Nazi-Gemälderaub Kunst und Kriegsverbrecher

3. Teil: Haben noch mehr verschollen geglaubte Bilder den Krieg überlebt?


In jeder deutschen Stadt blühte zwischen 1933 und 1945 das Geschäft mit der geraubten Kunst, und in jeder deutschen Stadt gab es unzählige Beteiligte, die davon profitierten - zum Teil noch weit über das Kriegsende hinaus. In Frankfurt sortierte der Maler, Kunsthändler und Versteigerer Wilhelm Ettle im Auftrag der NS-Regierung jene Kunstwerke heraus, die "national wertvoll", also verwertbar waren. Einiges davon behielt er gleich selbst, um es später auf eigene Rechnung zu verkaufen. Im benachbarten Bad Homburg erwarb der Kunsthändler Albert Daberkow Kunstwerke aus jüdischem Besitz und verkaufte sie weiter. Angeblich befindet sich ein wertvolles Nolde-Bild heute in Italien, wo sich nach dem Krieg zahlreiche gestohlene Kunstwerke wiederfanden.

Der Wirbel um Ernst Ludwig Kirchners Gemälde "Berliner Straßenszene", das das Land Berlin 2006 an die Erben des einstigen Besitzers zurückgegeben hat, machte die Hintergründe des Handels mit geraubter Kunst in der NS-Zeit einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Vor allem prominente Vertreter des deutschen Kunsthandels protestierten so vehement wie unsachlich gegen die ihrer Meinung nach voreilige Restitutionsentscheidung, zu der der Senat aber tatsächlich gemäß den geltenden Richtlinien keine Alternative hatte. Das Wort vom Schlussstrich, der endlich gezogen werden müsse, machte wieder einmal die Runde.

Allein die Handreichung, mit der die Bundesregierung seit Februar 2001 überwiegend vergeblich die deutschen Museen zu eigenen Provenienzforschungen auffordert, enthält eine Liste mit fast 200 Namen von Beamten, Gutachtern, Kuratoren, Kunsthistorikern, Diplomaten, Kunsthändlern, Auktionshäusern und Speditionen, die in den Handel mit geraubter Kunst verwickelt waren - darunter so klingende Namen wie der der Münchner Galeristin Maria Almas Dietrich, die im besetzten Paris rund 320 Gemälde erwarb und auch nach dem Krieg noch über ein gut gefülltes Bilderlager verfügte. Tatsächlich dürfte die Zahl der beteiligten Museumsmitarbeiter und Kunsthändler in Deutschland in die Tausende gehen.

Gerüchte: Weitere verschollene Bilder in geheimen Depots

Die Entdeckung der Lohse-Bilder im Züricher Tresor hat auch Gerüchten neuen Auftrieb gegeben, berühmte Kunstwerke, die als im Krieg zerstört gelten, könnten in geheimen Depots überlebt haben, die führende Nazis oder ihre Kunstlieferanten anlegten. Der Herforder Textilunternehmer und Sammler Jan Ahlers bestätigt, dass ihm vor sechs Jahren ein anonymer Anrufer Franz Marcs Gemälde "Der Turm der Blauen Pferde" zum Kauf angeboten habe. Mehrere Augenzeugen hatten das berühmte expressionistische Gemälde, das Hermann Göring annektiert hatte, bei Kriegsende noch in Berlin gesehen; seither ist es verschwunden.

Jenem Dutzend Gemälde von Munch, Marc und van Gogh, die Hermann Göring 1938 aus deutschen Museen beschlagnahmen, sich überstellen und zum Teil verkaufen ließ, hat der ehemalige Kustos an der Neuen Nationalgalerie Berlin, Roland März, gemeinsam mit seiner Kollegin Andrea Hollmann für ein neues Buch nachgespürt. Auch März schließt nicht aus, dass diese Gemälde den Krieg überlebt haben: "Ich habe jedenfalls, anders als bei vielen anderen Werken, keinen Beleg dafür gefunden, dass sie zerstört worden wären." Als er Bruno Lohse vor einigen Jahren auf die verschwundene Göring-Sammlung ansprach, sagte der nur: "Die Bilder, die Sie suchen, sind mir nie angeboten worden. Ich schwöre bei Gott."

Als er 95-jährig im März in München starb, hinterließ Lohse ein Testament, in dem er auch seine Kunstsammlung vererbte. Den Großteil der Bilder vermachte er seiner Nichte. Bruno Lohse zeigte sich aber traditionsbewusst: Zu den Erben zählt dem Vernehmen nach auch die Tochter einer in Nürnberg zum Tode verurteilten Nazigröße.


Stefan Koldehoff © Juno Kunstverlag, 2007. Lesen Sie mehr über dieses Thema in der aktuellen "Monopol".



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