Milo Rau in Gent Lammfrommes Passions-Palaver

Der umstrittene Regisseur Milo Rau tritt im belgischen Gent erstmals als Intendant an. Er nennt sein Haus unbescheiden das "Stadttheater der Zukunft" - und eröffnet es mit einem bürgernahen Altar-Spiel.

Michiel Devijver

Für fünf Minuten spielt das Theater Schlachthaus. Eine riesige Videoprojektion auf der Bühne im frisch renovierten Haupthaus des NTGent zeigt am Freitagabend, wie ein Schlachter mit einem Bolzenschuss ein Schaf tötet, wie das Tier ausblutet und gehäutet wird. Die Menschen auf der Bühne widmen sich währenddessen einem lebenden Schaf: Zwei Dutzend Kinder, Männer und Frauen bilden einen Kreis um das Tier, dass von einem Schäfer mithilfe eines surrenden Scher-Apparats fachgerecht von seiner Wollpracht befreit wird. Ab und zu strampelt das Schaf mit den Beinen, während die Stimme eines Schlachters aus dem Videofilm das Handwerk der Tiertötung erklärt.

"Lam Gods" lautet der flämische Titel, "Der Genter Altar" die deutsche Version des Stücks, mit dem der Regisseur Milo Rau im belgischen Gent seine erste Theaterintendanz eröffnet. Es ist eine Art Oberammergauer Passionsspiel, das aus den bayerischen Alpen ins belgische Flachland verlegt wurde. Auf der Bühne sind 50 Darsteller, ein Hund und ein Schaf zu sehen, die sich in der unter anderem aus Oberammergau bekannten Tradition der "Tableaux vivants", der lebenden Bilder, an die Nachstellung eines berühmten Kunstwerks machen. Die Bildtafeln des Genter Altars in der Kathedrale der Stadt, gemalt von Jan van Eyck, wahrscheinlich nach Vorarbeiten seines Bruders Hubert van Eyck, vollendet im Jahr 1432, werden alljährlich von fast einer Million Touristen als tolles Kulturwunder bestaunt. Die zentrale Altartafel zeigt ein von Engeln angebetetes Lamm, aus dessen Hals Blut in einen Kelch rinnt. Raus zeitgenössische Version ist das Schlachthaus-Video.

Argwöhnisch erwartetes Experiment

Der aus der Schweiz stammende Theatermacher Rau ist 41 Jahre alt und in Gent angetreten, um dort "das Stadttheater der Zukunft" zu präsentieren. So steht es etwas großsprecherisch auf der Webseite des Theaters und so sagen es Rau und der Bürgermeister der 300.000-Einwohner-Stadt am Freitag auch nochmal in ihren Festreden zur Eröffnung. Tatsächlich ist das, was Rau in Gent versucht, ein vor allem in der deutschsprachigen Bühnenwelt neugierig bis argwöhnisch erwartetes Experiment.

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"Der Genter Altar": Bei Adam und Eva anfangen

Rau ist umstritten und preisgekrönt, weil er mit Reenactments und politisch grundierten Bühnenaktionen unter anderem in Russland ("Moskauer Prozesse") und im Kongo ("Das Kongo Tribunal") spektakuläre neue Formen des Dokumentartheaters etabliert hat. Für seine Arbeit in Gent hat er zehn Regeln eines "Genter Manifests" formuliert, die deutlich an die Regeln jener dänischen Filmemacher um Lars von Trier angelehnt sind, die in den Neunzigerjahren mit ihrem "Dogma 95"-Pamphlet Furore machten. Eine der Rau-Regeln lautet: "Die wörtliche Adaption von Klassikern auf der Bühne ist verboten. Wenn zu Probenbeginn ein Text vorliegt, darf dieser maximal 20 Prozent der Vorstellungsdauer ausmachen."

Das klingt revolutionär. Im "Genter Altar" reden nun viele der Darsteller, die hier etwa als heilige Maria oder Johannes der Täufer, als Adam (zur Rechten Gottes) und Eva (zur Linken) auftreten, in Alltagssprache von ihren gewöhnlichen Leben. Der blondbärtige Mann, der von der sanften Unterwassergeburt seiner Frau berichtet, besetzt die Rolle des Johannes. Die großgewachsene Frau, die der Regisseur als Eva gecastet hat, erzählt davon, dass sie in erster Ehe mit einem aus Indonesien stammenden Mann verheiratet war und stellt dem Publikum ihre gleichfalls auf der Bühne weilenden Kinder vor. Dann legt sie ebenso wie der rotbärtige Adam-Darsteller, der nun ihr zweiter Gatte ist, ihre Kleider ab. "Jetzt kommt die Liebesszene" ruft der als Conferencier eingesetzte Schauspieler Frank Focketyn. Eine rote Decke wird auf den Bühnenboden gelegt, die Kinder des Chors lassen sich im Schneidersitz nieder und sehen zu, wie die nackte Eva sich auf den Schoß des nackten Adam setzt und ihn gründlich liebkost.

Das Authentische ist immer zweifelhaft

Vermutlich gibt es Menschen, die derartiges provozierend finden. Die Genter Premierenzuschauer blieben gelassen. Raus Plan, die Rolle eines der Kreuzfahrer mit einem echten, aus Syrien zurückgekehrten belgischen Dschihadisten zu besetzen (neben einem missionierenden Katholiken und einen Mormonen) hatte lange vor der "Lam Gods"-Premiere für Skandalgeschrei und eine Diskussion im flämischen Parlament gesorgt. Rau musste zurückrudern. Am Eröffnungsabend wird nun per Video ein Dschihadisten-Darsteller vorgeführt, der mit schwarzer Wollkapuze auf einem Pferd sitzt und behauptet, er sei als islamistischer Kämpfer in Syrien gewesen - nach Auskunft des Theaters wird der Reitersmann von einem NTGent-Mitarbeiter ohne Syrienkrieg-Erfahrung gespielt. Bei Rau ist das scheinbar Authentische immer zweifelhaft, das ist Teil des Spiels.

Wie jedes gute Passionsspiel ist auch "Der Genter Altar" ein Werk der musikalischen Überredungskunst. Immer wieder erklingt ein von Samuel Barber bearbeitetes "Agnus Dei", wiederholt hört man Leonard Cohens "Dance Me To The End of Love", dazu schmettern die Chorkinder flämische Kinderlieder. Allerdings ist Raus Altar-Interpretation, die ausdrücklich mit dem Segen des örtlichen Bischofs erfolgt, fern aller religiösen Ergriffenheit. In einem lockeren, knapp zweistündigen Assoziationsreigen wird vorgeführt, auf welch kunterbunte Weise der Mensch seinem kurzen Erdendasein Sinn zu verpassen versucht: durch die Anbetung diverser Götter, durch Fortpflanzung und Kinderaufzucht, aber natürlich auch durch Theaterspielen.

Oft wirkt der Regisseur Rau lammfromm in dieser von seinen Akteuren munter vorgetragenen Stoffsammlung. Manchmal scheint er gar völlig zu verschwinden, als veranstalteten die Menschen auf der Bühne ein Palaver, in dem jeder offenherzig seine Gedanken äußert. Während des Auftritts eines alternativen Adam-und-Eva-Paares, beide Genter Bürger mit Migrationshintergrund, sagt die afrikanischstämmige Bewerberin für den Job der Eva: "Für mich ist das Leben selbst das größte Kunstwerk."

Ist das so? Und was hieße das für das Theater der Zukunft? "Der Genter Altar" ist noch kein großes Auftrumpfen, kein Donnerschlag, sondern ein auf die Bühne gestelltes Versuchslabor. Am Ende ordnet Milo Rau die Szenen seines Weihe- und Einweihungs-Spektakels zu einer Moral, die eine Absage an alle Metaphysik ist. "Die Welt begann ohne Menschen, ohne Götter, ohne Glauben", verkündet die Stimme eines offenbar allmächtigen Erzählers. "So wird sie auch enden."


"Der Genfer Altar" (Originaltitel "Lam Gods"). 29.9.2018 bis 5.5.2019, Nationaltheater Gent

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murksdoc 30.09.2018
1. Konstruktiver Vorschlag
Lasst die "zwei Dutzend" Kinder singen: "Ob wir für Hungerlöhne in Pakistan Sneakers nähen oder in nekrophilen Kasperlepornos die kleinen Voyeure mimen: Kinderarbeit ist Kinderarbeit und die ist verboten".
i.dietz 30.09.2018
2. Einfach nur widerlich
und das soll Kunst sein ? Forum "Kultur" passt absolut nicht !
jandokar 06.10.2018
3. @i.dietz
Hätte es nicht heißen müssen: "Forum "Kultur" passt MIR absolut nicht !"? Ich empfehle, einfach nicht anschauen, wenn es Ihnen nicht gefällt. Oder könnte es sein, dass Sie es anderen verbieten wollen? Und heimlich dann doch gucken? Mir gefällt experimentelles Theater. Immer dasselbe genau wie vor 4 Jahrhunderten ist doch langweilig.
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