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Eine Kolumne von

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Aktivistin Tolokonnikowa: Plädoyer für eine Protestkultur

Enthemmte Nazis, berauschte Populisten: Radikalität hat einen schlechten Ruf. Sie kann aber auch richtig und schön sein. Das zeigt das neue Buch der russischen Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa.

Heute will ich nicht motzen, heute muss ich lobhudeln, es geht nicht anders. Und über etwas Schönes reden.

Man liest so viel über Menschlichkeit gerade, und wie sie gefährdet ist. "Bestimmten Verhältnissen dem Leben gegenüber ist Radikalität das einzig Vernünftige, was Humanität noch rettet", hat Roger Willemsen gesagt.

Von Radikalität liest man gerade auch viel, aber viel zu oft im Negativen. Über enthemmte Nazis und von sich selbst berauschte Populisten. Wenn Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich über die Rassisten von Bautzen und Clausnitz sagt, "das sind keine Menschen, die so was tun", dann ist das eine skurrile und verlogene Ausflucht. Aber: Es gibt das auch in die andere Richtung. Es gibt Menschen, die sind so stark und so gut, dass man daran zweifelt, ob man es noch mit menschlichen Kräften zu tun hat.

Ein Manifest gegen die Scheiße

Nadeschda Tolokonnikowa, genannt Nadja, ist so eine. Sie ist 26 und wurde bekannt als Mitglied der Punkband Pussy Riot, als sie 2012 in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau auftrat und dafür zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt wurde. "Muttergottes, jage Putin weg" war der Titel ihres "Punk-Gebets". "Wenn ich meine Schuld eingestehen muss, um rauszukommen, bleibe ich hier", sagte Tolokonnikowa zu Beginn ihrer Haft. Vielleicht hätte sie vorzeitig aus der Haft entlassen werden können, hätte sie an einem Schönheitswettbewerb im Gefängnis teilgenommen - wollte sie aber nicht. Sie arbeitete lieber an etwas anderem: an sich.

Über ihre politischen Aktivitäten und die Zeit im Straflager hat Nadja Tolokonnikowa nun ein Buch geschrieben: "Anleitung für eine Revolution". Man kann dieses Buch gut als etwas lesen, das dem ganzen Elend etwas Gutes entgegensetzt, und zwar weit über den russischen Kontext hinaus. Ein Manifest gegen die Scheiße.

Mehr über Nadeschda Tolokonnikowa im Video:

DER SPIEGEL
Tolokonnikowa schreibt über die Auftritte ihrer Band und die Verhaftung, die sie als "beinahe religiöse Erfahrung" beschreibt, weil sie mit extremem Kontrollverlust einherging. Sie erzählt vom Hungerstreik, von Folter durch Kälte und Bewegungsentzug, von 17-stündigen Arbeitstagen als Näherin von Polizeiuniformen, von den Beziehungen der inhaftierten Frauen untereinander, vom Verliebtsein im Gefängnis, von HIV und Tod.

Ein Großteil der "Anleitung zur Revolution" sind kurze, graffititaugliche Sätze:

"Verkaufe deine Seele nicht zu billig."

"Die Macht sind wir."

"Nasche lieber vom Baum der Erkenntnis, als dass du als seliger Idiot Gott am Hals hängst."

"Eine bitch kann eine Hündin, eine Zicke oder eine Feministin sein. Es ist wichtig, das nicht zu verwechseln."

"Pussy Riot ist wie Sex. Ohne Fantasie betrachtet, wirken beide wie gehirnamputierte Bewegungen. Alle Macht der Fantasie!"

"Entwickle eine Protestkultur"

Das alles ist geschrieben in einer Mischung aus Ernst und Lachen, und auch das ist ein politisches Mittel von Tolokonnikowa: "Das Auslachen der Mächtigen ist eines der besten Mittel der Demokratisierung." Und ja, es klingt lustig, wenn sie Putin so beschreibt: "ein durchgedrehter Möchtegern-Superheld, der halbnackt auf Pferden reitet und vor nichts und niemandem Angst hat, außer vor Homosexuellen. Ein Mann, der so großzügig ist, dass er das halbe Land an seine engsten Freunde verschenkt hat - die Oligarchen."

Es sind aber eben auch solche Ansichten, für die man sterben kann. Sie weiß, dass nichts bleibt als die eigene Stimme und Selbstsicherheit, "wenn du dich mit 22 Jahren plötzlich in Opposition zum staatlichen Machtblock wiederfindest, der schon ganz andere mal eben zu Pulver verarbeitet hat".

Das heute in Deutschland zu lesen, ist merkwürdig. Ich kenne Leute, die aufgehört haben, Nachrichten zu lesen, weil sie sie nicht mehr ertragen. Und dann sieht man ein Video auf "Welt Online" von einem Typen auf einer Pegida-Demo, der versucht, logisch herzuleiten, warum es "eindeutig direkte Demokratie" ist, Flüchtlingsheime anzuzünden.

Es schmerzt in den Ohren, das zu hören, aber was tut man dagegen? Wenn uns unsere Enkel fragen, wo wir waren, als die Heime brannten, dann wird es nicht reichen, zu sagen: "Ich habe damals einen Haufen Leute auf Facebook entfreundet." Nadja Tolokonnikowa empfiehlt: "Entwickle eine Protestkultur. Es gibt eine Esskultur, wie es eine Buch- und Filmkultur gibt - und es gibt eine Protestkultur."

Das alles funktioniert bei ihr über die Aneignung all ihrer Erlebnisse. "Wenn du den Knast schon nicht loswirst, dann schöpfe aus ihm - nimm dir wütende Hartnäckigkeit und Erfahrung mit", schreibt sie. Und: "Versuche, aus jeder Scheiße Pralinen zu machen." Sie könnte sich zurückziehen mit ihrem Mann und ihrer siebenjährigen Tochter. Sie könnte sich als Opfer sehen.

Tolokonnikowa in Moskau: Pop nach Folter Zur Großansicht
Corbis

Tolokonnikowa in Moskau: Pop nach Folter

Stattdessen setzt sie sich für menschenwürdige Haftbedingungen ein und nimmt eine neue Platte auf. Sie hat sich im Arbeitslager durch den Finger gesteppt, sie könnte nie wieder eine Nähmaschine anfassen wollen. Stattdessen macht sie eine Kunstaktion auf einem Platz in Moskau, wo sie in Häftlingskleidung eine Flagge näht. Denn nähen kann sie ja jetzt.

Die "Welt" schrieb über das Buch, es gehe ja gar nicht um eine echte Revolution, wie der Titel verspricht, sondern nur um die Illusion einer Revolution; das Buch sei bloß ein "poppiger Ratgeber". Was für ein Missverständnis. Tolokonnikowa ist seit gut zwei Jahren aus dem Straflager raus. Was soll sie jetzt vorlegen, eine Promotion?

Mit Pussy Riot hat sie Punk gemacht. Und das Buch ist genau das, als Text. Natürlich ist es auch provokant und verkürzt. Da stehen Sätze wie: "Tue das Unmögliche." Und: "Du hast keine 500 Jahre. Lebe mit voller Wucht."

Die "Welt" schreibt, es sei "eher ein Buch für die leichte Lektüre am Strand oder auf der Toilette. Es soll wohl einem westlichen Publikum den Eindruck vermitteln, Revolution sei vor allem easy und sexy." Auf der Toilette, Alter. Es ist ein Buch, in dem eine 26-Jährige beschreibt, wie sie es geschafft hat, von Straflager und Hungerstreik nicht gebrochen zu werden.

Man kann daran rummäkeln, dass jemand nach Folter Pop macht. Oder es als verdammte Inspiration sehen.

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insgesamt 159 Beiträge
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    Seite 1    
1. Diese nette junge Frau
jouric 25.02.2016
betrachtet die Welt aus eigener Warte voller Idealvorstellungen. Mich würde ihre sehr geschätzte Meinung in 20 Jahre interessieren, wenn sie etwas reifer wird.
2. Respekt
hdwinkel 25.02.2016
Meinen vollsten Respekt für Menschen wie Frau Tolokonnikova. Ich hatte zwar ein paar Vorbehalte bezüglich der Pussy Riot Aktion in einer Kirche, aber sie ist zweifelsohne eine mutige Streiterin für eine Zivilgesellschaft, die diesen Namen auch verdient, grade auch in einem autoritären Umfeld wie in Russland. Vielen Dank.
3. Gehts nich?
klausbacker 25.02.2016
Nach der Erkenntnis, dass Nazis enthemmt sind und Populisten berauscht kommt ein Bericht über ETWAS SCHÖNES. Wäre es so, dann gut. Es kommt eine Lobhudelei über Nadeschda Tolokonnikowa, dass ist eine der Durchgeknallten einer Gruppe, die sich Pussy Riot nennt. Was gaben diese Frauen geleistet? Sie haben sich danebenbenommen und geben das für Kunst aus. Aufmerksamkeit haben sie dann vom Westen bekommen, nicht weil sie was können, sondern weil man damit Putin anpinkeln wollte.
4. performance
kleinbürger 25.02.2016
die performance der jungen dame geht eindeutig in richtung westlich-weiblicher latte-maccioato hipster, was ja auch in ordnung ist. ein bisschen stylisch, ein bisschen provokation, ein bisschen bitch - und dann auch noch gegen putins-macker-gehabe. also so eine art polit-fifty-shades-of-gray. das es gegen das regime von putin geht dürfte bei den männlichen westlichen revoluzzern dagegen nicht so gut ankommen, die finden putin agieren doch eher irgendwie toll, da gegen die amerikaner.
5. Achwo
the.anthony 25.02.2016
@jouric Keine Sorge, ich bin 48 und finde das immer noch klasse, was sie macht. Und so unreif fühle ich mich gar nicht.
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