Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Nachruf auf Paul Newman: Abschied von einem Unsterblichen

Von

Er beeindruckte durch Männlichkeit, die nie potenzprahlend daherkam. Er war ein Hollywoodstar, der Distanz zur Unterhaltungsindustrie hielt. Er blieb so lange im Geschäft, dass man glaubte, er würde ewig da sein. Paul Newman hat über seinen Tod hinaus Maßstäbe gesetzt - als Star und als Mensch.

Es war ein überfälliger, fast zu später Triumph: 1987 erhielt Paul Newman endlich den Oscar als bester Schauspieler. Nach drei Dekaden im Filmgeschäft wurde der 1925 in Cleveland, Ohio geborene Ausnahmekünstler für die Reprise seiner Paraderolle des "Fast Eddie" Felson in Martin Scorseses Zockerdrama "The Color of Money" ausgezeichnet. Ein Part, den er bereits 1961 in Robert Rossens "The Hustler" vollendet ausfüllte und in welchem sich markante Merkmale der unvergleichlichen Leinwandpersona Newmans auf Schönste verdichteten: Virile Präsenz und zugleich unbotmäßige Gelassenheit, eruptives Temperament und zarte Melancholie, kühle Kontrolle und emotionales Hasardeursgebaren.

Die eigentlich unmögliche und doch so unangestrengt wirkende Versöhnung dieser Widersprüche ließ den Schüler von Lee Strassbergs Actor's Studio in den fünfziger Jahren zum Rebellen-Pin-Up des Charakterkinos aufsteigen. Gepaart mit einer physischen Männlichkeit, die nie potenzprahlend daherkam, und jenen stahlblauen Augen, deren Strahlkraft Newman selbst oft charmant selbstironisch kommentierte, wurde er der Traummann in Trouble.

Ob als impulsiver Faustkämpfer Rocky Graziano in "Somebody Up There Likes Me" (1956), als fiebrig mit dem Schicksal hadernder Brick Politt in "Cat on a Hot Tin Roof" (1958), als idealistischer Zionist Ari Ben Canaan in "Exodus" (1960) oder eben als smarter, aber chronisch übervorteilter Billardhallenkönig Eddie Felson – schon am Anfang seiner Kinokarriere transportierte Paul Newman in Rollen neben jugendlichem Sturm und Drang eine lakonische Gebrochenheit, die Männer und Frauen im Publikum gleichermaßen für den Darsteller einnahm.

Aktiver Advokat für die soziale Gerechtigkeit

Diese Schauspielqualitäten konservierte Newman ebenso wie seine durchtrainierte Physis: Der leidenschaftliche und erfolgreiche Rennfahrer überführte sein frühes Starimage scheinbar problemlos ins New Hollywood der Nach-Studiozeit. Der alternative Western "Butch Cassidy and the Sundance Kid" (1969) und die nostalgische Gangstereskapade "The Sting" (1973), beide unter der Regie von George Roy Hill und mit Co-Star Robert Redford realisiert, etwa zeigten Newman beim lustvollen Spiel mit dem eigenen Status als Idol.

Seine souveräne Abgeklärtheit war kein Zufallsprodukt, sondern Resultat einer selbstbewussten Distanz zu den Mechanismen der Unterhaltungsindustrie: Nicht in Beverly Hills sondern in Westport, Connecticut lebten Newman und seine zweite Ehefrau, die Schauspielerin Joanne Woodward. Das Vorzeigepaar Hollywoods war somit im Grunde gar keines, denn an die Westküste kamen die für ihre glückliche und kreative Beziehung bewunderten Eheleute lediglich zum Arbeiten.

Ebenso wenig wie er sich geografisch von Hollywood vereinnahmen ließ, scheute Paul Newman vor dem damals noch wirklich riskanten No-Go des politischen Engagements zurück: In einer Zeit, da Künstler von ihren Geldgebern noch unter Drohung von Repressalien angehalten wurden, sich gesellschaftlicher Kommentare zu enthalten, war Newman ein aktiver Advokat für soziale Gerechtigkeit und die Belange des liberalen Amerikas. Heute ist es für Prominente ungleich leichter, im andauernden Statement-Gewitter vermeintlich kritische Positionen gegen Krieg, Hunger und Not zu beziehen, doch damals brauchte es neben aufrichtiger Haltung auch den Mut zur Konsequenz – und einen Plan B.

Lebensmittelimperium aus Salatdressings und Popcorn

So emanzipierte sich Newman früh von seiner Schauspielerexistenz, arbeitete kommerziell wie künstlerisch erfolgreich als Produzent und Regisseur und baute in den achtziger Jahren quasi en passant mit "Newman's Own" ein Lebensmittelimperium aus Salatdressings und Popcorn auf, dessen einziger Gewinnzweck bis heute die Unterstützung karitativer Einrichtungen ist. Nichts gegen George Clooney, der - mal abgesehen vom Aspekt der Monogamie - sein Image als denkender und vielseitiger Star frappierend nach dem Vorbild Newmans zu modellieren scheint, aber bis zu dreistelligen Millionbeträgen für Bedürftige und einem halben Jahrhundert Überzeugungstaten ist es noch ein weiter Weg.

Die Unbeirrbarkeit, die den Privatmenschen Paul Newman so eklatant von einigen seiner besten Filmauftritten unterschied, half ihm auch durch die kurze Midlife-Crisis seiner Leinwandlaufbahn in den siebziger Jahren, als starbesetzte Katastrophespektakel wie "The Towering Inferno" (1974) gegen ambitionierte Arbeiten wie "The Drowning Pool" (1975) oder Robert Altmans "Buffalo Bill and the Indians" (1976) standen. Nicht zu vergessen Newmans unwiderstehliche Performance als permanent fluchender Eishockey-Haudrauf im Fanklassiker "Slap Shot" (1977).

Aber selbst die Tatsache, dass Paul Newman nie wirklich verschwand, bereitete nicht auf sein fulminantes Alterswerk vor. Nach "The Color of Money" folgten das hellsichtige Drama "Mr. And Mrs. Bridge" (1990) an der Seite von Gattin Joanne Woodward, die exaltierte Satire "The Hudsucker Proxy" (1994) der Coen-Brüder und natürlich "Nobody' Fool" (1994): In Robert Bentons wunderbarer Komödie durfte Paul Newman als halsstarriger Kleinstadtquerulant Sully Sullivan noch einmal alle Facetten seines Spiels durchdeklinieren und wirkte trotz silberner Haarpracht wie ein ungestümer Schuljunge beim ersten Date.

So alert, charismatisch und körperlich wie geistig dem Zahn der Zeit trotzender Tausendsassa präsentierte sich die menschgewordene Ikone bis weit ins neue Jahrtausend, dass man unbedingt glauben wollte, Paul Newman würde ewig da sein. Auch als die ersten Meldungen von seiner schweren Krebserkrankung kursierten, hoffte man wider besseren Wissens auf das Comeback des Mannes, der nie ein Comeback brauchte.

Newman hat Maßstäbe gesetzt - als Star, als Mensch.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Paul Newman: Leinwandheld mit großem Herz

Fotostrecke
Zwischen Rennbahn und Leinwand: Das Leben des Paul Newman

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: