Natur und Kunst Hier spricht der Lippenbär

Käfer, Schädel und Flamingos: In Leipzig kombinieren Kunststudenten alte Gemälde und Präparate aus dem Naturkundemuseum mit ihren eigenen Werken. Eine tierisch bunte Ausstellung - futuristisch und gleichzeitig rückwärtsgewandt.

Anne Fellner/ MdbK Leipzig

Natur, das ist die Wirklichkeit, real und wissenschaftlich erklärbar. Und Kunst genau das Gegenteil, reine Phantasie. Das passt nicht zusammen, sagen die einen. Und trotzdem gibt es in der langen Geschichte der Kunst kaum ein Thema, mit dem sich Künstler öfter beschäftigt haben als die Natur.

Kunst könne sogar die Natur übertreffen, weil sie eine Landschaft, Blumen und Menschen überhöhen oder idealisieren, also geistig und ästhetisch durchdringen könne. Das sagen die anderen. Und Kunst könne sichtbar machen, was oft noch im Verborgenen liegt, wie zum Beispiel die Zerstörung der Natur durch den Menschen.

Die Ausstellung Natur 3d im Museum der bildenden Künste in Leipzig fragt genau nach diesem Zusammenhang, nach dem künstlerischen Umgang mit Natur und Landschaft. Dafür hat sich das Museum mit dem Naturkundemuseum der Stadt und Studenten und Meisterschülern der Hochschule für Grafik und Buchkunst zusammengetan.

Die Schüler der Künstlerin und Professorin Astrid Klein haben sich anhand ausgewählter Gemälde und Präparate aus den Sammlungen der beiden Museen mit dem Naturbegriff früher und heute auseinandergesetzt - und sie künstlerisch in Verbindung gebracht.

Ihre Ausstellung haben sie lange vorbereitet. Zuerst theoretisch, denn Astrid Klein ist keine Professorin, die ihren Studenten nur Strategien für das Malen, Fotografieren oder Filmen beibringt. So recherchierten die jungen Künstler zu Gemälden und Präparaten ausgestorbener Tiere, zu Schmetterlingskästen und Dioramen und hinterfragten die eigene Haltung zu idyllischen Naturdarstellungen - denn für die meisten der Studenten ist Natur lediglich der Ort, an dem man seine Freizeit verbringt.

Schwelgerische Landschaftsmalerei und aufgespießte Käfer

Viele der Künstler wählten als Aufhänger für ihre Arbeiten opulente niederländische Stillleben und schwelgerische deutsche Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts, die sie mit Schaukästen mit Tierpräparaten und aufgespießten Käfern und Faltern aus dem Naturkundemuseum kombinierten. Viele Arbeiten behandeln "den Drang des Menschen zur Naturbeherrschung", so Ralf F. Hartmann, der zusammen mit Astrid Klein und dem Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt das Ausstellungskonzept entwickelt hat.

Aber die Künstler fragen in ihren Arbeiten auch nach der Funktion von Kunst. Was können die alten Bilder denn heute noch "liefern"? Ist das nicht bloß rückwärtsgewandter Romantizismus? Ihre eigenen Arbeiten sind dagegen meist aufklärerisch und gesellschaftskritisch. Robert Kotsch zum Beispiel nimmt Melchior Hondekoeters Bild "Amsterdam Hühnerhof" von 1636 mit kämpfenden Hähnen und einen Lippenbär als Ausgangspunkt für seine Installation über menschliche Kommunikation. Anne Fellner nutzt Ferdinand Hodlers "Stier", eine rote Sitzbank, ein ausgestopftes Alpenmurmeltier und ihr Video für einen Appell gegen Massentierhaltung. Stephan Jäschke hängt seine Malereiserie "Skull/ Schädel" neben einen Schädel aus dem Naturkundemuseum und ein Vanitas-Stillleben des Niederländers Jan Davidsz de Heem. Und Maximilian Kirmse platziert neben seine tätowierte Schafshaut ein altes Stillleben von 1664, dazu zwei "Rosa Flamingos" in einer riesigen Glasvitrine.

Die Arbeiten beschäftigen sich mit Themen wie Gedächtnis, Chaos, Jagd oder Biotop. Und es gibt mehrere zum Thema Farbe. Da kann es dann gar nicht bunt genug sein, wie zum Beispiel in Annahita Zielonkas Installation. In ihrem "Lustgarten" wachsen gelb angemalte Baumstämme aus Spiegelscherben, daneben hängen Schmetterlingskästen und natürlich ein niederländisches Blumenbild. Und ein Video gibt es auch noch.

Wetten, dass es in diesem Sommer in keiner anderen Ausstellung so tierisch, opulent und bunt, so futuristisch und gleichzeitig rückwärtsgewandt zugeht wie bei Natur 3d?


"Natur 3d - Zeitgenössische Kunst im Dialog mit historischen Museumsbeständen". Museum der bildenden Künste Leipzig. Bis 16.9.



insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
cythere 24.07.2012
1. Zurück ins Leben
Wir müssen leider feststellen, dass manche Novizen nicht übernommen werden können und zurück ins Leben geschickt werden müssen. Und ganz offensichtlich ist eine Vorruhestandsregelung für den Museumsdirektor anzuempfehlen.
rakatak 24.07.2012
2.
Zitat von sysopAnne Fellner/ MdbK LeipzigKäfer, Schädel und Flamingos: In Leipzig kombinieren Kunststudenten alte Gemälde und Präparate aus dem Naturkundemuseum mit ihren eigenen Werken. Eine tierisch bunte Ausstellung - futuristisch und gleichzeitig rückwärtsgewandt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,845943,00.html
Das ist der typisch verkopfte Unsinn, der sich heute Bildende Kunst nennt und doch nur den Zweck hat, Kuratoren glücklich zu machen. Auf die meisten dieser Kunststudenten wartet als eine Karriere als Hilfsarbeiter oder Taxifahrer nach dem Studium. Jungs und Mädels, Ihr tut mir leid.
nr23 24.07.2012
3. Nichts neues
Die Klasse der Kollegin D'Urbano hat bereits im Jahr 2000 ein Projekt zu dem Thema gemacht mit einer Ausstellung im Naturkundemuseum: http://www.hgb-leipzig.de/fkdurbano/?page_id=199 Übrigens sind viele der damals beteiligten Studierenden heute aktive Künstler.
matthiasj 25.07.2012
4. wundern
Ich bin dort gewesen. Eine gute Ausstellung mit vielen guten Sachen. Dafür, dass sich viele in diesem konventionellen Rahmen sicherlich nicht so ausleben konnten, wie sie wollten, sind doch erstaunlich viele gute Sachen entstanden. Und wann hat man schonmal eine Klasse gesehen, in der jeder für sich eine Entdeckung ist? Bleibt nichts anderes übrig, als sich über manche Kommentare hier zu wundern.
rakatak 27.07.2012
5.
Zitat von matthiasjIch bin dort gewesen. Eine gute Ausstellung mit vielen guten Sachen. Dafür, dass sich viele in diesem konventionellen Rahmen sicherlich nicht so ausleben konnten, wie sie wollten, sind doch erstaunlich viele gute Sachen entstanden. Und wann hat man schonmal eine Klasse gesehen, in der jeder für sich eine Entdeckung ist? Bleibt nichts anderes übrig, als sich über manche Kommentare hier zu wundern.
Ich bezweifele nicht, dass nicht auch "verkopfter Unsinn" seine Fans findet, meistens innerhalb des abgehobenen Kunstbetriebs. Dennoch bleibt es Unsinn.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.