"Neger, Neger, Schornsteinfeger" Bequem ohne System

In seiner Autobiografie "Neger, Neger, Schornsteinfeger" erzählte Hans-Jürgen Massaquoi differenziert vom Überleben als Schwarzer in Nazi-Deutschland. Die TV-Verfilmung des Buches hingegen geriet zum naiven Heldenepos.

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Der Führer ist allgegenwärtig, auch beim Beischlaf. Gerade haben sich Krankenschwester Bertha (Veronica Ferres) und ihr Lebensgefährte Franz (Götz Schubert) zärtlich auf dem Bett ineinander verkeilt, da fängt der Mann wieder sein olles Lied mit der Partei an. Doch die Frau will partout nicht in die NSDAP eintreten, die braunen Massen sind ihr einfach zuwider. Also bricht Franz, ein mäßig überzeugter Nazi, aber sehr karrierewilliger Beamter, das Liebesspiel auf der Stelle ab und verlässt auf Nimmerwiedersehen die allein erziehende Mutter.


Der tragikomische Coitus interruptus ist ein schönes Beispiel dafür, wie Politik die privatesten Bereiche durchwirkt. Leider bleibt es eine der wenigen starken Szenen des ansonsten sonderbar ereignisarmen ZDF-Eventmovies "Neger, Neger, Schornsteinfeger", das vom Aufwachsen eines schwarzen Jungen während der Nazi-Zeit erzählt. Vorlage des Zweiteilers ist der gleichnamige autobiographische Roman des Deutsch-Liberianers Hans-Jürgen Massaquoi, der während des Dritten Reichs alleine von seiner deutschen Mutter im Hamburger Stadtteil Barmbek großgezogen wurde.

Intuition als Stilprinzip

Man sollte meinen, die Geschichte vermittle dem Zuschauer einige spannende Erkenntnisse über das Überleben in einem totalitären System. Über das Durchhalten am Rande einer Gesellschaft, die alles, was als andersartig empfunden wird, ausschließt. Doch auch wenn es löblich erscheint, dass man das während des Zweiten Weltkriegs fast vollständig zerstörte Arbeiterquartier Barmbek samt Boxbuden und Tante-Emma-Läden, Swing-Cafés und Malocherkneipen für den Film in aufwändigen Kulissen nachbaute – die Grausamkeiten des Ausgeschlossenseins gehen während dieser filmischen Sightseeingtour verloren. "Neger, Neger, Schornsteinfeger" (Regie: Jörg Grünler) ist mehr Heimatkunde als Historiendrama, mehr Folklore als Analyse der damaligen Verhältnisse.

Das liegt wohl auch am Blickwinkel, aus dem erzählt wird. Der Film nimmt die meiste Zeit die Sicht der allein erziehenden Mutter Bertha Baetz ein, die ihren Sohn patent um die politischen Abgründe der schlimmen Zeiten herumbugsiert. Nachdem klar ist, dass der liberianische Vater des Jungen nicht mehr nach Deutschland zurückkehren wird, nimmt sich die Frau eine kleine Dachwohnung im rustikalen Barmbek und bringt sich und ihr farbiges Kind als Krankenschwester durch. Sie schließt Allianzen mit vertrauenswürdigen Menschen und geht auf Distanz zu den Nazis – nicht, weil sie ideologische Zweifel an ihnen hegt, sondern deshalb, weil ihr der braune Mob und sein Gebaren suspekt ist. Toll, diese Instinktsicherheit.

Problematisch ist es allerdings, dass der Film sich komplett auf diese Mischung aus Moralgefühl und Intuition beruft. Statt umfassend die gesellschaftliche Dynamik der Zeit nachzuzeichnen, folgt er dem Lebensgefühl der Heldin, die sich immer wieder rühmt, total "unpolitisch" zu sein. So beschreibt "Neger, Neger, Schornsteinfeger" eine Welt, in der Gut und Böse die meiste Zeit aufgrund von weiblicher Intuition sehr sauber von einer getrennt zu sein scheinen – was sich denn auch in einer extrem schemenhaften Figurenzeichnung niederschlägt: Die bösen Nazis schauen irre und artikulieren sich im Stechschrittschnaufen; die Guten schnacken herziges Platt, als seien sie gerade von der Bühne des Ohnsorg-Theaters gepurzelt.

Belehrung und Heldenverehrung

Warum tut sich der deutsche Film eigentlich immer noch so schwer, die alltägliche Grausamkeit totalitärer Systeme zu beschreiben? Statt die traurige Regel ins Visier zu nehmen, weidet man sich lieber an der heroischen Ausnahme. Gerade von Drehbuchautorin Beate Langmaack, die mit ihren fantastischen Vorlagen für den Mecklenburger "Polizeiruf" durchaus Gespür für Ambivalenzen bewies und dort stets das Politische im Alltäglichen aufzeigte, hätte man ein wenig mehr Tiefenschärfe und Vielschichtigkeit bei den Figuren erwartet.

Dass so eine komplexe Darstellung durchaus möglich ist, ohne die Schuld der Täter zu relativieren, zeigt sich immerhin in der Nebenfigur des von Jürgen Tarrach verkörten tapsigen Blockwarts, der eine geradezu kindliche Begeisterung für den Nationalsozialismus an den Tag legt, diese aber nicht als Widerspruch zu seiner Zuneigung für den schwarzen Nachbarsjungen findet. Das sind die ganz wenigen Momente von "Neger, Neger, Schornsteinfeger", in denen Nachbarschaftsidyll und NS-Terror perfide verschmelzen und von der Schizophrenie der Menschlichkeit in einem System der Entmenschlichung erzählt wird.

Ansonsten liefert der Hamburgfilm mit seinen Nazi-Schurken und Gutmenschenfietjes eben tatsächlich wenig Erhellendes. Geschichtsunterricht wie aus dem Lebkuchenhaus.


"Neger, Neger, Schornsteinfeger", Sonntag, Montag, jeweils 20.15 Uhr, ZDF



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