Neorassismus Nennen wir es doch Wurzelmanie!

Allergische Reaktionen, Schnappatmung und Abwehr? Wie wäre es mal mit einem entspannten, sachlichen Umgang mit dem Thema Rassismus. Vielleicht finden wir dann sogar einen besseren Begriff dafür.

Jungdamen- und Jungherrenkomitee beim Wiener Opernball (Archivfoto)
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Jungdamen- und Jungherrenkomitee beim Wiener Opernball (Archivfoto)

Eine Kolumne von


Ich schaue jedes Jahr die Übertragung des Wiener Opernballs auf 3 Sat. Das ist bei uns zuhause ein Ritual. Es gibt Häppchen und Sekt und jedes Jahr stoße ich darauf an, dass ich in Deutschland lebe und nicht in Österreich. In Österreich ist es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen noch völlig in Ordnung, mit der Kamera aus dem Dekolleté einer Frau rauszuzoomen. Dazu ein schmunzelnder Moderator aus dem Off: "Frau Soundso, großzügig dekolletiert." Schwenkt das Aufnahmegerät auf die Debütantinnen und hat eine davon eine dunkle Haut, fällt schon mal der Kommentar: "Exotisch geht's heuer wieder zu".

Vor ein paar Tagen war es wieder soweit. Ein Musiker wird interviewt und sagt: "Ich bin Steierer durch und durch. Original. Bis in den letzten Blutstropfen". Ich verschlucke mich fast an meinem Bissen, aber die Moderatoren reden einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Normaler Smalltalk in Österreich.

Nach Jahren der Opernball-Studie würde ich sagen, wir sind im Umgang mit Vielfalt viel weiter als unser Nachbarland. Bei uns verbieten sich nationalistische Blutsbekundungen im politisch normalen Spektrum. Trotzdem - oder deswegen - führen wir gerade eine Debatte darüber, wie rassistisch gefärbt auch hierzulande der Smalltalk ist. Es geht um vergleichsweise harmlose Fragen wie "Wo kommst du her, also ursprünglich?"

Im Internet haben viele Deutsche, die oft für Ausländer gehalten werden, unter dem Hashtag #vonhier nervige Alltagsdialoge beschrieben. Viele finden es ärgerlich, immer wieder nach dem Ursprungsland gefragt zu werden, um am Ende einen seichten Smalltalk über das Herkunftsland ihrer Vorfahren zu führen. Auch mich hatten die verbale Ausbürgerung und der ethnische Ordnungsfimmel in der letzten Kolumnebeschäftigt.

Seither hat sich ein Gegenlager gebildet, das die Woher-Fragen als Kulturgut des weltweiten Smalltalks verteidigt. Hauptargument: Man ist doch kein Rassist, nur weil man wissen will, wo jemand herkommt. Auch einige Mihigrus, also Menschen mit Migrationshintergrund, haben sich darüber geärgert, weil sie selbst gern fragen und gefragt werden.

Ist man also rassistisch, wenn man Menschen ohne böse Absicht nach der Herkunft fragt - und gilt das auch für Mihigrus? Ich finde, das ist die falsche Frage und bringt uns nicht weiter, wenn wir über Zugehörigkeit reden wollen. Aber sie steht im Raum und bietet vielleicht eine gute Gelegenheit zu klären, warum wir beim Thema Rassismus so aneinander vorbeireden. Warum immer noch viele denken, bei den Begriffen "weiße Menschen" und "Schwarze" gehe es um die Hautfarbe, obwohl es das nicht tut.

Interessanterweise zählt Rassismus nicht zum Bildungskanon in Deutschland. Das Thema wird fast nie in der Schule gelehrt oder im Fernsehen diskutiert. Man muss sich selbst eine Definition erarbeiten. Deswegen verstehen die einen es so, die anderen so.

  • Die meisten Menschen denken, Rassismus findet sich nur bei Rechtsextremisten, die Menschen aufgrund ihrer Gene in hoch- und minderwertige "Rassen" einsortieren. Also sind die meisten zutiefst empört, wenn sie oder ihre Institution mit dem Wort Rassismus konfrontiert werden. Sie bekommen Schnappatmung und reagieren gereizt. Aber diese Definition ist nur eine und nicht unbedingt die zeitgemäße.
  • Laut Rassismusforschung gibt es verschiedene Formen, wie Neorassismus, Alltagsrassismus oder kulturellen Rassismus, die auch ohne die Wahnvorstellung von "Rassen" auskommen. Werden Menschen auf ihre Herkunft oder Religion reduziert und auf eine bestimmte "Kultur" festgelegt, gilt das auch als rassistisch. Denn schwups, ist die Hierarchie wieder da: Europäer = gut. Westeuropäer = besser. Afrikaner = rückständig. Muslime = rückständig und gefährlich. Natürlich nicht alle, aber...

Neorassismus funktioniert wie ein gesellschaftlicher Platzanweiser: Die einen gehören dazu, die anderen sind nur dabei. Wichtig zu wissen: Hinter diesem Rassismus muss keine böse Absicht stecken. Es reicht, dass man Menschen wegen ihres Aussehens, Namens oder wegen ihrer Religion unterscheidet und woanders verortet. Die Nachteile für diejenigen, die als "anders" markiert werden, stellen sich ganz von selbst ein .

Wer sich länger mit Rassismustheorie beschäftigt, sagt deshalb Sätze wie "Wir leben in einem rassistischen System" oder "Rassismus findet sich überall". Leute, die sich nicht damit beschäftigen, finden solche Aussagen vermutlich absurd und paranoid. Und je nach Definition haben beide Recht.

Zur Ausgangsfrage: Ja, wer meint am Aussehen zu erkennen, wer von hier ist und wer nicht, denkt in rassistischen Stereotypen. Viele "Asiaten" sind in Wirklichkeit Europäer, Amerikaner, Neuseeländer oder Australier. Im 21. Jahrhundert wirkt die Idee, Menschen auf den ersten Blick irgendwo verorten zu können, bei genauer Betrachtung rückständig. Und ja: Wer Ethnien, Kulturen, Wurzeln und Stämme für aussagekräftige Informationen hält, hat vermutlich einen kulturrassistischen Blick auf die Gesellschaft. Ein paar Kollegen von "Zeit Online" haben einen Fragebogen erstellt - wer mag, kann einen Selbsttest dazu durchführen.

Trotzdem ist das Wort "Rassismus" heftig. Natürlich macht es einen Unterschied, ob man an verschiedene "Menschenrassen" glaubt oder kulturelle Vorurteile hat. Vielleicht müssen wir uns für den Zugehörigkeitsdiskurs auf einen anderen Ismus einigen, der besser beschreibt, worum es geht. Zum Beispiel Ausländerismus, Fremdismus, Völkismus oder Wurzelmanie.

Dann reden wir vielleicht irgendwann nicht mehr aneinander vorbei.

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insgesamt 193 Beiträge
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Seite 1
michi11161 09.03.2019
1. Fragen erlaubt.
Ich bin auch einer der ständig fragt. .Ich bin neugierig,mich interessiert woher die Dialekte kommen. Ich habe schon beruflich viel mit unterschiedlichen Menschen zu tun. Es ist für mich ein einfacher Anknüpfungspunkt um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, egal woher sie kommen. Die meisten schwarzen die ich frage,kommen übrigens aus Amerika oder England. Das sind für mich auch nicht Afrikaner, das sind Amerikaner oder Engländer. Ich werde übrigens auch ständig gefragt woher ich komme,ich hab einen süddeutschen Akzent und sehe nicht gerade sehr deutsch aus. Einfach mal entspannen es ist eine angenehme Art mit Menschen ins Gespräch zu kommen.
stefan.martens.75 09.03.2019
2. Klasse Artikel
Vorbeireden gehört zum Menschsein dazu. Wie sagte schon Ben Kenoby: Viele Wahrheiten an die wir uns klammern, hängen von unserem persönlichen Standpunkt ab. Und JA! Wir brauchen dringend ein anderes Wort als Rassismus! Ich denke Schubladendenken ist da bestens geeignet. Ist zwar auch leicht vorwurfsvoll, trifft es aber und ist nachvollziehbar. Und wir alle machen es, weil unser Gehirn schlicht so konstruiert ist. Wie sie sagten brauchen wir uns deshalb auch keinen Vorwurf machen. Wir sind ganz einfach so konstruiert. Aber wir haben auch die Fähigkeit uns das bewusst zu machen und dagegen anzugehen, wenn es uns nicht gefällt. Wir sind halt freie Menschen mit Verstand. Oder entscheiden uns daran zu glauben, dass dem nicht so ist! :-)
at.engel 09.03.2019
3.
Vielleicht ist das Problem, dass der Begriff "Rassismus" letztendlich seinen Ursprung in einem Wort hat, dass nur einen Sinn hat, wenn man Rassist ist.Es hat aber wahrscheinlich nicht viel Sinn, sich überhaupt Gedanken zu machen, wie man das sonst benennen sollte - Xenophobie ist ja auch etwas anderes - da die meisten sowieso solche Begriffe gebrauchen, wie es ihnen gerade passt. André Glucksman hat in einem Artikel mal geschrieben, dass es vielleicht das Einfachste sei, davon auszugehen, dass wir alle "Rassisten" sind - und die eigentliche Frage sei, wie man "trotzdem" ein vernünftiges Zusammenleben ermöglicht. Das halte nach wie vor für einen guten Ansatz. Ich kenne eigentlich kaum jemanden, der nicht irgendwie "rassistisch" denkt - und vollkommen unabhängig der politischen Orientierung, der sozialen Zugehörigkeit... und der Herkunft. Ich habe schon alles mögliche erlebt, und meine Erfahrung ist: Umso mehr das alles tabuisiert wird, umso schlimmer wird alles!
jar.koz. 09.03.2019
4. @stefan.martens.75, Beitrag #2
Guter Beitrag, den ich vollumfänglich unterstütze!
Sleeper_in_Metropolis 09.03.2019
5. Mal nebenbei gefragt
Zitat : "Ich schaue jedes Jahr die Übertragung des Wiener Opernballs auf 3 Sat." Warum tut man sich das denn freiwillig an ? Selbst, wenn die ganze Veranstaltung völlig rassismusfrei wäre, fände ich mehr Spass am erstellen einer Steuererklärung.
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