Neonazi-Gesinnung Yehudi-Menuhin-Stiftung trennt sich von Vorstand

Wegen seiner rechtsradikalen Gesinnung hat der Vorstand der Yehudi Menuhin Stiftung seinen Vorsitzenden Gerard Menuhin des Amtes enthoben. Der Sohn des weltberühmten jüdischen Geigers hatte regelmäßig eine Kolumne in der "National-Zeitung" verfasst.

Von Paul Nellen


Musik "heilt alle Wunden, tröstet und bringt Freunde". Mit diesem Credo ist der Geiger Yehudi Menuhin als personifizierte Versöhnung von Deutschen und Juden in die Nachkriegsgeschichte eingegangen. Als Menuhin im März 1999 mit 83 Jahren in Berlin starb, war in Deutschland die Trauer über den Tod des Jahrhundert-Geigers groß.

Ein Jahr vor seinem Tod gründete Yehudi Menuhin eine Stiftung, die dem multikulturellen und pädagogischen Erbe des stets sich für die musikalische Breitenbildung engagierenden Künstlers verpflichtet ist. Vor allem "interkulturelle Lernfelder" und die Musikförderung von sozial benachteiligten Kindern liegen der Stiftung am Herzen. Sein "mus-e"-Netzwerk macht unmissverständlich klar, dass es "Ausgrenzung und rassistischen Tendenzen vorbeugt und die Integration von Kindern ausländischer Herkunft fördert".

Der Vorsitz des Kuratoriums wurde mit Ex-Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth prominent besetzt. Und für den Vorstand der Stiftung? Musste es natürlich ein Menuhin sein. Gerard Menuhins sanftes Auftreten, darin ganz der Vater, galt als zurückhaltend genug, um ihn - "kaum mehr als zwei Mal im Jahr", wie die Stiftung betont - Repräsentationspflichten erfüllen und gelegentlich einen Bettelbrief unterschreiben zu lassen.

Eine Fehleinschätzung, wie sich jetzt zum Entsetzen der "Yehudi-Menuhin-Stiftung" zeigt: Der zwischen Deutschland, Schweiz und Großbritannien hin- und herpendelnde 57-jährige Geigersohn ist - bis vor einer Woche offenbar unbemerkt von der Stiftung - ein ausgewiesener Rechtsradikaler. Er verbreitet sich über die NPD-Zeitung "Deutsche Stimme", gibt der "National-Zeitung" des DVU-Chefs Gerhard Frey Interviews und schreibt dort seit Monaten eine Kolumne unter dem Titel 'Menuhin und wie er die Welt sieht'. Seine Vorstandskollegen bemerken das erst spät. Per Einschreiben vom 5. November schrieben sie an ihr Aushängeschild von ihrer Bestürzung und ihrer großen "Verwunderung".

Keiner will es geahnt, geschweige denn gewusst haben - "ein paar kuriose Ansichten über Amerika ausgenommen, wie man sie überall mal hören kann", so der Geschäftsführer der Menuhin-Stiftung, Winfried Kneip. Erst eine Nachfrage von SPIEGEL ONLINE im Büro der zurzeit im Ausland weilenden Rita Süßmuth am 4. November und tags darauf die E-Mail eines Lesers der Onlineausgabe der "National-Zeitung" an die "Yehudi-Menuhin-Stiftung" veranlasste deren leitendes Personal, sich die Ergüsse ihres Vorstandsvorsitzenden im Internet mal genauer anzusehen.

Menuhin gefällt sich ganz zweifellos in der Rolle eines Tabubrechers und ideologischen Grenzüberschreiters. Wie der Vater musikalisch ("Menuhin meets Shankar"), so lässt sich auch der Sohn "nicht von Voreingenommenheit behindern". Die NPD hört es gerne: "Ein Volk, das sich 60 Jahre nach Kriegsende mit den damaligen Geschehnissen einschüchtern lässt, ist nicht gesund. Es gibt ganz nüchterne Gründe dafür, diesen Gewohnheiten endlich ein Ende zu machen. Ohne ein Umdenken, das Selbstvertrauen und Nationalgefühl der Deutschen wiederherstellt, wird die führende Volkswirtschaft Europas bald zugrunde gehen."

Gerard Menuhin ist, wie die "Deutschen Stimme" der NPD das Interview mit ihm einführt, "ein Enkel russisch-jüdischer Immigranten" - und er merkt die kalte Verachtung der Neonazis für den Juden Menuhin nicht einmal, die nur scharf darauf sind, ihm ein paar wohlfeile judenfeindliche Bekenntnisse zu entlocken. Menuhin gibt den abtrünnigen, den "besseren" Juden: "Im Hintergrund agiert nach wie vor eine internationale Lobby einflussreicher Menschen und Vereinigungen, die im Sinne ihrer Sache die Deutschen unter Druck halten... Wer versucht, ans Ufer der Vernunft zu gelangen, wird von den eigenen Leuten unter Wasser gedrückt, bis er ertrinkt."

Kurz vor er letzten Bundestagswahl verkündet Menuhin mit seinem "Faible für Geschichte und Politik" ("National-Zeitung"): "National wählen hilft!" Solche Menuhin-Aufrufe wurden in einschlägigen Blogs weiterverbreitet.

Für die entsetzte "Yehudi-Menuhin-Stiftung" ist damit das Maß voll: "Wir wissen nicht, ob es Ihnen bewusst ist, dass Sie dadurch die Arbeit der Yehudi-Menuhin-Stiftung Deutschland in extremem Maße gefährden, die der von Ihnen vertretenen Ideologie... diametral entgegensteht".

In einer außerordentlichen Vorstandssitzung hat die Stiftung ihren Vorsitzenden Menuhin denn auch am 12. November mit sofortiger Wirkung seines Ehrenamtspostens enthoben. Von SPIEGEL ONLINE dazu befragt, erklärt Menuhin heute diesen Schritt für "logisch und nachvollziehbar - ich hatte das in einem Land der Umerzogenen so erwartet". Menuhin, der Globalanalytiker: "So etwas passt schließlich auch in die amerikanische Politik von heute! Meiner Meinung werde ich deswegen nicht untreu werden!"

Was sich auch durch solcherlei Amtsdurchgriffe nicht hinwegdiskutieren lässt: Schon der Großvater von Enkel Gerard, Moshe Menuhin, war ein bekennender jüdischer Antizionist gewesen, dessen ideologische Heimat nach dem Krieg die "Deutsche National- und Soldaten-Zeitung" des DVU-Gründers Gerhard Frey in München war. Zwei Jahre lang war der Vater des Geigers sogar Leiter des kulturpolitischen Ressorts der rechtsradikalen Postille, der er 1970 den Rücken kehrte - sie war Menuhin in Sachen Antizionismus "nicht kämpferisch genug und zu kompromissbereit".



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