Zum Tode Stéphane Hessels: Ein Leben lang links

Von Stefan Simons, Paris

Antifaschist, Diplomat und im hohen Alter noch Aktivist, der dem Unbehagen gegenüber dem Finanzmarktkapitalismus eine Stimme gab: Stéphane Hessel, Autor von "Empört euch!", ist tot. Ein langes Leben im Kampf für Menschenrechte und eine gerechtere Welt ist zu Ende gegangen.

Zum Tod von Stéphane Hessel: Unermüdlich empört Fotos
AFP

Unter seinen Mitstreitern ragte er heraus: Als die Grünen im Frühjahr 2010 ihre Kandidaten für die Wahl zur Nationalversammlung vorstellen, steht da unter den bärtigen Aktivisten, den smarten Studenten und den Promis der Öko-Partei auch ein älterer Herr. Groß ist er, grau, mit Schlips und Kragen, und wird als "Mitverfasser der Uno-Charta" vorgestellt - ein würdiger Vertreter der grünen Sache, politisches Urgestein mit besten Referenzen.

Den Sprung ins französische Parlament hat er nicht geschafft, für weltweite Furore sorgte der damals 92-Jährige allerdings kurz darauf mit seinem Manifest "Empört Euch!" - einer politisch unkorrekten Streitschrift. Jetzt ist der Autor des Heftes, das eine Auflage von vier Millionen erreichte und in Dutzende von Sprachen übersetzt wurde, im Alter von 95 Jahren gestorben.

Frankreichs Politik würdigt Hessel als Mann der Linken und überzeugten Europäer und Vertreter des "freien Frankreichs" im Kampf gegen den Nationalsozialismus. "Ein außerordentliches Leben im Kampf für die Verteidigung der menschlichen Würde", sagte Präsident François Hollande und lobte Hessels Einsatz für Menschenrechte, seinen Kampf gegen Vorurteile, Konformismus und Konservativismus. Martin Schulz, Präsident des Europaparlaments, beschrieb Hessel als "Geist des Kampfes und der Freiheit".

Verantwortung gegenüber jenen, die nicht überlebt haben

Hessels Biografie, bestimmt vom Spannungsverhältnis zwischen Deutschland und Frankreich, überspannte die Geschichte des 20. Jahrhunderts: Der Sohn polnisch-jüdischer Eltern wurde im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs in Berlin geboren. Im Alter von sieben Jahren zieht Stéphane mit seinem Vater, einem Autor und Übersetzer französischer Literatur, nach Paris. Mutter Helen wird Modekorrespondentin der "Frankfurter Zeitung", der Junge wächst in den Pariser Künstlerkreisen auf, erlebt Pablo Picasso und Marcel Duchamp. Die Ehe der Eltern ist ungewöhnlich offen, Stéphanes Mutter unterhält eine Beziehung zu dem Schriftsteller Henri-Pierre Roché, die Hessels Vater akzeptiert. Das Dreiecksverhältnis wird später die Vorlage für den Film "Jules et Jim" von François Truffaut.

Nach einem Abstecher auf die London School of Economics und dem Abschluss der Elite-Universität École normale supérieure in Paris nimmt Hessel 1937 die französische Staatsbürgerschaft an. Als junger Patriot flieht er nach der Invasion Deutschlands nach London und schließt sich dort dem Widerstand unter General Charles de Gaulle an. Als einer der Führer des Geheimdiensts wird er im Juli 1944 von der Gestapo festgenommen, gefoltert und zusammen mit 37 Kameraden ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert.

Hessel versucht zu fliehen, wird erneut gefasst und ins KZ Dora gesteckt. Als das Lager aufgelöst wird, kann er sich auf dem Transport nach Bergen-Belsen aus dem Waggon befreien. Er kehrt nach Frankreich mit der Überzeugung zurück, dass "ich, der auf wunderbare Weise gerettet wurde, eine Verantwortung habe gegenüber jenen, die nicht überlebt haben".

Empört euch? Keine große Sache

Der Wunsch "sein Leben in den Dienst anderer Kämpfe zu stellen", führt ihn in den diplomatischen Dienst. Als Vertreter Frankreichs bei den Vereinten Nationen gehört er zu jenen 18 Beamten, die nach dem Krieg in zweijähriger Arbeit die "Universelle Erklärung der Menschenrechte" entwerfen. Seine Karriere führt ihn nach Algerien und Vietnam. Hessel, ein überzeugter Linker, wird später Mitarbeiter der Sozialisten Pierre Mendès France und Michel Rocard; von Präsident Mitterrand zum Botschafter ernannt, übernimmt er Missionen inner- und außerhalb der Landesgrenzen - für Entwicklungsplanung, die Zusammenarbeit mit Afrika oder bei der Neuordnung der Rundfunkordnung.

Der Abschluss seiner beruflichen Karriere bedeutet für Hessel kein Ende im Kampf gegen Ungleichheiten: In Frankreich setzt er sich ein für die "Sans Papiers", Migranten ohne Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis; zugleich bezieht er im Nahost-Konflikt Stellung für die Palästinenser. Durch seine Schrift "Empört Euch!" wird er 2010 einem Weltpublikum bekannt. Das im Original nur 32 Seiten starke Büchlein verkaufte sich in Frankreich über eine Million Mal und wurde auch in Deutschland zum Bestseller. Seine Kritik an der Macht des Finanzkapitals, sein Plädoyer für eine neue Widerstandskultur im Geist der Résistance war für viele eine überfällige Antwort auf die Verwerfungen, die die Bankenkrise 2009/2010 mit sich brachte.

"Keine große Sache", meinte er seinerzeit bescheiden in einem SPIEGEL-Gespräch, "vielleicht die erste Stufe einer Rakete, ein Weckruf an das Bewusstsein." Mit "Engagiert Euch!" legt er später noch einmal nach, als er jene zum öffentlichen Einsatz auffordert, die der Demokratie enttäuscht oder frustriert den Rücken gekehrt haben.

Stéphane Hessel, biografisch in Deutschland wie in Frankreich verortet, hat sich mit Verve und Engagement für die Aussöhnung zwischen den beiden Nachbarn eingesetzt - zuletzt zum 50-jährigen Jubiläum der Élysée-Verträge. Mit Freude und Abgeklärtheit blickte er auf sein Leben zurück, "zufrieden, in so hohem Alter noch zu funktionieren". Zugleich, so sagte er im Februar 2011 dem Magazin "Le Nouvel Observateur", bereitete er sich auf seinen Tod vor: "Wenn es nicht mehr geht, wenn ich zusammenzubreche, werde ich mich bemühen, mit einem freiwilligen Schritt meine Tage zu beenden - in aller Ruhe."

Im Juli 1944, in Gestapo-Haft, hatte sich Hessel auf einem Papier ein Shakespeare-Zitat notiert: "Trauert nicht um mich, wenn ich tot bin." Und doch - der Liebhaber der Poesie, von Apollinaire bis zu Goethe und Hölderlin, hoffte, "vielleicht als poetische Gefühle in der Erinnerung der Menschen zu bleiben". Als hätte er auf die endgültige Begegnung gewartet, sagte er damals mit erhobenem Zeigefinger: "Ja, der Tod ist ein Leckerbissen, doch man muss leben, unbedingt."

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1. optional
thomas_gk 27.02.2013
Das war ein bemerkenswerte Inszenierung! http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/frische-jedermann-inszenierung-brandenburg-empoert-sich-a-786051.html
2. Die Empörung muss weiter gehen
bdxc 27.02.2013
"... mit seinem Manifest 'Empört Euch' - einer politisch unkorrekten Streitschrift". Im erbsenzählerischen Sinn dieser Vokabel war Stéphane Hessel sein gesamtes Leben lang "politisch unkorrekt" und - nicht nur in den braunen Jahren - ein widerständiger Geist. Jeder Demokrat sollte dafür dankbar sein, dass es Menschen wie Hessel gegeben hat und gibt. Möge er in Frieden ruhen. Wir - hoffentlich - "Empörten" hingegen sollten - nach den respektvollen Gedenken - die Ärmel (wieder) hoch krempeln. Die Welt ist dazu da, um verändert und verbessert zu werden. Und da reicht es nicht, auf andere zu warten, die dieses tun. Hessels Vermächtnis ist auch, dass diese Verbesserung eine Aufgabe für jeden von uns ist.
3. Eine Stimme weniger auf Erden,
Ernesto_de_la_Vita 27.02.2013
deren Echo hoffentlich nicht verstummt........
4. Alle Achtung
Lemmi42 27.02.2013
ein Kämpfer für das Recht der Völker ist von und gegangen,auf Nachwuchs kann man nur hoffen.
5.
sitting-bull 27.02.2013
Zitat von sysopAntifaschist, Diplomat und im hohen Alter noch Aktivist, der dem Unbehagen gegenüber dem Finanzmarkt-Kapitalismus eine Stimme gab: Stéphane Hessel, Autor von "Empört euch!", ist tot. Ein langes Leben im Kampf für Menschenrechte und eine gerechtere Welt ist zu Ende gegangen. Nachruf auf Stéphane Hessel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/nachruf-auf-stephane-hessel-a-885875.html)
Ich habe mich auch mit "Empört euch!" beschäftigt, und ehrlich gesagt, war ich entsetzt, wie er zwar einerseits den Finger in die Wunde legte, aber andererseits absolut Staats- und Obrigkeitshörig war. Der Staat soll die Probleme richten, die er doch selbst erst mit verursacht! ? Nur weil dies kurz nach dem Krieg funktionierte, weil es gar keine Strukturen gab und diese dann erfolgreich wieder eingeführt wurden, kann man das doch nicht auf heute übertragen- wo der Staat selbst mit seiner Geld-Mißwirtschaft Teil des Problems ist.
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