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Nahost-Sachbuch: Ewiger Zwist um das gleiche Haus

Von Annette Großbongardt

Information statt Provokation: Dieter Viewegers "Streit um das Heilige Land" ist ein empfehlenswertes Handbuch für alle, die eine solide Übersicht über die Geschichte des Nahost-Konflikts und die Fakten hinter den Schlagzeilen suchen.

Siedlerprotest in Israel: Erst Ernüchterung, dann Frustration Zur Großansicht
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Siedlerprotest in Israel: Erst Ernüchterung, dann Frustration

Im Heiligen Land sind selbst die Steine umstritten, das weiß Dieter Vieweger aus eigener Erfahrung. Gerade gräbt der renommierte Wuppertaler Archäologe unter der evangelischen Erlöserkirche mitten in der Altstadt Jerusalems. Vieweger würde gerne nach der historischen Stadtmauer zur Zeit Jesu buddeln, die dort in der Nähe verlaufen sein muss. Doch weil das arabische Ost-Jerusalem samt Altstadt für die Uno noch immer besetztes Gebiet ist, können Archäologen hier nur sehr beschränkt arbeiten. Viewegers Grabungsteam darf deshalb nur so weit vorstoßen, um einen kleinen archäologischen Park zur Vorgeschichte der Kirche zu schaffen.

Immer wieder lösen Grabungen in Jerusalem, dem Herz des Konflikts, gar blutige Unruhen aus, wie etwa 1996, als Regierungschef Benjamin Netanjahu einen Tunnel am Tempelberg bis in die Gassen der muslimischen Händler graben ließ. Für die Palästinenser war das eine schwere Provokation - bei den blutigen Zusammenstößen starben damals mehr als 70 Menschen.

Vieweger, 52, der seit 2005 auch das Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem und Amman leitet, war damals schon ein paar Jahre im Land unterwegs. Er hatte die Schlussphase der ersten Intifada erlebt, das historische Friedensabkommen von Oslo 1993, die Freudentänze und die Hoffnung danach auf beiden Seiten - und dann die allmähliche Ernüchterung, wachsende Frustration, bis hin zum Wiederaufflammen der Gewalt, den schweren Terroranschlägen der zweiten Intifada. Vieweger, der jedes Jahr mehrere Monate in Israel und Jordanien auf Grabungen verbringt und bisher vor allem Bücher zum Alten Testament und zur Archäologie der biblischen Welt vorgelegt hat, fühlte sich herausgefordert, "zu erklären, was da passiert." Aus diesem Impuls ist das jüngste Buch des Wissenschaftlers entstanden: "Streit um das Heilige Land" - ein empfehlenswertes Handbuch für alle, die eine solide Übersicht über die Geschichte des Konflikts und die Fakten hinter den Schlagzeilen suchen.

Nicht Israelis oder Palästinenser eines Besseren belehren

Der einstige Pfarrer weiß um die Emotionalität des Konflikts. Auf Vorträgen in Deutschland erlebt er immer wieder, wie heftig sich Zuhörer auf eine Seite schlagen - die der Israelis oder die der Palästinenser. Von solcher, meist ideologisch gefärbter Überhitzung hebt sich sein Buch wohltuend ab. Es ist nüchtern, informativ, aber mit Leidenschaft für die Sache geschrieben. Vieweger will nicht Israelis oder Palästinenser eines Besseren belehren, was etliche Nahost-Bücher versuchen. Er liefert Hintergründe für europäische Leser, die ihnen helfen sollen, diese so schwierige Region besser zu verstehen.

So beginnt das Buch mit den historischen, wirtschaftlichen und geografischen Grundlagen, quasi der Bühne, auf der dieser ewige Zwist zweier Parteien um das gleiche Haus stattfindet, dieser kleine Streifen Land, auf den die ganze Welt schaut: Israel ist gerade mal so groß wie Hessen, die Bevölkerungsdichte im palästinensischen Gaza-Streifen übertrifft die von Bangladesch, die Geburtenrate ist fast doppelt so hoch wie in Israel. Dass auch die knappen Wasserressourcen im Konflikt eine Rolle spielen, wird hier sehr schön erklärt. Wirklich verdienstvoll sind die vielen leicht verständlichen Karten. Doch die "südliche Levante", die der Autor als neutrale Bezeichnung für Israel und Palästina vorschlägt, irritiert eher.

Wie verblüffend ähnlich doch die religiösen Bezüge sind. Juden wie Araber, schreibt der studierte Theologe, "leiten ihre Herkunft vom Stammvater Abraham ab". Nicht nur die Bibel, auch der Koran beruft sich auf das Heilige Land. Mohammed gab sogar zunächst Jerusalem als Gebetsrichtung aus, änderte dies aber. Und doch stellt Vieweger Unterschiede fest: Palästina werde von den Muslimen "bei weitem nicht in dem Umfang als Heiliges Land wahrgenommen und verehrt, wie das bei den Juden (und Christen) der Fall war (und ist)".

Umkämpfte heilige Orte vorgestellt

Dabei schält er heraus, wie sehr Religion als politisches Instrument im Konflikt benutzt wird und stellt die umkämpften heiligen Orte vor, etwa das massiv gesicherte Grab der Rahel im palästinensischen Betlehem oder das Abrahamsgrab in Hebron, das Juden wie Muslime verehren, und natürlich der islamische Felsendom, der auffälligerweise genau dort errichtet wurde, wo früher die jüdische Tempelanlage stand.

Eine ausführliche Chronik führt zurück bis ins Land Kanaan und die vorisraelitische Bevölkerung, auch die Vorgeschichte des Konflikts vom Zionismus und den ersten jüdischen Einwanderungswellen im 19. Jahrhundert über die arabischen Aufstände bis hin zur Staatsgründung und den zahlreichen Kriegen ist sehr übersichtlich und verständlich aufbereitet. In Kurzporträts werden Schlüsselfiguren des Konflikts vorgestellt, wie der von Israel getötete Hamas-Gründer Scheich Jassin, der den Terror orchestrierte, oder Ex-Premier Ariel Scharon, der viele blutige Militärschläge gegen Palästinenser befehligte. Vieweger beschreibt auch, welche zweifelhafte Rolle die Briten in der Mandatszeit bis 1948 spielten.

Dabei ergreift der Autor nie Partei, er bewertet nicht, urteilt keine Seite ab.

Persönlich hat Vieweger, ein gebürtiger Chemnitzer, der in der DDR aufwuchs und schon früh in Konflikt mit dem System geriet, durchaus seine Meinung. Er stößt sich an der israelischen Besatzung, den Siedlungen, den Sperranlagen, die palästinensischen Lebensraum beschneidet. "Eine Mauer ist eine große Ungerechtigkeit, vor allem für die, die auf der falschen Seite leben", sagt er. Doch er könne auch das Bedrohungsgefühl der Israelis verstehen, ihr Sicherheitsbedürfnis.

In seinem Buch beschreibt Vieweger, wie viele Friedensversuche es schon gab, die bisher alle scheiterten. Die Analyse jedoch, warum eigentlich der Aussöhnungsprozess immer wieder steckenbleibt, wie sehr auch die nationale Psyche der beiden Völker im Wege steht, kommt allerdings zu kurz.

Mehr als eine vage Hoffnung mag sich Vieweger am Schluss nicht abringen - es bedürfe eines "riesigen emotionalen Aufbruchs, des mitreißenden Enthusiasmus standhafter Friedenstifter und zäher Beharrlichkeit - dann kann es vielleicht gelingen". Von diesem Aufbruch war in Washington nicht viel zu spüren. Aber vielleicht kommt eine Lösung dieses ewigen Konflikts eines Tages auch ganz anders, als es alle erwarten.


Dieter Vieweger: Streit um das Heilige Land. Was jeder vom israelisch-palästinensischen Konflikt wissen sollte. Gütersloher Verlagshaus, 288 Seiten, 19.95 Euro

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
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1. Nie Frieden
elbröwer 06.09.2010
Es wird im Nahen Osten nie einen Frieden zwischen Arabern und Juden geben. Die Geschichte beweist es. Zumal die Religion von beiden Seiten benutzt wird um ihre Haßprediger in Stellung zu bringen damit junge Menschen einander umbringen.
2. Warum so pessimistisch?
SNA 06.09.2010
Zitat von elbröwerEs wird im Nahen Osten nie einen Frieden zwischen Arabern und Juden geben. Die Geschichte beweist es. Zumal die Religion von beiden Seiten benutzt wird um ihre Haßprediger in Stellung zu bringen damit junge Menschen einander umbringen.
Wenn mir vor 30 Jahren einer gesagt hätte, der Ost-West-Konflikt wird beendet werden, hätte ich gesagt: Das wird nie enden. Wenn mir vor 30 Jahren einer gesagt hätte, die Mauer wird enden, hätte ich gesagt: Das wird nie enden. Wenn mir vor 30 Jahren einer gesagt hätte, der Nord-Irland-Konflikt wird enden, hätte ich gesagt: Das wird nie enden. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen diesen Ereignissen und dem Konflikt in und um Palästina. Insbesondere liegt dieser eben doch darin, dass drei Weltreligionen ihre heiligen Stätten dort sehen. Da wird man nicht einfach sagen könne, verlegt doch eure heiligen Stätten woanders hin. Aber irgendwann wird es enden...
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Geschichte Israels

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Interaktiv: Das Heilige Land im Wandel


Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
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Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

Flüchtlinge
DPA
Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
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Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

Jerusalem
AP
Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
Golan
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Syrien dringt darauf, dass die 1967 besetzten Golanhöhen im Rahmen einer Friedenslösung zurückgegeben werden. Von der 1150 Quadratkilometer großen Hochebene hat Israels Armee einen guten Blick nach Syrien und in den Libanon. Umgekehrt könnten die Syrer vom Golan aus große Teile Israels überwachen. Heute leben in dem Gebiet neben rund 20.000 Syrern auch etwa 20.000 jüdische Einwohner.
Scheba-Farmen
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Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
Wasser
REUTERS
Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.

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