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NDR feuert Eva Herman: Endlich Zeit für Apfelkuchen

Ihre Aussagen zur Nazi-Zeit haben NDR-Moderatorin Eva Herman den Job gekostet. Dass der Sender so lange an ihr festhielt, findet Autorin Thea Dorn bemerkenswert. Schließlich habe es schon früher Anlass gegeben, an der freiheitlichen Einstellung der Moderatorin zu zweifeln.

Diejenigen, die schon immer den Verdacht hatten, der Teufel suche sich bevorzugt schwache Frauenleiber und -hirne aus, um in diese hineinzufahren, dürften sich dieser Tage bestätigt fühlen.

"Denn welchen Reim soll man sich sonst darauf machen, dass eine ehemalige Nachrichtensprecherin, die sich auf ihrer Homepage unverdrossen als Mitwirkende bei der Hörbuch-Aktion "Laut gegen Nazis" präsentiert, nun damit konfrontiert wird, sich zumindest missverständlich über das "Dritte Reich" geäußert zu haben ?"

Die Frage, ob - und wenn ja, welcher Teufel Eva Herman reitet, möge der Exorzist beantworten.

Viel interessanter erscheint mir die Frage, welcher Teufel die Verantwortlichen beim NDR geritten hat, die publizistisch-rhetorischen Umtriebe ihrer Talk- und Quizshow-Moderatorin so geduldig mitanzuschauen. Denn bereits Eva Hermans medial hochgejazzter Bestseller vom letzten Herbst, "Das Eva-Prinzip", hätte genug Anlass geboten, daran zu zweifeln, dass sich seine Autorin noch im ideellen Raum einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung bewegt.

Der Pendo-Verlag, in dem das "Eva-Prinzip" erschienen ist, mag veröffentlichen, was er für veröffentlichenswert hält. Ein öffentlich-rechtlicher Sender wie der NDR sollte sich jedoch ernsthafte Sorgen machen, wenn eins seiner prominentesten "Gesichter" damit beginnt, solche Hasstiraden gegen den neuzeitlichen Individualismus anzustimmen, wie sie sich durch das gesamte "Eva-Prinzip" ziehen.

Wer als Glücksrezept propagiert, sich von der "gefährlichen Vorstellung" zu verabschieden, sein Leben in eigener Regie gestalten zu müssen, und stattdessen empfiehlt, sich in die "schöpfungsgewollte" Aufteilung der Geschlechterrollen zu fügen mit dem angenehmen Ergebnis, dass dann "viele Entscheidungen wesentlich einfacher" werden, "weil sie vorgezeichnet sind", will keine freiheitliche, sondern eine im Kern totalitäre Gesellschaft.

So gesehen ist an dem Vorgang, dass sich die selbsternannte Tabubrecherin Herman nun als Kommentatorin brauner Familienpolitik entlarvt hat, eigentlich nur eines erstaunlich: Dass sie (oder der Teufel) diese Entlarvungsarbeit selbst leisten musste.

Zwar konnte man im letzten Herbst kaum eine Zeitung, kaum ein Magazin aufschlagen, ohne einen hämischen bis vernichtenden Kommentar zu Eva H. zu lesen: Auf den anti-freiheitlichen, totalitären Kern des "Eva-Prinzips" jedoch haben nur die Allerwenigsten hingewiesen. Die schlichteste Erklärung für dieses Versäumnis mag lauten: Kaum einer hat das Buch tatsächlich gelesen. Die Frage, warum dann trotzdem alle meinten, darüber berichten zu müssen, offenbart eine der Tücken des sich immer schneller drehenden Medienkarussells: Wer nicht - oder zu spät - darüber berichtet, worüber alle berichten, fliegt vom Pferdchen.

Es dürfte aber nicht nur mangelnde Lektüresorgfalt gewesen sein, die ermöglichte, dass der NDR so lange an Eva Herman festhielt: Das Propagieren von anti-freiheitlichen, totalitären Gedanken wird in diesem Land erst dann zum Skandal mit Konsequenzen, wenn einer die Schwelle des Tabuisierten überschreitet.

Hätte sich Eva Herman weiter damit begnügt, die traditionelle muslimische Familienpolitik, also den Harem, als eine für Frauen durchaus angemessene Lebensform zu loben, (wie sie es im "Eva-Prinzip" tat) - sie hätte ihre Shows im NDR vermutlich noch lange moderieren dürfen. Zum beruflichen Verhängnis wurde ihr nun, dass es in diesem Land eben nicht nur vermeintliche Tabus gibt - wie jenes, angeblich nicht laut sagen zu dürfen, dass Frauen an den Herd gehören - sondern rhetorische Schwellen, die tatsächlich niemand ungestraft überschreiten darf.

So erfreulich es ist, dass der Alarm in Hamburg verlässlich ausgelöst wurde - so traurig ist es, dass erst der Teufel (oder wer auch immer) Eva Herman reiten musste, um sie über diese Schwelle zu schicken.

Aber vielleicht steckt hinter dieser ganzen bizarren Geschichte ja auch etwas völlig anderes: Der Wunsch der gestressten Fernsehfrau, endlich Zeit zu haben, um zu Hause in Ruhe Apfelkuchen backen zu können.

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