Navid Kermani über seine Irak-Reise "Was hier passiert, ist vergleichbar mit dem Ersten Weltkrieg"

Der Schriftsteller Navid Kermani ist durch den Irak gereist: In Flüchtlingslagern sah er katastrophale Zustände, internationale Hilfe komme nicht an. Und der Herbst naht. Für die Zukunft des multikulturellen Staates hat er kaum Hoffnung.

Ali Arkady/ VII/ DER SPIEGEL

Zur Person
  • DPA
    Navid Kermani, 46, ist Schriftsteller und lebt in Köln. "Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundungen" heißt sein neuestes Buch über die kulturellen Grenzen zwischen Orient und Okzident. Kermani ist Orientalist, in zahlreichen Reisereportagen hat er die Kriegsgebiete der Region beschrieben. Im Mai hielt er im Bundestag die Festrede zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes. Er ist Sohn iranischer Eltern. Für den SPIEGEL reiste er mit dem Fotografen Ali Arkady durch den Irak, mit Stationen in Nadschaf, Bagdad und Kurdistan.
SPIEGEL ONLINE: Herr Kermani, Sie waren vor wenigen Tagen im Irak unterwegs - haben dort mit Flüchtlingen gesprochen, die dem IS-Terror entkommen sind, aber auch mit religiösen Führern wie Großajatollah Ali al-Sistani. Welche Erlebnisse haben Sie besonders beeindruckt?

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 39/2014
Die entfesselte Seuche

Kermani: Sicher der Besuch der Flüchtlingslager: das Elend, das ich dort gesehen habe. Unerwarteterweise, denn ich dachte, es gäbe mittlerweile eine Art von Grundversorgung. Die Flüchtlingsströme sind ja für die Weltgemeinschaft nichts Unerwartetes mehr. Aber ich habe Menschen getroffen, die seit 30 Tagen auf dem nackten Boden schlafen, noch keinen Arzt gesehen haben und immer noch von der lokalen Bevölkerung versorgt werden. Und dabei sind sie nur zwei, drei Flugstunden von der Europäischen Union entfernt. Die Kurden kümmern sich um die Flüchtlinge, sind aber völlig überfordert. In einem 1,2-Millionen-Einwohner-Distrikt wie Dahuk leben 700.000 Flüchtlinge. Da fehlt es an allem.

SPIEGEL ONLINE: Eine Reise in den Irak ist ja nicht ohne Risiko. Warum haben Sie sich dazu entschieden?

Kermani: Es gab so viele Berichte, und es spielen sich solch dramatische Ereignisse ab. Ich wollte wissen, wie es dort wirklich aussieht - wie es sich anfühlt. Wie es ist, wenn man durch Bagdad geht. Was die Iraker im Süden zu den Geschehnissen sagen. Ich wollte den Menschen dort eine Stimme geben. Es wird im Moment so viel über den Irak gesprochen, aber die Iraker selbst kommen ja selten zu Wort.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland sind es vor allem die Videos von den Hinrichtungen westlicher Journalisten und Entwicklungshelfer, die für die Gräueltaten des IS stehen. Welche Bilder bleiben uns verborgen?

Kermani: Es fehlt das Bild der Iraker selbst. Wenn man mit den Flüchtlingen redet, berichten sie von systematischen Vergewaltigungen, von Hinrichtungen. Wer Schiit oder Jeside ist, wird sofort vom IS umgebracht. Es gibt Tausende, Zehntausende, die schon gestorben sind. Davon berichten die Menschen - und schauen weniger auf einen, zwei oder drei Journalisten, die enthauptet worden sind. Es geht den Menschen im Irak zunächst einmal um ihre eigenen - sehr zahlreichen - Opfer. Dabei sieht jede Bevölkerungsgruppe vor allem das eigene Leid: die Christen ihre eigene Vertreibung. Die Schiiten sagen, gegen uns richtet sich der Kampf in erster Linie. Die Kurden sagen, wir kämpfen hier für die freie Welt. Und so finden all diese verschiedenen Flüchtlings- und Widerstandsgeschichten nicht so recht zusammen. Eine der Aufgaben eines Berichterstatters ist es, all diese verschiedenen, sich teilweise widersprechenden Geschichten zu erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, der IS werde von einigen Irakern als westliches Produkt gesehen. Wodurch entsteht dieser Eindruck?

Kermani: Der IS ist offenbar lange durch Geldgeber aus Saudi-Arabien unterstützt worden. Die gesamte Ideologie des Dschihadismus beruht ja auf einer fundamentalistischen saudischen Ideologie - auch wenn sie in Saudi-Arabien selbst nicht unbedingt in Gewalt umschlägt. Und viele Iraker sehen Saudi-Arabien als westlichen Bündnispartner, als den engsten Verbündeten des Westens im Nahen Osten. Was Saudi-Arabien tut, ist daher aus Sicht vieler Iraker westliche Politik.

SPIEGEL ONLINE: Sie beklagen den Verlust kultureller Pluralität im Irak. Führt der Vormarsch des IS zu einem Zerfall des Irak in verschiedene ethnische und religiöse Gruppen?

Kermani: Die Schiiten fliehen in den Süden, die Christen und Jesiden vor allem in den Norden, zu den Kurden, wo sie aber auch nicht dauerhaft bleiben möchten, weil sie dort in provisorischen Lagern untergebracht sind. Das bedeutet, der Irak teilt sich entlang ethnischer, konfessioneller Linien neu auf. Im Zentralirak und im Westen gibt es fast nur noch Sunniten, im Süden fast nur noch Schiiten, im Norden die Kurden. Und wer natürlich rausfällt, sind die vielen Minderheiten: die Christen, die Jesiden, aber auch die Mandäer oder Turkmenen. Es gibt so viele Sprachen, Minderheiten, Religionen in diesem Land, die wir kaum kennen, nicht einmal vom Namen her. Speziell die Christen sind ein prägender Teil des Landes. Die irakische Moderne wäre nicht möglich gewesen ohne die Christen. Ohne die Juden übrigens auch nicht, die bis zu den Fünfzigerjahren ein Bestandteil dieser Kultur waren. Die größte und gerade auch kulturell prägende Bevölkerungsgruppe Bagdads bis Ende der Vierzigerjahre waren die Juden - nicht die Schiiten, nicht die Sunniten.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Irak aus Ihrer Sicht als multiethnischer und multikultureller Staat denn eine Zukunft?

Kermani: Den multikulturellen Irak, mit den vielen verschiedenen Sprachen - natürlich auch mit Konflikten, die es gab - den wird es wahrscheinlich in absehbarer Zeit nie wieder so geben. Das ist nicht nur ein Verlust für die Iraker selbst, es geht ein Menschheitserbe zugrunde. Im Nahen Osten kommt es gerade zu einer Umwälzung, die vergleichbar ist mit den Umbrüchen im Ersten Weltkrieg. Und die Völkerwanderung, die gerade ausgelöst wird, wird auch uns betreffen: Die Flüchtlinge werden nach Europa kommen. Die Radikalisierung des Islams wird uns betreffen, weil viele Muslime in Deutschland, in Europa leben.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie - angesichts Ihrer Irak-Erlebnisse - von der internationalen Staatengemeinschaft und Deutschland?

Kermani: Ich glaube, dass man militärisch gegen IS vorgehen muss. Wie dies im Einzelnen auszusehen hat, da maße ich mir kein schnelles Urteil an. Aber natürlich muss man IS stoppen. Hätten die Schiiten, die Amerikaner nicht eingegriffen, hätten die Kurden nicht gekämpft - und zwar mit sehr alten Waffen - dann wäre Arbil überrannt worden - mit etlichen Massakern an den Minderheiten. Und es wäre wahrscheinlich auch Bagdad überrannt worden. Aber was mir vollkommen fehlt - nachdem ich das Flüchtlingselend gesehen habe im Norden: die humanitäre Komponente. Es wird immer gesagt, wir müssen humanitäre Hilfe leisten. Aber: Sie kommt nicht an. In vier Wochen bricht spätestens der Herbst in Kurdistan an. Dann beginnt es zu regnen, es wird nachts bitter kalt. Die Leute schlafen noch immer auf nacktem Boden in der Wüste, in den Bergen. Wenn man nicht innerhalb kürzester Zeit Unterkünfte bereitstellt, werden weitere Menschen sterben. Es werden Epidemien ausbrechen. Und das wäre dann ein Elend, das wir verantworten müssen.

Das Interview führte Leila Knüppel

LITERATUR SPIEGEL auf Facebook

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Hesekiel 24.09.2014
1.
"Und die Völkerwanderung, die gerade ausgelöst wird, wird auch uns betreffen: Die Flüchtlinge werden nach Europa kommen. Die Radikalisierung des Islams wird uns betreffen, weil viele Muslime in Deutschland, in Europa leben." Das ist fuer mich die interessanteste Aussage in diesem Interview. Hier beschreibt jemand, der vor Ort war und sich keiner politischen Verfangenheit verdaechtig macht, weshalb manche Verteidigung eben doch am Hindukusch beginnt. Und warum deshalb auch, humanitaer wie militaerisch, den Opfern des Islams beigestanden werden muss. Darueber hinaus zeigt die Aussage aber auch, dass Einwanderung und Islamisierung spaetestens jetzt konkret und ohne Tabus diskutiert werden muessen. Deutschland stellt momentan ca. 400 Kaempfer der IS, mehr als Indien!
tinosaurus 24.09.2014
2. Maliki
war nach dem Krieg eine folgenschwere Fehlbesetzung. Man hätte die Entwicklung beser verfolgen sollen. Auch sind die Amerikaner zu früh abgezogen. So hatte Isis leichtes Spiel. Was jetzt läuft ist teilqweise Augenwischerei. Wieso kommt die Hilfe nicht an und wieso werden die Kurden so spät bewaffnet und unterstützt? Irak ist zu einem "failed state" geworden.
fresigo 24.09.2014
3. Nur um nicht zu vergessen...
Ich möchte mich hiermit nochmals herzlich bei Georg W. Bush für den illegalen Krieg gegen Saddam Hussein, die Zerstörung der Gesellschaftsstruktuern im Irak und die Einleitung dieser Entwicklung bedanken. Möge die Welt es ihm nie verzeihen. Daher ist es in erster Linie die Aufgabe der USA, das Problem zu lösen und unsere Aufgabe ist es, sie immer wieder daran zu erinnern. Selbstverständlich sollten wir unabhängig davon humanitäre Hilfe für den Irak leisten, und zwar dringend!
spacemanbow 24.09.2014
4.
Das die Radikalisierung des Islam zunehmend für westliche Länder zum Problem werden kann, war bereits Anfang der 90er Jahre deutlich erkennbar. Aber statt eines wachsamen Auges hat man sich dazu entschlossen all die Jahre über unzähligen "Gotteskriegern" eine steuerfinanzierte Bleibe in ihrer Schattengesellschaft einzurichten. Aber vielleicht dauert es wieder 20 Jahre bis endlich alle kapieren, dass man JETZT radikal gegen die Islamisten vorgehen muss.
cherrypicker 24.09.2014
5. Böse Menschen tun böse Dinge
Zitat: "Wenn man nicht innerhalb kürzester Zeit Unterkünfte bereitstellt, werden weitere Menschen sterben. Es werden Epidemien ausbrechen. Und das wäre dann ein Elend, das wir verantworten müssen." Ähem ... nein. Wir mögen eine moralische Pflicht zum Helfen haben, aber dass WIR (also der Westen) daran Schuld sein sollen, wenn dort Menschen infolge des IS-Terrors sterben ist einfach Mumpitz. Dies Aussage des Interviewten folgt derselben Logik, wie es die verfolgten Minderheiten tun: "Die IS-Kämpfer sind so böse, das können keine Muslime sein. Da steckt der böse Westen dahinter." Klar, ist immer einfacher zu sagen, dass es der böse Westen ist. Dabei ist es NOCH einfacher: Böse Menschen tun böse Dinge! Im Übrigen: Warum sollte ich für Menschen spenden wollen, die mich verdächtigen, mit Hilfe der USA und Saudi-Arabiens einen Dschihad gegen sie anzuzetteln? Oder bin ich jetzt schon schuldig, weil ich saudisches Öl verkonsumiere? Fragen, die der Autor leider nicht beantwortet. Und dass Hilfe in einem Gebiet, das von akuten Kriegsschauplätzen umgeben ist, nur schlecht ankommt, das versteht sich wohl von selbst ... Mir tun die Menschen auch leid. Andererseits war Maliki leider ein "schönes" Beispiel, dass diese religiösen De**en auch nach zwei Golfkriegen noch nichts begriffen haben. Fanatismus ist tödlich, dass sollte mittlerweile auch dem letzten Iraker klar geworden sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.