Nachruf-Praxis Echt amtlich, dieser Scherz!

Im Auswärtigen Amt kursiert ein Stück bürokratisch-subversiver Hochkomik: der fiktive "Runderlass zur einheitlichen Handhabung der Nachrufpraxis". Doch derzeit geht mancher zum Lachen besser in den Keller – die Anspielungen auf den Nachrufstreit haben es in sich.

Von Alexander Ross


Außenminister Fischer: Chef der Spaßguerilla
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Außenminister Fischer: Chef der Spaßguerilla

Als Botschafter des guten Geschmacks hat es deutscher Humor ähnlich schwer wie deutscher Whisky. Doch im Auswärtigen Amt hat gerade die Komik eine besondere Tradition - die auch der amtierende Minister ausgiebig pflegt, zuletzt bei der faden Aktenhuberei im Visa-Untersuchungsausschuss. Da kann es kaum überraschen, wenn der eine oder andere AA-Mitarbeiter ebenfalls Talent zu Spott und Sarkasmus zeigt, etwa im Streit um die Nachrufe auf Angehörige der Behörde. Dazu zirkuliert seit dem 1. April im Auswärtigen Amt ein sechsseitiger "Runderlass zur einheitlichen Handhabung (eiHaha) der Nachrufpraxis".

Dem falschen, mit "Schiffer" gezeichneten Erlass zufolge, soll künftig jeder AA-Mitarbeiter seinen Nachruf selbst im Voraus schreiben - nach Laufbahnen getrennt, von acht Zeilen Länge für den einfachen Dienst bis zu 24 Zeilen für den höheren Dienst ("ab A16 und Botschafter"). Grüne Grundwerte kommen natürlich auch hier zum Zuge: "Zum Ausgleich der jahrhundertelangen Benachteiligung von Frauen, Lesben und Schwulen dürfen diese die vorgenannten Richtwerte um bis zu 50 Prozent überschreiten." Wer schon im Ruhestand ist, muss erst recht mitmachen, da sonst "Fortfall der Renten- bzw. Pensionszahlungen" droht.

Doch wer lacht, fürchtet sich nicht. Man wendet vielmehr Umberto Ecos "semiotische Kriegsführung" an und bestätigt den Zeichnentheoretiker Roland Barthes darin, dass die beste Subversion die Codes entstellt, statt sie zu zerstören. Die unbekannten Urheber folgen zudem der Theorie der feinen Unterschiede und nehmen die behördliche Klassengesellschaft ernst bis in die Abschlussformeln: Ehemalige Mitarbeiter des einfachen und mittleren Dienstes soll das Auswärtige Amt "langsam vergessen", einen des gehobenen Dienstes "nicht so bald vergessen", und Mitarbeiter des höheren Dienstes will man wenigstens "in Erinnerung behalten".

Ex-Bundespräsident Scheel: Ehrung in "angemessener Form"
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Ex-Bundespräsident Scheel: Ehrung in "angemessener Form"

Vor den Nachruf-Querelen war die Schlussformel mit einem "ehrenden Andenken" gängige Praxis für alle - jetzt soll sie nur noch jenen "Angehörigen der Besoldungsstufen ab B3 aufwärts" vorbehalten bleiben, die "nach dem 8. Mai 1945 geboren sind, weil nur so mit Sicherheit auszuschließen ist, dass in das nationalsozialistische Unrechtsregime Verstrickte unverdient geehrt werden".

Selbst für heikle Gedenkfälle hat man vorgesorgt: So wird es möglich, "im Einzelfall (z.B. Tod durch Fallschirmsprung) die Schlussformel ersatzlos zu streichen oder durch die Formel für eine niedrigere Nachrufklasse zu ersetzen". Zwar zählt für den Nachruf nur die Zeit im Amt, doch für manchen Getreuen aus dem Kreis um Fischer könnte ein Passus besonders hilfreich sein: "Andere Meriten sind nur zu erwähnen, wenn sie eine fortschrittliche, antifaschistische und antiimperialistische Gesinnung dokumentieren (z.B. Einsätze gegen die Startbahn West, den NATO-Rüstungswahnsinn, den Überwachungsstaat, mindestens zehnjährige Teilnahme an Ostermärschen oder vergleichbare Ruhmestaten)."

Wer da nichts bieten kann oder wem nichts einfallen will, dem liefert der Erlass im Anhang viele doppeldeutige und ironische Vorlagen zur Formulierungshilfe: "Sie/er widmete sich mit voller Hingabe den Beziehungen zu den Menschen des Gastlandes" oder "Das ständige Bestreben, die Aufgaben zufriedenstellend zu erledigen, war prägend für das Arbeitsleben". Doch die höchsten Weihen künftiger Nachrufe sind nur ganz wenigen vorbehalten: "Sie/er erwarb sich bleibende Verdienste um den Weltfrieden (nur ab Besoldungsstufe B9 oder nach Durchlaufen von mindestens drei Beförderungsstufen im Leitungsbereich und Geburtsdatum ab 9.5.1945)."

Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher: Nachruf gesichert
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Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher: Nachruf gesichert

Auch ohne Genehmigung der Amtsleitung gab es immer schon Witze über den Dienstherren und die Spitze. So geisterte von 1937 an der Phantom-Diplomat Edmund Friedemann Dräcker für mehr als 30 Jahre durch die Vermerke und Korrespondenz der Behörde. Nach der Adenauer-Ära ebbten die Späße um Dräcker ab, bis die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ihn am 1. April 1982 mit einem Bericht über das Hissen der deutschen Flagge in der Antarktis wiederbelebte. Im Jahr 2000 fand Dräcker schließlich Aufnahme in den ersten Band des "Biographischen Handbuchs des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871-1945". Ein biografisch unklarer Fall und schon jetzt eine harte Nuss für die Historikerkommission.

Mit dem Runderlass zeigt man sich im Auswärtigen Amt aufgeschlossen gegenüber legendären Vorbildern wie Monty Pythons "Ministry for silly walks" oder dem "Ministerium für Verwaltungsangelegenheiten" aus der Kult-Serie "Yes, Minister". Fischers Spaßguerilla empfiehlt sich damit für höhere Aufgaben, nicht zuletzt durch das perfekte Timing, mit dem man der offiziellen Konkurrenz im eigenen Haus zuvorkam: Am gleichen Tag wurde von der AA-Spitze bestätigt, dass man die früheren Außenminister Scheel und Genscher trotz ihrer Mitgliedschaft in der NSDAP im Todesfall "in angemessener Form" ehren wolle. Kein Problem - bei solchen Vorlagen!



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