Protestsongs und Apartheid Wie Mandela den Pop rettete

Ausgerechnet in den materialistischen Achtzigern wurde Nelson Mandela zur Protest-Ikone. Die Anti-Apartheids-Bewegung rund um seine Person half einer eigentlich unpolitischen Pop-Epoche auf die Sprünge - und schied die Guten von den Doofen.

AP

Manchmal ist der Pop eben doch schlauer als das Geld. Noch im Jahre 1985, als Nelson Mandela bereits ein Vierteljahrhundert im Gefängnis saß, investierten deutsche Unternehmen rund 138 Millionen D-Mark in das Land, in dem Apartheid herrschte - der größte Anteil davon war durch staatliche Hermes-Bürgschaften abgesichert. Im selben Jahr bekam Stevie Wonder einen Oscar für "I Just Called to Say I Love You" - und erklärte bei der Preisverleihung, er nehme ihn "im Namen von Nelson Mandela an".

Gibt es eine elegantere Weise, aus einer Telefonschnulze ein politisches Statement zu machen? Der südafrikanische Rundfunk jedenfalls spielte fortan keine Songs des blinden Musikers mehr. Der Bayrische Rundfunk tat es ihm drei Jahre später gleich: Als am 11. Juni 1988 rund 600 Millionen Menschen in 67 Ländern weltweit das Konzert zum 70. Geburtstag des inhaftierten ANC-Führers sahen, klinkte sich Bayerns öffentlich-rechtlicher Sender einfach für ein paar Stunden aus dem Programm aus. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß war ein erklärter Freund des Apartheid-Regimes unter Präsident Botha.

Ähnlich sah es im England der Achtziger aus: Margaret Thatcher nannte den ANC 1987 "eine typische Terrororganisation" und der konservative Abgeordnete Sir Teddy Taylor wünschte Mandela gar den Tod. "Die Anti-Apartheitsbewegung war zwar sehr erfolgreich darin, Druck in Sachen ökonomischer Sanktionen gegen Südafrika zu machen", erinnert sich Tony Hollingsworth, der das erste große"Free Nelson Mandela"-Konzert 1988 organisierte. "Aber die Hälfte der Medien bezeichnete Mandela nach wie vor als 'Terroristen'".

"Zu terroristischen Aktivitäten ermutigt"

Obwohl die Thatcher-Regierung das südafrikanische Regime unterstützte, gelang es dem "Free Nelson Mandela"-Team, die staatliche BBC davon zu überzeugen, das Konzert zu übertragen. Hollingsworth schleppte so viele große Namen an, dass die BBC einfach nicht Nein sagen konnte: Harry Belafonte hielt eine Begrüßungsrede, Sting eröffnete das Konzert - es folgten Whitney Houston, George Michael, UB 40, Simple Minds, Stevie Wonder, Eurythmics, Joe Cocker, Salif Keita, Youssou N'Dour, Miriam Makeba, Peter Gabriel und Dutzende andere. Dire Straits kamen mit Eric Clapton als zusätzlichem Gitarristen - ausgerechnet Clapton, der eine Dekade davor noch auf einem Open Air-Konzert rassistisch herumgejammert hatte, England werde eine "schwarze Kolonie".

Zwei Dutzend Tory-Abgeordnete beklagten in einer Protestnote, dass die BBC eine Veranstaltung übertrage, die den ANC "in seinen terroristischen Aktivitäten ermutigt" - doch das Megaspektakel im Wembley Stadion tat seine Wirkung: Weltweit milderten die Sender und Printmedien ihren Ton. Aus dem "Terrorismus" des ANC wurde in der öffentlichen Wahrnehmung endlich ein Freiheitkampf.

Peter Gabriel war mit seinem Song "Biko" über den Anti-Apartheidskämpfer Stephen Biko von 1980 ein paar Jahre früher dran. Doch der Ruhm, die Welt als erster mit einem Popsong auf den Kampf Mandelas bekannt gemacht zu haben, gebührt Jerry Dammers. 1984 muss eigentlich ein schreckliches Jahr für den Keyboarder gewesen sein - mühevoll kehrte er die Scherben seiner Erfolgsband The Specials zusammen, deren Sänger ihm von der Stange gegangen waren.

Plattenbesitz als strafbare Handlung

Drei Jahre lang arbeitete er am dritten Album der Band - nun unter dem Namen The Special A.K.A. - und engagierte sich parallel in der britischen Anti-Apartheid-Bewegung. Sein Song "Free Nelson Mandela" schaffte es überraschend bis auf Platz 9 der britischen Single-Charts - und er wurde international die Hymne im Kampf gegen die Apartheid. Kurz nachdem die Single im März 1984 erschienen war, bekam die Plattenfirma Chrysalis ein Telegramm ihrer südafrikanischen Dependance mit der Bitte, auf keinen Fall Kopien nach Südafrika zu schicken - der Besitz der Platte werde nämlich als strafbare Handlung gewertet.

Die Hymne von The Special A.K.A. half, Nelson Mandela zum weltweit berühmtesten politischen Gefangenen zu machen. Ein Jahr später schieden sich an der südafrikanischen Vergnügungsmetropole Sun City die Geister: Gelegen mitten in Bophuthatswana, einem der Homelands, in die die Regierung Südafrikas schwarze Bürger zwangsumsiedelte, war die Stadt das Las Vegas des Apartheidregimes - was Superstars wie Queen, Elton John oder Kylie Minogue nicht daran hinderte, dort gegen erkleckliche Gagen aufzutreten.

Steven Van Zandt - u.a. Gitarrist in Bruce Springsteens E-Street Band - ärgerte sich über diese Bedenkenlosigkeit im Pop-Mainstream. Und er schaffte es, rund 40 Künstler um sich zu sammeln, die einen gesungenen und gerappten Boykottaufruf mit ihm einspielten: Der Song mit dem Refrain "I Ain't Gonna Play Sun City" wurde zwar kein großer Hit - aber er versammelte eindeutig die bessere Hälfte des angloamerikanischen Popentertainments: Neben Bruce Springsteen, Bob Dylan, Herbie Hancock, Lou Reed, Ringo Starr, Keith Richards, Gil-Scott Heron oder der Schauspielerin Daryl Hannah waren auch Rapper wie Run DMC, Kool DJ Herc oder die Fat Boys mit am Start.

Und Ramones-Sänger Joey Ramone bescherte dem Song mit ein paar knackigen Anti-Reagan-Zeilen einen Radio-Boykott unter den regierungstreuen US-Sendern: "Unsere Regierung erzählt uns 'Wir machen was wir können' / Konstruktives Engagement ist Ronald Reagans Plan / Währenddessen geben die Leute ihre Hoffnung auf und sterben / Diese stille Diplomatie ist nichts als ein Witz".

Auch wenn der berühmte Gefangene im Grunde nicht dafür konnte: Die Auseinandersetzung mit Nelson Mandela und dem Apartheid-Regime half der Popwelt in den hedonistisch-apolitischen Mittachtzigern dabei, wieder so etwas wie eine politische Haltung zu entwickeln - jedenfalls ein kleines bisschen. In Afrika selbst dagegen (aber auch in anderen Teilen der globalen Südens) waren der Kampf des ANC und der Widerstand gegen die rassistische Politik der Buren schon lange zuvor Gegenstand von Protestsongs - etwa das wunderschöne "Kahwuleza" von Miriam Makeba aus dem Jahr 1966.

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.