Nazi-Gemälderaub Kunst und Kriegsverbrecher

Im Dritten Reich herrschte schwungvoller Handel mit geraubter Kunst. Auch danach halfen deutsche Händler alten Nazis, geraubte Kunst zu versilbern. Aufgearbeitet wurde dieser Teil der Geschichte nie, wie "Monopol"-Autor Stefan Koldehoff recherchierte.


Das alte BP-Parkhaus am Neumarkt gehört nicht zu den schönsten Orten der Kölner Innenstadt. Den Mann, der hier regelmäßig ab Ende der Siebziger seinen auch nicht mehr ganz neuen NSU Ro 80 parkte, störte das nicht. Er kam nur, um nebenan Geld abzuholen.

Keine Spuren zu hinterlassen, hatte der damals 75-Jährige gelernt. Systematisch die Wahrheit zu verbergen hatte ihm dreieinhalb Jahrzehnte zuvor das Leben gerettet. Damals, bei den Nürnberger Prozessen, schaffte es Albert Speer, dem internationalen Tribunal einen unbedarften Mitläufer vorzuspielen und zu behaupten, er habe von den Kriegsverbrechen der Nationalsozialisten nichts gewusst.

Dass Speer als hoher NS-Funktionär neben einem großen Vermögen auch eine stattliche Kunstsammlung angehäuft hatte, war der Öffentlichkeit ebenfalls verborgen geblieben. Spät erst erfuhr auch der Kriegsverbrecher selbst davon, dass seine Werke den Krieg in der Obhut eines Freundes in Mexiko überstanden hatten.

Speer versilberte über 20 Kunstwerke

Erst als dieser Freund Ende der siebziger Jahre Teile der ehemaligen Sammlung Speers versteigern lassen wollte und dabei ein Düsseldorfer Museumskustos ein Böcklin-Gemälde wiedererkannte, wurde Speer darüber informiert - von Henrik Hanstein, dem damaligen Juniorchef und heutigen Inhaber des Kölner Auktionshauses Lempertz. Speer einigte sich mit den Bewahrern seiner Bilder auf Teilung und entschied, seinen Teil ebenfalls bei Lempertz zu versilbern.

Rund zwanzig bis dreißig Bilder seien es schließlich gewesen, die der Nazi bei seinem Unternehmen einlieferte, erinnert sich Hanstein. Das Geld habe Speer in bar erhalten, offenbar an der Familie vorbei, um davon seine heimliche Geliebte zu finanzieren: "Nein, er hat nie eine Unterschrift geleistet", erinnert sich Hanstein. Knapp eine Million Mark flossen auf diese Weise in Speers Kasse. Nach Speers Tod meldete sich dessen Witwe bei Hanstein und fragte, wo denn das ganze Geld aus den Kunstverkäufen geblieben sei.

Bei vielen Bildern, Skulpturen und Grafiken, die damals über Auktionshäuser und Galerien die Besitzer wechselten, besteht der begründete Verdacht, dass sie zwischen 1933 und 1945 ihren Besitzern gestohlen oder abgepresst worden waren. Händler, die von den Kunstraubzügen der Nazis profitierten, haben bei Kriegsende Kunstwerke beiseitegeschafft, um sie nach der Währungsreform in der Bundesrepublik an finanzkräftige Sammler aus dem In- und Ausland zu verkaufen, sobald die von den Alliierten festgesetzten Rückforderungsfristen abgelaufen waren.



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