuung. Die Finanzkrise schien eine Abkehr vom Ultra-Kapitalismus der neunziger Jahre einzuleiten, der totgesagte Wohlfahrtsstaat erlebte ein Comeback. Den streitbaren Historiker überraschte die Krise des entfesselten Kapitalismus natürlich nicht: Marx habe dies schon vor 150 Jahren vorhergesehen.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Er wird fehlen
asib2009 01.10.2012
Zitat von sysopGetty ImagesDer Historiker Eric Hobsbawm war ein Marxist, der selbst von politischen Gegnern hoch geachtet wurde. Dem Londoner Star-Professor ging es stets um die großen Zusammenhänge der Weltgeschichte - aus der Perspektive der Unterdrückten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/nachruf-auf-britischen-historiker-eric-hobsbawm-a-858999.html
Einer der ganz Großen. Wer die Gegenwart verstehen will, sollte seine Bücher lesen.
2. „romantische Vorstellung vom Kommunismus“
Haywood Ublomey 01.10.2012
„Er wollte nicht einmal dann aus der Partei austreten, als die sowjetische Gewaltherrschaft für alle sichtbar war. Er zählte zu jener Generation, die sehr lange ihre romantische Vorstellung vom Kommunismus pflegte.“ Das war ein bißchen anders. Hobsbawm hat es oft genug gesagt: Mit der gewaltsamen Niederschlagung des ungarischen Sonderwegs 1956 hatte sich der „Realsozialismus“ für ihn im Grunde genommen erledigt. Aber er wollte sich nicht dem antikommunistischen Zeitgeist beugen, der nur die Übel im Sowjetreich bemerkte und über Gewalt und Elend anderswo hinwegsah. Und da die britischen Kommunisten so fern von jedweder Macht waren, wie man nur sein kann, mußte er nicht die Sorge haben, mit seiner Mitgliedschaft etwas Falsches zu unterstützen.
3. R.i.p.
bickle76 01.10.2012
Ein guter Anlass, seine Bücher aus dem Regal zu kramen... echt gut! Wieso kommt diese Meldung unter "Kultur"? Würde nicht vielmehr das Wissenschaftsressort passen? Oder wie wäre es mit "Wirtschaft"???
4. Wie wäre Kriminalistik?
RealityCheck 01.10.2012
Hobsbawm wurde bekannt als Apologet des sozialistischen Massenmords. Bekannt wurde er durch seine Erklärung 1994 gegenüber Michael Ignatieff, die Herrschaft des Sozialismus in der Sowjetunion wäre den Mord an 20 Millionen Menschen wert gewesen. Das schadete seinem Ansehen bei der Linken aber keineswegs, im Gegenteil, er wurde weiterhin verehrt und gefeiert. Ein Grund mehr, die Motivationen der marxistischen Bewegungen zu hinterfragen. http://www.nationalreview.com/corner/328903/eric-hobsbawm-1917-2012-andrew-stuttaford
5.
bickle76 01.10.2012
Zitat von RealityCheckHobsbawm wurde bekannt als Apologet des sozialistischen Massenmords. Bekannt wurde er durch seine Erklärung 1994 gegenüber Michael Ignatieff, die Herrschaft des Sozialismus in der Sowjetunion wäre den Mord an 20 Millionen Menschen wert gewesen. Das schadete seinem Ansehen bei der Linken aber keineswegs, im Gegenteil, er wurde weiterhin verehrt und gefeiert. Ein Grund mehr, die Motivationen der marxistischen Bewegungen zu hinterfragen. http://www.nationalreview.com/corner/328903/eric-hobsbawm-1917-2012-andrew-stuttaford
Aha. Können sie das auch durch Primärliteratur belegen? Wo hat Hobsbawm in irgendeiner Weise irgendeinen Massenmord befürwortet??? National Review Online als Quelle? ECHT JETZT???
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