Globalisierungskritikerin Naomi Klein Kohle frisst Klima auf

Klimaschutz scheitert am Kapitalismus - zu diesem Fazit kommt Naomi Klein in ihrem Buch "Die Entscheidung", das sie jetzt in Berlin vorstellte. Ihr Appell: Eine Massenbewegung für das Klima könnte die letzte Chance sein, etwas zu verändern.

Von

Kourosh Keshiri

Berlin - Haben Sie gezögert, auf diesen Artikel zu klicken? Es wäre verständlich. Schließlich lässt das Thema Klima fast immer eine deprimierende Lektüre vermuten. Über schmelzende Polkappen, versinkende Südseeinseln und das fortwährende Versagen internationaler Klimagipfel.

Naomi Klein ging es ähnlich. Die Kanadierin gilt seit ihrem Erstling "No Logo" aus dem Jahr 2000 als linke Vordenkerin eines globalisierten Verantwortungsgefühls. Doch schlechten Klima-Nachrichten ging auch sie lange aus dem Weg. "Ich wechselte den Fernsehkanal, klickte die Seite weg", schreibt Klein in ihrem neuen Buch "Die Entscheidung".

Wenige Monate vor dem möglicherweise entscheidenden Klimagipfel in Paris hat sich die 44-Jährige doch des Themas angenommen - mit eindeutigem Fazit: Der Kampf gegen die Erderwärmung droht zu scheitern, weil er die herrschende Wirtschaftsidelogie in Frage stellt. Das Duell lautet Klein zufolge: "Kapitalismus vs. Klima". Und es werde auch in Berlin ausgefochten, wo sie ihr Buch am Sonntagabend bei einer Veranstaltung der "Blätter für deutsche und internationale Politik" vorstellte.

Deutschlands Versagen

Die These mobilisiert, das zeigte der große Andrang überwiegend junger Zuhörer im Haus der Kulturen der Welt. Aber schließen sich Marktwirtschaft und Klimaschutz wirklich aus? Deutschland versucht derzeit immerhin, mit der Energiewende das Gegenteil zu beweisen. "Ich weiß, dass Ihr hitzig darüber debattiert", sagte Klein dem Publikum in Berlin. Sie lobt in ihrem Buch das deutsche Modell, vor allem den Rückkauf vieler Stromnetze von Kommunen.

Kleins Argumentation ist weniger radikal als es der Buchtitel vermuten lässt. Einmal mehr sieht sie den Gegner im entfesselten Neoliberalismus, Wirtschaftswachstum aber hält Klein nicht prinzipiell für falsch. "Ich möchte den Markt nicht töten", sagte Klein kürzlich dem SPIEGEL, "aber wir brauchen sehr viel mehr Strategie, Steuerung und Planung".

Schon der Ruf nach einem stärkeren Staat ist aber eine Provokation. Denn bislang setzten auch viele Klimaschützer darauf, dass der Markt das Problem mit den richtigen Anreizen schon lösen werde. Dem widerspricht Klein deutlich: Mächtige Energiekonzerne würden ihre klimaschädlichen Tätigkeiten mit allen Mitteln verteidigen. Deshalb müsse man sie ihnen gezielt verbieten - hier habe auch Deutschland versagt.

Schließlich hat die Bundesregierung zwar den Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen, nicht aber den aus der besonders klimaschädlichen Braunkohle. Die einstige Klimakanzlerin Angela Merkel habe sich "dem massiven Einfluss der Kohlelobby" gebeugt, kritisiert Klein. In Berlin rannte sie damit offene Türen ein: Der Aktivist und Wissenschaftler Tadzio Müller rief bei der anschließenden Diskussion zu einer Aktion auf, mit der im Sommer ein Tagebau im Rheinland blockiert werden soll.

Die EZB als Sündenbock

Klein war begeistert, sie begreift sich weiterhin als Aktivistin. Erst vor wenigen Tagen sprach sie vor Blockupy-Demonstranten in Frankfurt. Angesichts der Randale im Umfeld der Kundgebung sagte sie, die Europäische Zentralbank (EZB) zünde vielleicht keine Autos an. Aber: "Ihr zündet die Welt an."

An solchen Stellen wird es schwieriger mit Kleins Argumentation - nicht nur wegen der zweifelhaften Wahl der EZB als Sündenbock. Klein will die europäischen Spargegner mit den Klimaschützern zusammenspannen. "Es ist Unsinn, sie als separate Bewegungen zu behandeln", rief sie unter Applaus. Auch zahlreiche andere soziale Bewegungen - von Freihandelsgegnern bis zu Verfechtern eines Grundeinkommens - möchte Klein unter dem übergeordneten Ziel des Klimaschutzes vereinen.

Ein ambitionierter Plan, zumal Klein in ihrem Buch stets betont, wie sehr die Zeit dränge. In dieser Lage könnten sich Protestbewegungen "die heilige Kuh der Strukturlosigkeit" eigentlich nicht mehr leisten, schreibt sie. Doch schon die abschweifenden Diskussionsbeiträge mancher Zuhörer in Berlin ließen ahnen, wie schnell sich das Thema Klimaschutz mit anderen Anliegen überfrachten lässt.

Zwischen Bedrohung und Ohnmacht

In einem Punkt hat Klein zweifellos Recht: Eine Massenbewegung für den Klimaschutz könnte die letzte Chance sein, Politik und Konzerne doch noch zu einer wirksamen Einigung zu drängen. Schließlich hat die Gegenseite in den vergangenen Jahren vielerorts die Meinungshoheit erobert.

Das gilt besonders in den USA, wo die Energiewirtschaft täglich 400.000 Dollar für Lobbyarbeit ausgibt und Tea-Party-Mitglieder schon harmlose Nachhaltigkeitsprogramme als von der Uno finanzierte Weltverschwörung bekämpfen. Doch auch in Deutschland kann das Eis beim Ruf nach staatlichen Eingriffen dünn sein. Das zeigte etwa die Hysterie, mit der vor der jüngsten Bundestagswahl auf den Vorschlag der Grünen für einen fleischfreien "Veggie-Day" in öffentlichen Kantinen reagiert wurde.

Zu den spannendsten Passagen in Kleins Buch gehören ihre Überlegungen, warum trotz dramatischer Prognosen bislang nicht mehr Menschen fürs Klima mobilisiert werden konnten. "Vielleicht handeln wir ja deshalb nicht, weil wir zutiefst von unserer Sorge überwältigt sind?", fragt sie. Auch sie selbst habe der Gedanke an ihren zweijährigen Sohn, der während des Vortrags dabei war, zeitweise gelähmt.

Am Sonntag aber bemühte sich Klein, Hoffnung zu verbreiten. Sie verwies auf eine Klimademonstration, die in New York vergangenes Jahr Hunderttausende auf die Straße brachte, auf den abgestürzten Ölpreis, der die Hürden für eine wirksame CO2-Steuer gesenkt habe. Ein Engagement in der Klimaschutzbewegung könne die Diskrepanz zwischen offensichtlicher Bedrohung und eigener Ohnmacht verringern: "Es ist eine Art von Therapie."

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insgesamt 253 Beiträge
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Seite 1
jackjackjack 23.03.2015
1. Geschäftsmodell Buch
vielleicht sollte man so ein wichtiges Thema nicht für 24€ verkaufen (Hallo, Kapitalismus?) ? eher gegen Spende ... oder sagen wir Ebook Version für 2,99€ ?
Mimahal 23.03.2015
2. Sozialismus rettet die Welt
Wie der Sozialismus mit der Natur umgeht, konnte man ja gut in der DDR und im restlichen Osteuropa besichtigen. War das besser, als im kapitalistischen Westen, wie Schweden, Norwegen oder Dänemark?
NoTarget 23.03.2015
3. Qualifikation von Frau Klein?
Studium Anglistik und Philosophie an der University of Toronto. Abgebrochen ohne Abschluss. Und die Dame weiß wie das Klima gerettet werden kann. Ja ne is klar...
Argumentationslogiker 23.03.2015
4.
"Klimaschutz scheitert am Kapitalismus" Eine kluge Schlussfolgerung, das Greenwashing des Kapitalismus wird eben auch nicht funktionieren. Dazu kann ich sehr die Arbeit von Professor Niko Paech von der Uni Oldenburg empfehlen. Der Mann forscht, welche wirtschaftlichen Vorraussetzungen nötig werden, um ein frühzeitiges Ende der Welt zu vermeiden und kam bisher zu dem Schluss einer Postwachstumsökonomie. Für Interessierte Leser inner- und außerhalb der Redaktion: http://www.postwachstumsoekonomie.org/html/paech_grundzuge_einer_postwach.html
M. Michaelis 23.03.2015
5.
Die antikapitalistischen Apokalyptiker brauchen eine neue Aufgabe. Nach dem der atomare Weltuntergang und sein Urheber der militärisch-industrielle Komplex abhanden gekommen sind musste ein neues Untergangsszenario her, die Klimakatastrophe. Zudem drängt sich der Verdacht auf die durch das scheitern des antikapitalistischen Kollektivismus auf breiter Front abhanden gekommene Legitimation durch eine Verknüpfung mit dem Kampf gegen eine Klimaapokalypse wieder herzustellen. Das Mem einer Apokalypse geistert beständig durch die Menschheitsgeschichte und dient immer dazu moralistische Forderungen und totalitäre Ideologien zu überhöhen und zu legitimieren. Hier mischen sich in altbekannter Weise Zivilisationskritik, Gesellschaftskritik und Antikapitalsimus mit einer neuen globalen Bedrohung, der Abwendung einer Klimaapokalypse.
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