Zum Tod Christian Semlers: Ein brillanter Änderungsschneider

Von und Michael Sontheimer

Von Christian Semler konnte man lernen: Über die Geschichte der westdeutschen Linken. Über die Wandlung eines radikalen Maoisten zum undogmatischen Intellektuellen. Oder einfach einen guten Witz.

Christian Semler (1938 - 2013) Zur Großansicht
Wolfgang Borrs

Christian Semler (1938 - 2013)

Manchmal muss man Prioritäten setzen. Zum Beispiel an einem späten Nachmittag, die Seite eins der "taz" soll in einer halben Stunde fertig sein, doch es gibt noch nichts, keine Schlagzeile, keine Idee, und auch die Texte fehlen. Und eigentlich müsste man jetzt rotieren, mit Schweißperlen auf der Stirn. Aber dann steht Christian Semler am Tisch des Chefs vom Dienst. Ihm sei da gerade ein Witz eingefallen. Und danach, das sei ja auch interessant, welche Bedeutung die biblischen Figuren Gog und Magog hätten, deren Zusammentreffen dereinst den Weltuntergang einläuten werde, soll er mal erzählen?

Selbstverständlich sollte er. Da konnte ringsum die Welt untergehen oder auch nur eine Koalition auf Landesebene - das Tagesgeschäft spielte keine Rolle, wenn man die Chance hatte auf ein anregendes Gespräch mit Christian Semler, diesem weisen Mann, dem klügsten Kopf der "taz". Wenn er sein Wissen teilen wollte, hörte man gerne zu. Denn von ihm und an seinem Beispiel konnte man lernen. Über die Geschichte und Wandlung der westdeutschen Linken. Oder einfach einen guten Witz.

Ein Achtundsechziger, im Guten wie im Schlechten

Christian Semler verkörperte die Achtundsechziger, im Guten wie im Schlechten. Vom Protagonisten des anarchistischen Flügels der Studentenbewegung in West-Berlin verwandelte er sich in den Generalsekretär einer maoistischen Partei, bevor er als Journalist zum linken und grünen Demokraten wurde.

Semler, der in der Nacht zu Mittwoch in Berlin an Blutkrebs gestorben ist, stammte aus bürgerlichen beziehungsweise bourgeoisen Verhältnissen. Seine Mutter war die bekannte Schauspielerin und Kabarettistin Ursula Herking, sein Vater der CSU-Mitbegründer und Bundestagsabgeordnete sowie BMW-Aufsichtsratsvorsitzende Johannes Semler.

Im Jahr 1938 in Berlin geboren, wuchs Christian Semler weitgehend in Bayern und in verschiedenen Internaten auf, studierte in Freiburg im Breisgau und München Jura. Nach einem kurzen Zwischenspiel als "Beamtenanwärter" nahm er das Studium der Politologie und Geschichte auf. Bereits 1957 trat er in den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und die SPD ein, wobei er der Partei bald wieder den Rücken kehrte.

Im SDS dagegen in West-Berlin traf Semler auf unruhige Geister wie Rudi Dutschke, Bernd Rabehl, Peter Schneider und viele andere. Es ging ihm bald nicht mehr nur um die Demokratisierung der Universitäten, sondern um nichts Geringeres als den vollständigen Umsturz der herrschenden Verhältnisse. Inspiriert von Revolutionären der Dritten Welt wie Che Guevara und Ho Chi Minh propagierten Semler und seine Genossen die Weltrevolution und träumten davon, dass Arbeiterräte in West-Berlin die Macht übernehmen könnten.

Stratege der militanten Eskalation

Nachdem ein Polizist den Studenten Benno Ohnesorg erschossen und ein Rechtsradikaler Rudi Dutschke lebensgefährlich verletzt hatte, legitimierte Semler den "Widerstand" der Studenten gegen die Staatsgewalt. Er war ein brillanter Redner, ein Mann der Militanz und als solcher der Stratege der Eskalation, als Studenten, Jugendliche und Rocker im November 1968 mittels eines Steinhagels vor dem Landgericht am Tegeler Weg Hunderte von Polizisten in die Flucht schlugen. Doch auf einer Demonstration schlug dann ein Polizist Semler derart hart mit dem Knüppel ins Gesicht, dass er fortan schlecht sah und starke Brillen tragen musste.

Als die Bewegung sich 1969 schon festlief, in terroristische Gruppen und theoretische Zirkel zerfiel, griffen Semler und andere Genossen tief in die Requisitenkiste der Arbeiterbewegung. Von antiautoritären Anarchisten verwandelten sie sich in maoistische Kader und unternahmen den Versuch, von West-Berlin aus eine revolutionäre Arbeiterpartei aufzubauen, die Kommunistische Partei Deutschlands Aufbauorganisation, abgekürzt KPD/AO, von anderen Linken gerne als "Anull" geschmäht.

In der KPD versuchten sich Bürgerkinder zur Proletariern umzuerziehen, während die umworbenen Proletarier für die Revolution schon viel zu bürgerlich waren. Wie andere linksradikale Kleinparteien kamen auch Semler und seine Kader Ende der siebziger Jahre nicht umhin, ihr Scheitern einzugestehen. Mit autoritären Rezepten der Kommunisten aus den zwanziger Jahren und aus dem fernen China ließen sich in der Bundesrepublik keine Massen mobilisieren.

Das maoistische Weltbild bröckelte

Es seien damals die Genossen in Osteuropa gewesen, berichtete Semler 1999 der "Zeit", die sein maoistisches Weltbild bröckeln ließen. Semler und seine KPD/AO-Mitstreiter hatten erwartet, in Oppositionellen aus Polen und Jugoslawien zuverlässige Verbündete gegen die Sowjetunion zu finden - und mussten feststellen, dass diese nicht nur Stalin, sondern auch den verehrten Mao für einen Verbrecher hielten. Es sei ihm unmöglich geworden, weiterhin zugleich gegen den Stalinismus und für den Maoismus einzutreten.

Während ein großer Teil der KPD-Kader in der Alternative Liste in West-Berlin und bei den Grünen eine neue Heimat suchte, wandte sich Semler der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc und deren Kampf zu. Er arbeitete in Köln als freier Journalist, und als sich Anfang 1989, von Polen ausgehend, der Zusammenbruch des Sozialistischen Lagers unter Führung der Sowjetunion andeutete, zog er nach West-Berlin und begann, bei der "taz" zu arbeiten. Bald nach dem Fall der Mauer ließ Christian Semler sich in Ost-Berlin, im Prenzlauer Berg nieder, wo er bis zu seinem Tode wohnte.

Die Wandlung des maoistischen Hardliners zu einem linksalternativen Intellektuellen vollzog Semler mit einer in der Linken selten anzutreffenden Gelassenheit - ohne bekenntnishafte Generalabrechnung mit der eigenen Vergangenheit, aber doch mit beständiger Hinterfragung seiner Positionen in der täglichen Arbeit, in seinen Kommentaren zum Zeitgeschehen, die er selbst gerne "Besinnungsaufsätze" nannte.

Das lebendige Gedächtnis der Revolte

"Wer sich eine Linke wünscht, deren historische Verarbeitungskapazität sich nicht auf das Wiederkäuen von Mythen beschränkt, ist zur kritischen Sicht auch auf die Geschichte des eigenen Lagers verdammt", schrieb Semler 2001 in seinem bemerkenswerten Aufsatz "Die Linke im Waschsalon", in welchem er die aus den Fünfzigern vererbten Hauptantriebe einer "unglücklichen Linken" analysierte: "Imaginierte, aus dem moralischen Entscheid und aus Hoffnungsblau geborene Projekte plus ständiger Angst vor dem Rückfall in die Barbarei." Er schließt: "In die Waschmaschine damit? Keinesfalls. Sondern in die Änderungsschneiderei, zur Secondhandverwertung!"

Daniel Cohn-Bendit nannte Christian Semler "das lebendige Gedächtnis der linken Revolte", und als solches erlebten ihn die Kolleginnen und Kollegen bei der "taz" alltäglich: Wenn wieder einmal ein Fernsehteam gekommen war, um den Zeitzeugen zu befragen. Wenn Semler, als alle die Redaktionskonferenz bereits beendet glaubten, zur allgemeinen Erörterung grundsätzlicher Fragen des Systems aufrief. Seine Themen waren stets die Bürgerrechte, der Rechtsstaat und die Bekämpfung des Totalitarismus jeder Einfärbung.

Gleichzeitig war Semler aber gerne bereit, sein umfangreiches Wissen auch zur unterhaltsamen Analyse profaner Tagesereignisse zur Verfügung zu stellen. Welche tiefere Bedeutung hatten die Absperrgitter bei einem Bush-Besuch in Berlin? Wie ist die "geradezu kulinarische" Bezeichnung "Döner-Morde" zu verstehen? Und was sagt es uns, wenn es "das gute Leben" jetzt zum Schnäppchenpreis im Supermarkt gibt? Semler wusste Bescheid.

2009 wurde Christian Semler für sein journalistisches Schaffen der Otto-Brenner-Preis verliehen. 2010 erhielt er vom polnischen Staatspräsidenten Bronislaw Komorowski die Dankesmedaille des Europäischen Zentrums der Solidarnosc für seinen Einsatz für die demokratische Opposition in Osteuropa. Beide Ehrungen hat er zweifellos verdient.

Doch ein ausgezeichneter Mensch war Christian Semler sowieso.

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    Seite 1    
1. Rest in peace, lieber Christian
nvdh. 13.02.2013
Zitat von sysopVon Christian Semler konnte man lernen: Über die Geschichte der westdeutschen Linken. Über die Wandlung eines radikalen Maoisten zum undogmatischen Intellektuellen. Oder einfach einen guten Witz. Nachruf auf Christian Semler - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/nachruf-auf-christian-semler-a-883154.html)
Erschrocken habe ich soeben vom Tod Christian Semlers gelesen. Wir earen 1951-1953 im selben Internat in Berg am Starnberger See; auch seine Schwester Susanne war dort untergebracht. Christian und ich waren recht eng befreundet, schliefen im selben Zimmer und wurden, beide 14jährig, sogar zusammen konfirmiert. Er war schon damals ein vehementer Gegner der Deutschen Wiederbewaffnung. Unter den Bettdecken hörten wir gemeinsam die Bundestagsdebatten zu diesem Thema aus meinem kleinen Kofferradio. Zu seinem Vater hatte er ein ziemlich distanzietes Verhältnis, aus politischen Gründen. Seine Mutter liebte er abgöttisch. Ja, ja, die Einschläge kommen näher... Adieu Christian! Nils v.d. Heyde
2. Achtundsechziger
peterweingartz 13.02.2013
Es sollte inzwischen selbst bis zu den Herren Kuzmany und Sontheimer durchgedrungen sein, daß der Student Benno O. von einem Agenten der freiheitsliebenden und seinerzeit und auch später von vielen Achtundsechzigern heißverehrten "Deutschen Demokratischen Republik" erschossen wurde. Daß seine Tätigkeit als Polizist bloße Tarnung war, dürfte sich auch herumgesprochen haben, vielleicht noch nicht bis zur "taz", die brauchen halt, wie üblich etwas länger.
3. So spät?
schwerwalter 13.02.2013
Es erstaunt, dass ein gescheiter Mann wie H. Semler der polnischen Opposition bedurfte, um zu erkennen, dass Stalin und Mao Massenmörder waren. Seit Mitte der 60er Jahre konnte man das in jeder seriösen Tageszeitung nachlesen oder aber "schwarz auf weiß" per Filmdokumente sehen - sofern man wollte.
4. Vermeidliches
Izmi 13.02.2013
Zitat von sysopVon Christian Semler konnte man lernen: Über die Geschichte der westdeutschen Linken. Über die Wandlung eines radikalen Maoisten zum undogmatischen Intellektuellen. Oder einfach einen guten Witz. Nachruf auf Christian Semler - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/nachruf-auf-christian-semler-a-883154.html)
Wer sich an die KPD (warum eigentlich KPD? Die ist seit 1956 und immer noch verboten!?) der Herren Semler und Horlemann erinnert, weiß vielleicht auch noch um die Radikalität gerade dieser "Partei"gänger. Ich selbst war damals Mitglied der DKP und hatte nicht selten sogar böse Auseinandersetzungen mit KPD- Menschen, die praktisch jedem Geist der Zusammenarbeit unter Linken (z.B. mit den Gewerkschaften oder vielleicht fortschrittlichen SPD) radikal abhold waren. Damals schon hatten nicht wenige wie ich den Verdacht, hinter diesem Projekt könnte auch in Spaltungsabsicht der Verfassungsschutz stehen. Mag es sein, wie es will. Aber diesem Kleinbürger Semler, der letztlich doch wieder da landete, wo er wohl von Anfang an hingehörte, im mittelständischen Niveau der heutigen Grünen, solche Lobarien zu singen, klingt dann in meinen Ohren doch zu schrill. Dass er nun verstorben ist tut mir leid, war aber letztlich wohl - wie für uns alle - unvermeidlich...
5.
emobil 14.02.2013
Zitat von sysopVon Christian Semler konnte man lernen: Über die Geschichte der westdeutschen Linken. Über die Wandlung eines radikalen Maoisten zum undogmatischen Intellektuellen. Oder einfach einen guten Witz. Nachruf auf Christian Semler - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/nachruf-auf-christian-semler-a-883154.html)
Ich habe aus meiner westberliner Politzeit und einigen Begegnungen mit ihm in den 70er Jahren sehr unangenehme Erinnerungen. Als Gründer und großer Vorsitzender (?) der KPD/AO (oder auch KPD A- Null) Kommunistische Partei Deutschlands (Aufbauorganisation) (http://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistische_Partei_Deutschlands_(Aufbauorganisation)) gefiel er sich sehr in der Rolle des deutschen Mao-Tse-Tung und Stalin-Apologeten. (Suchen Sie mal seine alten "theoretischen" Schriften raus!) Er schreckte auch keineswegs davor zurück, andere, konkurrierende linke Gruppen mit den stalinistischen Schlägertruppen seiner "Partei", v.a. "Liga gegen den Imperialismus", zu bedrohen und unliebsame Versammlungen, in denen Kritik an China und dem großen Vorsitzenden geübt wurden, gewaltsam auflösen zu lassen. Zu seiner Wandlung zum reflektierenden Menschen kam es m.E. auch nicht so ganz freiweillig, sondern erst als es mit dieser KPD-Parteikarrikatur steil bergab ging. Dann war er immerhin so flexibel und clever, sich ein neues Standbein zu suchen. Auf dem hat er allerdings kreativ und virtuos getanzt.
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