Nachruf auf die "Neon" Abschied vom Ich-Journalismus

Im Analogen geboren, vom Digitalen gefressen? Das ewige Jugendmagazin "Neon" wird eingestellt. Dabei war sie doch die Zeitschrift, die Instagram erfand, als es noch gar kein Instagram gab.

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"Ein paar grundsätzliche Fragen müssen geklärt werden", schrieb die Chefredaktion in der ersten Ausgabe des jungen Magazins "Neon" im Juni 2003: "Rede ich bereits wie meine Eltern? Wird mich mein Beruf glücklich machen? Ist mein Partner der Mensch, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen will? Wie mache ich eine Steuererklärung? Und wie bleibe ich trotz all der Alltags-Scherereien locker?"

Heute kann man sagen: Das Wort "Scherereien" benutzt kein Schwein mehr. Und alle diese Fragen sind immer noch nicht geklärt. Wobei: Die hohe Kunst und größte Schwäche der "Neon", die nach 15 Jahren im Sommer von Gruner + Jahr eingestellt wird, lag gerade nicht in ihrer Beantwortung, sondern darin, sie immer wieder aufzuwerfen.

Das Wunder zuerst: 2003 kam ein Heft auf den Markt, das so hellsichtig und kreativ Magazinjournalismus machte, dass es in der Medienbranche zum Mythos wurde und eine ganze Generation Gymnasiasten prägte; solche, die in der Mittelstufe das erste Nokia bekamen und zum ersten Album von Franz Ferdinand knutschten. Kernstück des Magazins war ein gefühliger Langtext über Beziehung, Familie, Freundschaft oder gleich einen selbst. Das Ich und sein Leben war in diesen Geschichten immer ein bisschen besser, weil klarer als man selbst, aber der Optimierungsgedanke war zahm, nie mit einer Warnung verbunden: Du kannst es so machen, oder auch so - oder auch gar nicht.

In gewisser Weise Avantgarde

Dazu kamen Reportagen - auch aufwendige im "Stern"-Stil, der Mutter des Magazins - Modestrecken und viele Gaga-Rubriken, die zum Markenzeichen der Zeitschrift wurden, die wohl bekanntesten: das unnütze Wissen ("Hummer urinieren sich während eines Kampfes gegenseitig ins Gesicht, um ihren Kontrahenten zu beeindrucken") und die ehrlichen Kontaktanzeigen ("Telefonieren kann ich nicht ausstehen").

Zusammengepuzzelt kam ein Lebensgefühl heraus, das in gewisser Weise Avantgarde war. Weil es vieles von dem voraussah, was erst Jahre später im Netz ganz Kulturtechnik wurde: Das Betrachten der Welt gefiltert durch das eigene Ich, Konsum als legitimen Selbstausdruck und den Spaß am unterhaltsamen Nonsens. Auch optisch war die "Neon" schon in ihren Anfangsjahren auf eine vergangene Weise so stilbewusst wie ein Instagram-Filter.

Dazu passt auch, dass das Magazin zu Beginn ein ziemlich weitsichtiges Onlinekonzept besaß: Einige Jahre lang entwickelte sich auf neon.de ein soziales Netzwerk, das lebte. Mit gepflegten Profilseiten und eigenen Fühli-Texten der Leser; ein offenes Herumprobieren, aber noch ohne Angst vorm Shitstorm und vorm ständigen Vergleich mit anderen.

Gleichzeitig steckte in dieser "Alles ist gut"- Haltung aber auch immer ein Grusel: Denn 2003 war eben nicht nur das Jahr, in dem junge Menschen nicht wussten, wie sie ihre Steuererklärung machen sollten. Sondern auch das, in dem die USA in den Irak einmarschierten und eine Reihe an Naturkatastrophen Klimawandel-Diskussionen auslöste. Klar, im Nachhinein weiß man alles besser. Aber in der "Neon" war der politische Blick meist durchs Selbst weichgespült.

Erwachsen geworden

Die richtig coolen Leute lasen die "Neon" auch eher als guilty pleasure, heimlich, auf dem WG-Klo, weil sie alles immer übers ziemlich privilegierte Ich (hallo, macht Steuererklärung) drehte, statt kritisch über die Verhältnisse, die die eigenen Wünsche machten. Selbst bei den großen Befindlichkeitstexten guckte man nie so genau hin, dass mehr als die Frage nach der großen Liebe, die man auch im Kleinen leben kann, zum Vorschein kam.

In den vergangenen Jahren verkaufte sich dieser Ich-Journalismus immer schlechter: Im Vergleich zu seiner besten Zeit hat das Magazin drei Viertel an Auflage verloren, in den Jahren zuvor hatte man den Auflagenverlust mit diversen Führungswechseln und Neuerfindungen retten wollen, aber war am Ende doch immer zur alten "Neon"-Linie zurückgekehrt. Im aktuellen Heft geht es um die Frage, "welche Veränderung dich wirklich glücklich macht". Zuletzt verkaufte das Magazin noch 61.000 Hefte.

Woran das liegt? "Die heute 20-Jährigen haben neue Lebensbegleiter gefunden, im Zeitschriftenregal, aber auch im Netz, unter anderem bei den digitalen Angeboten", schreibt die aktuelle Chefredakteurin Ruth Fend in einem Statement.

Stimmt ja schon, die, die 2003 im ersten Semester waren, sind erwachsen geworden. Und die "Neon" ist sicherlich ein Internetopfer, für das nach einem hoffnungsvollen Anfang nie eine durchdachte Digitalstrategie entwickelt wurde. Aber vielleicht sind dahinter eben auch noch viele weitere Erklärungen. Während man den Unterhaltsamkeits-Nonsens, den "Neon" erfand, heute gratis bei BuzzFeed bekommt, sind aktuelle Printprojekte ja gewissermaßen auch digital, aber anders, als es die "Neon" je war - betonen das Spezielle, etwa das Fleischmagazin "Beef" oder auch Gruner + Jahrs neues junges Heft "JWD", das sich um die Persönlichkeit des Moderators Joko Winterscheidt dreht.

Vielleicht liegt ja irgendwo in einer Kiste bei den Eltern, die man zwischen zwei Umzügen eingelagert und natürlich nie abgeholt hat, noch zwischen Boot Cut Jeans, oben inzwischen zu eng, aber unten ungewohnt schlackernd noch eine alte "Neon"-Ausgabe, die damals beim Schwimmen am Baggersee zwischen WG-Bewohnern rumgereicht wurde. Kann auch sein, dass die Mitbewohner alle die letzten Ollos waren, aber in der "Neon" mal eine elegante Ode an die Schönheit des Baggersees stand und der Baggersee im eigenen Leben nie stattgefunden hat. Wäre aber auch okay.



insgesamt 2 Beiträge
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Sonderbärchen 18.04.2018
1. Sehr schade
ich bin 43 und Abonnent der Neon seit dem zweiten Heft. Zugegeben, nicht jede Ausgabe habe ich ausführlichst studiert, doch war die NEON einfach ein treuer Begleiter in meinem Alltag. Gern für Zugreisen im Gepäck, in jeder Ausgabe interessante und raffiniert geschriebene Artikel, manche als Häppchen, andere seitenlang. Viele tiefgründig, manche ironisch, praktisch nie belanglos. Provokant und relevant. Mit den "ehrlichen Kontaktanzeigen" und den "Deutschen Geschichten" Rubriken, die es sonst nirgends gab. Legendär die Herzen, das Bilderrätsel und das Unnütze Wissen. Längst bin ich eigentlichen Zielgruppe entwachsen. Das Tolle daran: Ohne dass ich es gemerkt habe. NEON, du warst meine längste Beziehung. Ich werde dich vermissen.
arica 18.04.2018
2. Bye bye Neon
Schon bei der ersten NEON war ich 20 Jahre drüber und habe sie trotzdem immer wieder gern gelesen. Schade, dass es sie nicht mehr geben wird. Irgendwie war NEON immer das Heft, mit dem man sich trotzdem wohl und jünger fühlen konnte, auch wenn man nicht mehr in die Zielgruppe gehörte. Wäre mal interessant zu wissen, wie die aktuelle Leserschaft aussieht, so altersmäßig.
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