Nazi-Witze bei "Schmidt & Pocher" "Geschmacklos und verroht"

Das "Nazometer", ein Gag in der ARD-Sendung "Schmidt & Pocher", ruft immer mehr Kritiker auf den Plan. Während Programmdirektor Günter Struve die Moderatoren brav verteidigt, fordern erste Stimmen bereits das Aus für die gesamte Show.


Die Sprüche der Entertainer Harald Schmidt und Oliver Pocher rund um das "Nazometer" in ihrer ARD-Late-Night-Show "Schmidt & Pocher" sorgen für immer mehr Aufregung. Er sei entsetzt, sagte der Vorsitzende des HR-Rundfunkrates, Alfred Möhrle, am Mittwoch der "Bild"-Zeitung. "Die ganze Sendung ist indiskutabel, unerträglich", ereiferte er sich und legte nach: "Wenn die Sendung sich nicht um 100 Prozent bessert, muss man sie rauswerfen." ARD-Programmdirektor Günter Struve kann an der Kritik nichts finden. Er sagte, Satire dürfe an die Grenze des politisch Erträglichen gehen. Und eben das sei bei "Schmidt & Pocher" geschehen.

Moderatoren Schmidt und Pocher: "Wieso machen Sie 'Hohoho'?"
DPA

Moderatoren Schmidt und Pocher: "Wieso machen Sie 'Hohoho'?"

Schmidt und Pocher hatten in ihrer ersten Sendung mit Hilfe des "Nazometers" getestet, welche Begriffe als grenzwertig in Bezug auf die Verwendung von Nazi-Vokabular gelten. Der Witz bestand darin, dass das "Nazometer" bei vermeintlich verdächtigen Begriffen nicht ausschlug. Pocher zum Beispiel sagte, er habe zu Hause "einen Gasherd", woraufhin das "Nazometer" still blieb, das Publikum aber lachte. Das wiederum kommentierte Schmidt listig: "Wieso machen Sie 'Hohoho'?"

ARD-Programmdirektor Struve sieht sich nun einer wachsenden Zahl von Kritikern gegenüber. So kritisierte etwa MDR-Rundfunkratsmitglied Klaus Husemann, es sei eine "Verhöhnung und Beleidigung der Opfer" und verunglimpfe diejenigen, die mit diesem schweren Erbe verantwortungsvoll umgingen.

Auch der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, wird von der "Bild"-Zeitung zitiert: "An der mörderischen Politik des Nationalsozialismus gibt es nichts Witziges." Vizepräsident Dieter Graumann sekundierte: "Wenn man, wie ich, aus einer Familie kommt, in der die Großeltern in der Gaskammer ermordet wurden, und ich jetzt erleben muss, dass in Deutschland diese Gaskammern als Kulisse für billige Kalauer gebraucht werden, dann bin ich empört und schockiert. Wie geschmacklos und verroht muss man sein, den Massenmord als Gagnummer zu benutzen?"

Der zuständige WDR-Redakteur Klaus Michael Heinz hatte bereits am Dienstag angekündigt, dass es offen sei, ob das "Nazometer" noch einmal zum Einsatz komme. Am Donnerstag werde zusammen mit Schmidt und Pocher eine Entscheidung getroffen. Wenn das Gerät aus der Sendung genommen werde, liege das aber nicht an der Kritik, sondern daran, dass es sich "wirklich erschöpft hat". Er betonte, selbstverständlich existierten auch für Schmidt und Pocher Grenzen oder Tabus. In den von einigen monierten Bemerkungen sei es jedoch ausschließlich um die Debatte gegangen, "was angeblich politisch korrektes Sprechen ist und was nicht". Schmidt und Pocher wollten sich nach Angaben der "Bild"-Zeitung nicht zu der Kritik äußern.

tdo/ddp



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