Nachruf auf Dirk Bach: Und dann kommt der Tod

Von Arno Frank

Der Moderator und Schauspieler Dirk Bach ist im Alter von nur 51 Jahren gestorben. Als kugelrunder Spaßvogel im Privatfernsehen wurde er zum Star - doch seine Leidenschaft galt der Bühne. Dort fand er auch seine letzte Rolle.

DPA

Es ist eine dieser zynischen Fragen, gestellt von einem "Bild"-Redakteur: "Wenn Sie platzen, wo am liebsten?" Dirk Bach spielt routiniert mit und antwortet: "Öffentlich und live vor der Kamera. Schon mein Amtsarzt hat mir bei der Musterung besagt, dass ich platzen werde". Dem ließ er in dem Interview 2010 noch ein paar launige Witzchen darüber folgen, dass er im Fernsehen "eine wirklich gute Figur" mache und "dick im Geschäft sei". Dass er eines Tages "platzen" würde, scheint für alle Beteiligten eine ausgemachte Sache gewesen zu sein. Und auch, dass man eine öffentliche Witzfigur so robust angehen darf.

Dabei war Dirk Bach durchaus nicht auf die Rolle des adipösen Spaßvogels abonniert. Diese Rolle war für einen großen Schauspieler wie ihn nur eine lukrativ leichte Fingerübung. Für das Theater schwärmte er schon, seit er als Kind von seinen beim WDR beschäftigten Eltern dorthin mitgenommen wurde.

Nach der Mittleren Reife verließ Bach 1980 die Schule und fand auch ohne den Umweg über die Schauspielschule sofort Anschluss ans freie Theater. Seine erste Rolle spielte er in einer Inszenierung von Heiner Müllers "Prometheus", an die er sich später so erinnern sollte: "Plötzlich saß ich da; in eine Zwangsjacke gepfercht, mit einem zerstückelten Gummi-Geschlechtsteil, einen Eselskopf übergestülpt - zwei Meter hoch auf einem Stahlstuhl. Definitiv ein erhabener Moment."

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Dirk Bach: Moderator, Komiker, Schauspieler
Es folgten Engagements in Amsterdam, Brüssel, Wien, London und New York und Auftritte in Oscar Wildes "Salome" oder Jean Genets "Unter Aufsicht". Seinen Durchbruch erlebte Bach ab 1984 mit Walter Brockmeyers Inszenierung der Komödie "Geierwally", für die er bundesweit insgesamt 330 Mal auf der Bühne stand.

Auf Vermittlung seines Gönners Alfred Biolek übernahm Dirk Bach ab 1985 immer mehr Rollen beim Film und im Fernsehen. Durch Nebenrollen in Serien wie "Kir Royal", "Geschichten aus der Heimat" oder "Das Nest" wurde Bach auch einem größeren Publikum bekannt. Dennoch kehrte er vorerst zum Theater zurück, ab 1990 sogar zum Kölner Schauspielhaus.

Nachdem ihm in Franz-Xaver Kroetz' "Bauerntheater" noch eine weitere Nebenrolle anvertraut wurde, brillierte er bald darauf unter anderem als Narr in Shakespeares "Was ihr wollt" und als intriganter Spiegelberg in Schillers "Die Räuber".

Das renommierte Fachblatt "Die Deutsche Bühne" feierte Bach als überraschende Entdeckung, die "auf der Bühne völlig mit sich selbst identisch" sei. Seine "scheinbar drollige Komik", so die Kritiker, erweise sich oft als "gefährlich gewürzt".

Parallel zu seiner Arbeit im Ensemble des Kölner Schauspielhauses, wo sein Vertrag jedes Jahr aufs Neue verlängert wurde, betrieb er fürs Privatfernsehen eine Kapitalisierung seines komischen Potentials - bei der ihm die im Theater antrainierte Disziplin zugutekam.

Bach im Urmel-Kostüm - eine Idealbesetzung

Von 1992 bis 1994 fuhr er mit der spätabendlichen "Dirk-Bach-Show" (RTL) so gute Quoten ein, dass dagegen selbst Thomas Gottschalk mit seinem damaligen Late-Night-Format nicht ankam. 1995 wechselte er zum ZDF und spielte mit "Lukas" die tragikomische Sitcom-Figur eines arbeitslosen Schauspielers, der mit renitenter Tochter und konservativem Vater in einer Wohngemeinschaft lebt. Nach dem Ende von "Lukas" drehte Bach für das ZDF die ebenfalls sehr erfolgreiche Serie "Der kleine Mönch", eine Abwandlung von Pater Brown.

Mit seiner Freundin Hella von Sinnen und der Sketch-Show "Hella und Dirk" kehrte er 2004 zu RTL zurück, wo er später an der Seite von Barbara Schöneberger die "Mania Show" präsentierte. Für Sat.1 spielte Bach in dem Fernsehfilm "Urmel aus dem Eis" das Urmel, eine ideale Besetzung, und wie nebenbei sieben Jahre lang den Pepe aus der "Sesamstraße". In den sumpfigen Niederungen des Privatfernsehens freilich blieb er eine der schillerndsten Blüten.

Die Rolle spielte er auch an halbprivaten Orten wie Flughäfen, wo er trotz seiner nur 168 Zentimeter nicht zu übersehen war, bunt wie ein Zauberwürfel. Seine Popularität stellte er in den Dienst des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland, er engagierte sich für Amnesty International und die Tierschutzorganisation Peta. Dass er vom großen Publikum mit sogenannten "Comedians", die nichts spielen können als eine einzige Rolle, über einen Kamm geschoren wurde, nahm er leicht - und unterließ es sogar, mit ungebrochenen Engagement fürs Theater ("Sein oder Nichtsein") oder in Musicals ("Kein Pardon") hausieren zu gehen. Für Hörbücher las er Franz Kafka so solide wie Walter Moers. Der konnte das, hoch und tief, tragisch und komisch, schrill und leise. Die Memoiren dieses trashtauglichen Künstlers hätte man gern gelesen.

Scheinbar drollig, gefährlich gewürzt

Zuletzt schien er als Moderator des RTL-"Dschungelcamps" an der Seite von Sonja Zietlow seine Paraderolle gefunden zu haben. Mit Tropenhelm und vor Vergnügen glucksend spielte er hier die Rolle des wohlwollenden Gastgebers, der hinter deren Rücken über seine Gäste lästert. Einer, der die Lizenz zum Austeilen hat, weil er selbst den Spott auf sich zieht. Einer, den man sogar nach dem Ort fragen kann, an dem er platzen wird. Nur scheinbar drollig, weil gefährlich gewürzt - und dabei noch immer wie "mit sich selbst identisch".

Am kommenden Samstag sollte Dirk Bach wieder in Berlin auf der Bühne stehen, an der Seite von Dieter Hallervorden in der Hauptrolle als "Der kleine König Dezember". Der entspringt einem Kinderbuch von Axel Hacke, ist "nicht länger als ein Zeigefinger und so fett, dass sein winziger roter Samtmantel mit dem dicken, weißen Hermelinbesatz sich vor dem Bauch nicht mehr schließen lässt".

Der Erzähler erklärt dem kleinen König: "Bei uns wird man klein geboren, und dann wird man größer und größer, manchmal groß wie ein Basketballspieler. Zum Schluss schrumpft man wieder ein bisschen ein. Und dann kommt der Tod, und man ist weg. "Das ist unlogisch", sagt der kleine König, in dessen Welt es umgekehrt ist: "Und wer tot ist, wird ein Stern".

In dem Appartement, das er für diese letzte Rolle gemietet hatte, wurde Dirk Bach am Montagabend in Berlin-Lichterfelde leblos aufgefunden.

Er hinterlässt einen Lebensgefährten, mit dem ihn eine langjährige Beziehung verband.

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insgesamt 97 Beiträge
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1. Ruhe in Frieden lieber Dirk...
trewan 01.10.2012
Diesen Menschen werde ich wirklich vermissen. Bin mit seinen Comedy Auftritten quasi großgeworden. Ich weis nicht was ich dazu sagn soll das er nun tot ist, das muss ersteinmal richtig verarbeitet werden. Mein Beileid allen seinen Verwanden.
2.
okokberlin 01.10.2012
dank an den verfasser- ein sehr schöner und würdiger nachruf zum tode dirk bachs.
3. R.i.p.
henrywotton 01.10.2012
Das ist sehr traurig. Seinem Mann und allen anderen, die um ihn trauern, wünsche ich viel Kraft. Danke für Ihr Engagement, Herr Bach. Grüßen Sie Loriot!
4. Traurig
mac4ever2 01.10.2012
Ich mochte ihn. Ich glaube, daß er privat ein warmherziger, sensibler Mensch war. R.I.P.
5. optional
spon-facebook-10000262314 02.10.2012
Böser Fehler liebe Redaktion ;-) Dirk Bach spielte in "Lukas" keinen "arbeitslosen", sondern war als "Flora Fledermaus" beim Kinderfernsehen engagiert !
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