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Navid-Kermani-Inszenierung: Jesus im Bordell

Von Nora Bossong

Theater zu Gast im Bordell: Ein Herzzentrum auf Wanderschaft Fotos
imago

Das gediegene Publikum kichert wie im Sexualkundeunterricht: Für die Inszenierung von Navid Kermanis Roman über das Christentum lädt das Thalia Theater ins Bordell Pink Palace auf der Reeperbahn ein. Ein Bericht.

Eine weiße Frauenstatue in einem Springbrunnen ziert das Entree des Hamburger Bordells Pink Palace. Sie trägt einen Krug auf den Schultern und ist nur mit einem Laken bekleidet, das um ihre Hüften geschlungen ist. Die Stufen blinken, die Wände sind in schmerzlich grellem Rosa gestrichen. International Girls on 5 Floors ist die Werbebotschaft des Hauses.

In der VIP-Lounge im Erdgeschoss drängen sich die Gäste, gediegenes Hamburger Bürgertum. Die Perlenkette sitzt, die Eheringe stecken, die Barbourjacke muss vor der Aufführung abgelegt werden - es wird eng und warm in den Zimmern, verspricht eine Mitarbeiterin des Thalia Theaters. Die Gäste kichern wie in der Mittelstufe beim Sexualkundeunterricht. "In so einem Etablissement bin ich ja noch nie gewesen", versichert ein Mann seiner Begleiterin.

"Sie dürfen sich ruhig im Haus umschauen", erklärt Schauspieler Sebastian Rudolph. "Nur verzichten Sie vielleicht lieber auf Fotos." Das Bordell hat schließlich ganz normalen Betrieb. Die Damen sitzen auf ihren Barhockern, lächeln den Gang hinunter, rauchen oder spielen auf ihrem Smartphone.

Die Krugträgerin im Entree wird im Fünfminutentakt von Männern passiert, die so selbstverständlich die Treppe hinaufgehen, als liefen sie durch ein gewöhnliches Mietshaus. Sie kommen vereinzelt oder in Gruppen, einige haben gerade erst die Volljährigkeit erreicht, andere sind längst über die Midlife-Crisis hinaus, es gibt Attraktive, Reizlose, Hässliche und so Unauffällige, dass man sich kaum daran erinnert, dass sie an einem vorbeigezogen sind. Eine Thalia-Mitarbeiterin wurde schon nach ihrem Preis gefragt.

Keine Inszenierung im herkömmlichen Sinne

Zum ersten Mal und eigentlich als einmalige Aktion wurde das "Herzzentrum", konzipiert von Carl Hegemann und Navid Kermani, 2012 in den Hamburger Deichtorhallen aufgeführt, eine Bearbeitung von Kermanis Roman "Dein Name", keine Inszenierung allerdings im herkömmlichen Sinne: Schauspieler eigneten sich ausgewählte Passagen an, mal nah am Text, mal großzügig davon abschweifend. Es geht um eigene Geschichten, Gedanken, Bilder, die in Bezug zum Gelesenen gesetzt werden. Auch das Publikum, das in kleinen Gruppen einem der Schauspieler folgt, ist involviert.

Bei der einmaligen Aufführung blieb es nicht. Bespielt wurden bereits das Hamburger Thalia-Theater, ein Riesenrad in der Hafencity, die Centrumsmoschee in St. Georg und zuletzt die Berliner Volksbühne. Mittlerweile ist es die neunte Neuauflage des Zentrums und "Ungläubiges Staunen" das dritte Buch von Kermani, das auf diese Weise in Szene gesetzt wird. Friedenspreisträger Kermani, Moslem und Islamwissenschaftler, nähert sich in diesem Text äußerst fundiert, stets neugierig, zärtlich und mitunter verwundert dem Christentum an, seinen Zumutungen und Schönheiten.

Die Darsteller Sebastian Rudolph, Ute Hannig, Barbara Nüssen und Kermani selbst führen, in weiße Gewänder gekleidet, die Zuschauer durch die Gänge des Bordells. Zwei Zimmer sind angemietet, man sitzt nah beieinander auf Klappstühlen, Barhockern und auf dem Bett. Neben Plateauschuhen und Kondomvorräten stehen die Bilder, um die es in Kermanis Buch geht.

Rudolph liest das Kapitel Gott I und diskutiert mit dem Publikum die Schönheit der Christusdarstellung. Nüssen zeigt ein Bild des Zweiflers Thomas, der erst glauben wollte, als er das Wunder von Jesu Wunden vor sich sah. "Blickt er wirklich auf die Wunde oder sieht er nicht an ihr vorbei?", fragt jemand aus dem Publikum. "Vielleicht kann er gar nicht hinsehen." Kermani spricht über den verliebten Blick der jungen Madonna auf El Grecos "Der Abschied Christi von seiner Mutter", und obwohl dies der Antritt seiner Leidensgeschichte ist, schaut sie "mit einem Ausdruck ruhigen Glücks in die Ferne oder ins Nichts. So selbstverloren blickt eine, die sich beim Geliebten geborgen fühlt."

Ein CD-Player, der Neil Youngs "Ramada Inn" spielt, wird herumgereicht. Und dann gibt es die Geschichte der Simonida, eines Mädchens des späten 13. Jahrhunderts, das fünfjährig verheiratet und mit acht Jahren zum ersten Mal von ihrem Gatten vergewaltigt wird. Als sie flieht und bettelt, in ein Kloster eintreten zu dürfen, schickt ihr Vater sie zurück zu ihrem Mann, "dessen Lust ihre Gebärmutter förmlich zerfetzt hatte", wie es bei Kermani heißt. Wie trägt man eine solche Geschichte an einem solchen Ort vor? Ute Hannig kontrastiert sie mit dem Märchen "Die Bärin" von Giambattista Basile, einer Inzestgeschichte in unerhörter Sprache verfasst, in der die Sonne wie eine bankrotte Hure ihr Quartier wechselt und man sich beim Sturz vom Pferd das Leben bricht.

Leidlich abgehangener Skandal

Bordelle, heißt es im Programmheft, seien ebenso wie Theater und Museen Orte, an denen etwas stattfinden kann, das sonst nicht möglich wäre, weil es unsere Ordnung stören würde und Tabus verletzt. Das Theater und das Museum sind nur gemeinhin von einem einzigartig homogenen Milieu kolonisiert und haben ihre eigenen Ordnungen und Tabubrüche längst institutionalisiert. Was dort noch geschehen kann, ist kein belebter Skandal mehr, es ist ein leidlich abgehangener.

Die Frauen hier sind keine Inszenierung, sie fühlen sich nicht mit professionellem, schauspielerischem Können in das Leid einer Prostituierten ein, sondern leiden oder leiden eben nicht. Sie schauen auf ihre Smartphones oder trinken zusammen Tee, wenn gerade keine Kundschaft da ist. Sie verhandeln über die 50 Euro, die manchem Kunden zu viel sind für den Geschlechtsverkehr mit ihnen und zahlen bis Mitternacht 100 Euro Zimmermiete.

Warum man gerade einen solchen Ort gewählt habe für ein Buch über das Christentum, möchte einer der Gäste wissen. Jesus selbst ist doch zu jenen gegangen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden sind, antwortet Kermani. Von einer Prostituierten hat sich Jesus die Füße waschen lassen und ihr so ihre eigene Würde wieder bewusst gemacht, die ihr die Gesellschaft abgesprochen hat.

So weit wie die Evangelien geht das "Herzzentrum" nicht. Die Würde der Frauen dürfte unberührt bleiben von dem, was auf den Thalia-Betten geschieht. Immerhin wird einigen Zuschauern bewusster sein, welche Lebenswege ihre Stadt durchlaufen, fernab der Eimsbütteler Behaglichkeit.

Kurz vor elf zieht das Publikum durch die Gänge wieder hinaus, wie der Apostel Thomas vorbei blickend oder höchstens einen verschämten Blick auf die Damen werfend, die auf ihren Barstühlen gelehnt auf Kundschaft warten und zu einem Lied auf ihrem iPhone summen. "So many times she tried, so many times she cried", heißt es bei Neil Young. Nur ist dies eben kein Ramada Inn, in dem ein Paar sein gemeinsames Glück hinterfragt, sondern das Pink Palace, in dem jeder und jede das Glück für sich allein bewahren muss. Für die einen mag es sich im Orgasmus offenbaren, für die anderen in jenem Moment, wenn die Tür hinter ihnen zufällt und sie einmal allein sind zwischen den rotgetünchten Wänden.

Nora Bossong ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Zuletzt erschien im Hanser Verlag der Roman "36,9 Grad".


"Herzzentrum IX" läuft noch bis zum 5.2. Wenige Karten gibt es noch beim Thalia Theater Hamburg

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