Nachwuchsmoderator Schreyl Wo tut's denn am meisten weh? Im Hirn!

RTL glaubt eine neue Moderationswunderwaffe zu besitzen: Sie heißt Marco Schreyl und durfte gestern gegen Gottschalk und andere TV-Veteranen antreten. Denen droht aber keine Gefahr, denn "Unglaublich – die Show der Merkwürdigkeiten" ist Entertainment für die ganz schlichten Gemüter.

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Der Mann ist nicht nur Moderator, er ist auch Journalist. Mit seinen Fragen geht er dahin, wo es richtig weh tut. So saß Marco Schreyl dann gestern Abend irgendwann vor einem nicht mehr ganz so jungen Herrn in Bademantel, der gerade aus einer Höhe von 10,75 Metern mit einem Bauchklatscher in ein Gummi-Planschbecken gesprungen war, und bohrte nach: "Wo tut’s denn nun am meisten weh? Am Unterleib?"

Es war mal wieder so ein Samstagabend, an dem alle Sender ihre Wunderwaffen an den Start geschoben hatten: Die ARD ihren Elstner ("Verstehen Sie Spaß"), das ZDF Gottschalk ("Ein Herz für Kinder") und Pro Sieben den Raab ("Schlag den Raab"). Da wollten die Verantwortlichen von RTL eben nicht nachstehen und setzten für "Unglaublich – Die Show der Merkwürdigkeiten" auf jenen Kandidaten, den sie für ihre ganz große Moderatorenhoffnung halten.

Marco Schreyl darf bei den Kölnern zurzeit ja so ziemlich alles runtermoderieren: "Deutschland sucht den Superstar" und die Vier-Schanzen-Tournee, "Das Supertalent" und "V – Die Verbrauchershow". Er ist bei RTL der Mann der Kärtchen, der vorgeschriebene Texte beim Ablesen in dadaistische Lyrik verwandelt. Höflichkeiten klingen deshalb aus seinem Munde schon mal wie obskure Beleidigungen. Ein Umstand, der unlängst bei der Gala zum deutschen Fernsehpreis ein bisschen Spaß in die Chose gebracht hat: Da verscherzte er es sich durch seine grandios gleichgültigen Ansagen mit der versammelten Medienmeute.

Gestern Abend aber moderierte Schreyl wieder "Unglaublich – Die Show der Merkwürdigkeiten", in der Menschen potentiell selbstzerstörerische Dinge tun, die dann von einem wissenschaftlichen Beraterteam umständlich kommentiert werden. Um zu zeigen, wie gefährlich die vorgeführten Darbietungen sind, zerstört man vor laufender Kamera viele Versuchsobjekte. Drücken wir es mal vorsichtig aus: "Unglaublich" ist eine Art Wissensshow für Lernbehinderte.

Der verrückte Professor und die Matsch-Melone

Besonders lustig wurde es am Samstag immer, wenn Forscher Theo Schmitz eingriff. Schmitz ist eine rheinländische Frohnatur, bei dessen Versuchen allerlei Dinge zu Bruch gingen. Um dem Zuschauer für das schon erwähnte Bauchklatscher-Experiment die Höhe von 10,75 Meter anschaulich zu machen, ließ der Wissensonkel mit Sicherheitshelm die unterschiedlichsten Lebensmittel ins Planschecken plumpsen, und die verwandelten sich dann natürlich allesamt in Matsch. Zusammenfassend dozierte der "Physiker": "Dass die Melone kaputt gegangen ist, zeigt uns: Da muss schon eine Menge Energie drin stecken."

Später ließ der verrückte Professor dann hintereinander ganz viele Dinge explodieren, um dem Publikum einzubläuen, wie machtvoll Blitze sein können. Das gehörte nämlich zu einem Versuch, den Moderator Marco Schreyl am eigenen Körper durchführen wollte. Wie er ungefähr 20 Mal während der fast dreistündigen Sendung wiederholte, werde er sich am Ende von einem Blitz mit mehr als einer Million Volt treffen lassen.

Die Zeit des Bangens und Hoffens überbrückte der Selbstdarsteller, indem er in tollkühner Redundanz ein paar weitere Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten vorstellte. "Unglaublich – Die Show der Merkwürdigkeiten" ist Fernsehen für Begriffsstutzige. Jeder Gast wurde gestern mit seinen wunderlichen Fähigkeiten ausführlich in einem Einspieler vorgestellt – um dann noch einmal diese wunderlichen Fähigkeiten ebenso ausführlich im Studio vorzuführen. Schreyl moderierte dann immer so, als hätte es die Filme zuvor gar nicht gegeben; vielleicht hatte man ihm die falschen Karten zugesteckt.

Würgen und Werbepausen

Besonders zäh wurde die Angelegenheit bei einem Schotten, der die unterschiedlichsten sperrigen Gegenstände runter und unverdaut wieder hoch würgen konnte. Geldstücke, Billardkugeln, Zauberwürfel: Alles ging die Speiseröhre runter. So würgte und würgte er, während zwischendurch Werbepausen platziert wurden. Erstaunlich, wie wenig Dynamik all dieser Aufwand zeitigte.

In den besseren Momenten stellte sich gestern auf diese Weise Langeweile ein – in den schlechteren aber wurde man Zeuge, wie die Gäste durch Unprofessionalität in ihrer Würde verletzt wurden. Unter anderem hatte Schreyl auch einen blinden amerikanischen Schüler eingeladen, der sich durch akustische Signale komplett selbstständig durch die Welt bewegen kann. Auf einem Tisch im Studio hatte man nun Gegenstände platziert, die der Junge durch eine Art akustisches Abtasten erfassen sollte. Weil das aber nicht klappte und man Schreyl offensichtlich auch schlecht gebrieft hatte, hielt der dem Blinden dann irgendwann eine Kornflakes-Dose vor die Ohren und schüttelte sie.

Das sind so die grausamen Nettigkeiten, die ertragen muss, wer sich Marco Schreyl überantwortet. Den Selbstversuch mit den Blitzen – es puffte in etwa so wie in einer drittklassigen Silvester-Show – überstand er am Ende natürlich unbeschadet. Gut für seinen Arbeitgeber: RTL hat noch eine Menge vor mit dem martialisch sympathischen Moderationstalent.



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