Theaterpremiere in Mannheim Der große Laberflash

Schaumschläger, Meinungsmacher, Zyniker: Felicia Zeller seziert in ihrem neuen Stück eine Branche, die die Welt einlullt - die PR-Agenturen. Leider lullt die Uraufführung auch die Zuschauer ein.

Hans Jörg Michel

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Hinten Ruhe, vorne Rabatz: Das scheint die Logik zu sein, nach der die Uraufführung von Felicia Zellers neuem Stück am Nationaltheater Mannheim funktioniert. "Die Welt von hinten wie von vorne" heißt es.

Im Hintergrund läuft ein Film, in dem Fische in einem Aquarium das tun, was Fische in Aquarien eben so tun: nicht viel. Sie gleiten durchs Wasser, wie in Zeitlupe, sie schweben umher, wie schwerelos, um sanft schwingende Pflanzen herum. Leben unter Glas. Im Vordergrund turnen und tanzen und trommeln Schauspieler auf einem Gerüst, einem meterhohen Stahlgerippe, an dessen Spitze ein DJ thront und Techno auflegt.

Doch die vordergründige Dynamik täuscht: In Zellers Stück passiert ähnlich wenig wie in einem Aquarium. Es ist fast frei von Handlung - und auch von Haltung. Die Figuren setzen sich für nichts ein, sie stehen für nichts, sie stellen sich dar. Sie sind maximal unauthentisch. Die Figuren reden pausenlos, sie sagen aber nichts. Sie sind stumm wie Fische - und leider ebenso einschläfernd. Aber dazu später mehr.

Bürgerbewegung ohne Bürger

Felicia Zeller seziert in ihrem Stück eine Branche, die eine Welt behauptet, die vor der eigentlichen steht: die PR-Branche. "Mover und Shaker und Partner" heißt die fiktive Firma, die sie sich dafür vorknöpft. Es ist Deutschlands größte PR-Agentur, führend in Meinungsmache, übler Nachrede und Schaumschlägerei. Ihr Geheimrezept: Sie gründet Bürgerbewegungen ohne Bürger, also Tarnorganisationen, die scheinbar unabhängig Lobbyarbeit machen. Zudem betreut sie undercover die wichtigste Polit-Talkshow des Fernsehens, sucht die Gäste aus, schreibt die Moderationstexte.

Die Mitarbeiter der Agentur sind Zyniker, ihr oberster Leitsatz lautet: "Lass deine Meinung zu Hause". Denn: "Wir brauchen keine Meinung. Wir machen sie." Sie prostituieren sich für Geld, Karriere, Macht - und sind gleichzeitig Zuhälter für andere, die sich in der Öffentlichkeit prostituieren: für Politiker, für Journalisten, für sogenannte Experten, die alle käuflich sind, für "prominente Gesichter", verzeichnet in der Kartei renommierte-gesichter.com.

Zeller verpasst den Mitarbeitern der Agentur den typischen Zeller-Sprech: unvollständige Gedanken in unvollständigen Sätzen, in Floskeln und Slogans. Die PR-Profis verzichten auf die Verben, die Tuwörter, vielleicht aus Zeitmangel, vielleicht aber auch, weil nicht wirklich etwas getan wird in ihrer Welt, nur geschwätzt. Es ist eine So-tun-als-ob-Welt. "Wer Yoga macht, wird bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt."

Der Mannheimer Intendant Burkhard C. Kosminski, der die Uraufführung besorgt, steckt die PR-Profis in Turnschuhe und hautenge Sportanzüge. Dynamisch sehen sie aus und stromlinienförmig, widerstandslos im Windkanal öffentlicher Debatten. Sie tragen auffallend große Brillen, die sie entindividualisieren, fast wie Masken. Es ist, als sähen sie die Welt alle durch die selbe Brille. Oder auch: Als sähen sie die Welt nur bis zum dicken Brillenrand, gefangen in den eigenen Inszenierungen. Auf die Stretchanzüge sind Lichterketten geklebt, die sie wirken lassen wie Cyborgs, Mischwesen aus Mensch und Maschine, Sprechroboter. Mit ihren Laberflashs lullen sie die Öffentlichkeit ein, bis sich niemand mehr auf den Inhalt des Gesagten konzentrieren kann. Laber Rhabarber.

Wahlkampf gegen den Wahlkampf

Plötzlich gerät das Geschäft von Mover und Shaker und Partner jedoch in Gefahr: Der Präsidentschaftskandidat Professor Doktor Alexander Peter arbeitet ohne Berater, als einziger Spitzenpolitiker. Er sieht beschissen aus, trägt hässliche Hemden, aber er ist authentisch. In Wahlkampf-Reden wettert er gegen den Wahlkampf, gegen das Meinungsdesign der omnipräsenten Berater, gegen die Verselbständigung der Macht der Kampagnen, gegen die Entwertung der Rede, gegen die Funktionalisierung des Redners. Sein Versprechen: Er werde die Politikberatung durch verschärfte Gesetze in ihre Schranken weisen. Die Agentur sieht sich gezwungen, eine Kampagne in eigener Sache zu starten: nicht für irgendein Waschmittel, für irgendeinen Autohersteller, für irgendeine Partei, sondern für die Freiheit der Kommunikation.

Das alles klingt in der Zusammenfassung nach einem Plot, nach einer Handlung mit Konflikten, mit Anfang, Mitte und Ende, mit Psychologie. Aber das täuscht: Einen klaren Plot hat Zellers Stück nicht, es ist eine Sprachanalyse ohne Höhepunkte. Der Präsidentschaftskandidat Professor Doktor Alexander Peter taucht als Figur nicht auf, er ist nur anwesend in den Gesprächen der Agenturmitarbeiter, und auch die Agenturmitarbeiter sind merkwürdig blutleer, mehr Funktionsträger als Menschen mit Gedanken und Gefühlen. Das ist Konzept, aber das birgt auch die Gefahr, niemanden im Publikum zu berühren, weder emotional noch intellektuell. Es ist schon tragisch: Das Publikum soll erfahren, wie PR-Agenturen ihr Publikum einlullen, und wird dabei selbst eingelullt. Eingeschläfert.

Auch Zellers frühere Erfolgsstücke waren beinahe handlungsfrei, zum Beispiel die Sozialamts-Groteske "Kaspar Häuser Meer" und die grandiose Au-Pair-Groteske "Gespräche mit Astronauten". Im Unterschied zum neuen Stück aber waren das Sprechpartituren, rhythmisierte Wortkonzerte, die auf der Bühne abhoben und im absurden Witz landeten. "Die Welt von hinten wie von vorne" hingegen wirkt unfertig: Das Sprachmaterial des analysierten Milieus ist nicht so durchformt wie früher, es ergibt keine Sprachskulptur, es bleibt stecken im Klischee.

Diese Gefahr droht Zeller-Stücken immer: Sie schreibt Satiren und Parodien, und die müssen vielleicht hart am Klischee vorbeischrammen, um zu funktionieren. Schon ihr letztes Stück "X-Freunde", im Fachblatt "Theater heute" soeben zum Stück des Jahres gewählt, steuerte jedoch mitten ins Klischee hinein, befördert von einer völlig misslungenen Uraufführung in Frankfurt am Main: Die Regisseurin Bettina Bruinier illustrierte den Text, ließ all seine Absurditäten und Albernheiten ausspielen, statt ihn mit einem kühlen Schauspielstil zu kontern. Zellers Hyperrealismus stürzte ab in den Realismus - und landete auf dem Boulevard.

Immerhin: Bruinier unterhielt die Zuschauer, wenn auch auf niedrigem Niveau, in Mannheim langweilt Intendant Kosminski sie. Er legt auf Zellers Hyperrealismus noch eine Schippe drauf, stellt ihre Groteske als Groteske aus, lässt ihre grotesken Sätze grotesk sprechen und spielen. Das doppelt die Sätze - und nimmt ihnen die Kraft, die Irritation. Es rückt sie weit weg vom Zuschauer im Parkett. Es zähmt sie.


Felicia Zeller: "Die Welt von hinten wie von vorne" . Nächste Vorstellungen im Nationaltheater Mannheim am 13., 29. und 30. Oktober, Karten unter Telefon 0621/1680150.

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