Neue "24"-Staffel Das Gehetz der Serie

Seit dieser Woche ist er wieder im US-Einsatz: Jack Bauer, der erfolgreichste Terroristenjäger des Fernsehens. Auch in Staffel sieben wird der Top-Agent maßlos leiden - denn Bauer ist eine Symbolfigur der Sucht. Können wir deshalb nicht genug kriegen von ihm?

Von Daniel Haas


Was hat er nicht schon alles durchgemacht: Er wurde gefoltert, nahm Heroin, musste zwei seiner Kollegen ermorden. Er verlor seine Ehefrau, den Vater, den Bruder und die große Liebe. Seine Tochter brach den Kontakt zu ihm ab. Am Ende wird sein bester Freund sein schlimmster Feind.

Schon ein Alleinstellungsmerkmal, wenn man so drauf ist wie Jack Bauer
20th Century Fox

Schon ein Alleinstellungsmerkmal, wenn man so drauf ist wie Jack Bauer

Aber Jack Bauer kann nicht aufhören. In Amerika ist gerade die siebte Staffel gestartet (in Deutschland bei Premiere). Wieder geht es ums Ganze, um die Rettung der westlichen Welt. Jeder einigermaßen intakte Mensch hätte schon nach den ersten 24 Stunden gesagt: Mir reicht's. Ich habe alles gegeben für den Job, meine Frau ist tot, meine Tochter hasst mich. Macht ohne mich weiter.

Jack Bauer ist nicht intakt, gerade, weil er eine aus den Fugen geratene Welt immer wieder vor dem Schlimmsten bewahren will. Jack Bauer ist ein Süchtiger, und seine Heldentaten bilden die Stationen einer Suchtkarriere. Im Laufe der bislang gelaufenen sechs Staffeln hat dieser Mann sein soziales Umfeld vollständig zerstört und sich selbst körperlich zerrüttet. Jedes Mal schwört er sich: Ich höre auf. Jedes Mal wird er rückfällig.



Nur noch dieses eine Mal muss ich meinem Land dienen, die Terroristen fangen, die Intriganten zur Strecke bringen. Bauer hat - wie jeder Süchtige - starke Mittel gegen die Vernunft: Rationalisierung und Leugnung. Ich habe keine Wahl, lautet die Lüge, jemand muss es machen. Und wie jeder Abhängige muss er die Dosis steigern. Von Staffel zu Staffel werden die Verluste größer, die Verbrechen brutaler.

Nur noch diese 24 Stunden: Es ist kein Zufall, dass die Anonymen Alkoholiker genau diese Zeitspanne zum Maß ihrer Genesung machen. Nur für heute, lautet das Credo, werde ich von meinem Suchtmittel lassen, das ich nicht kontrollieren kann. Bauer dreht diese Logik um: Nur noch 24 Stunden will ich alles versuchen, dann fange ich ein neues Leben an.

Voll drauf statt nur dabei

Süchtige haben immer Helfer, die Psychologie nennt sie Co-Süchtige. Sie stehen dem Kranken nahe, verschleiern sein Verhalten, in der Hoffnung, es werde alles wieder gut. Co-Abhängige sind süchtig danach, gebraucht zu werden. Sie machen die Krankheit ihres Partners, Freundes oder Kollegen zum Geheimnis, das sie hüten und verwalten wie eine Mission. Wenn ich mich nur ein bisschen mehr anstrenge, wird er wieder gesund, denken sie, so wie der Süchtige glaubt, diesmal werde er den Stoff unter Kontrolle bringen. Wie die Abhängigen haben auch die Co-Süchtigen immer keine Wahl.

Bauer (Kiefer Sutherland) hat an seinem Arbeitsplatz, der Counter Terrorist Unit, viele Co-Abhängige verschlissen. Vor allem Chloe (Mary Lynn Rajskub), die supersmarte Computerfachfrau, arbeitete für ihn im Verborgenen. Wenn alle andern Bauers brutale Methoden längst unmenschlich fanden, half ihm Chloe, den Job doch noch hinzukriegen. Sie verheimlichte ihren Chefs Bauers wahre Pläne, organisierte und intrigierte an ihnen vorbei - immer im Dienste ihres Freundes, der einfach nicht anerkennen wollte, dass es für jeden Menschen Grenzen gibt.

Die meisten, die schon mal eine Staffel "24" geschaut haben, kennen das Gefühl der Sucht. Hat man eine Folge gesehen, kann man nicht mehr aufhören. Deshalb steigen Serienjunkies so schnell als möglich auf DVDs um. Die Portionierung des Stoffs auf ein, zwei Folgen ist grausam. Mit einer DVD-Box kann man die Dosis erhöhen. Man weiß von "24"-Sehern, die die Serie buchstäblich in Echtzeit gesehen haben: 24 Episoden am Stück.

Diese Leute erkennt man an den dunklen Ringen unter den Augen, sie kommen gerädert ins Büro. Was interessiert mich meine Freundin, meine Familie, mein Job?, sagt ihr Verhalten. So stellt "24" eine faszinierende Identität von Hauptdarsteller und Zuschauer her. Zwei, die nicht aufhören können. Nur noch diese eine Folge! Ehrlich!

Die Thrillerreihe "24" ist ein extremes Beispiel, warum immer mehr Menschen Serien schauen und dem Kino den Rücken kehren. Serien nähern sich zeitlich und rhythmisch unserem Alltag viel mehr an als ein Erzählfilm, selbst wenn man sie im regulären Fernsehen ansieht. Montags Treffen mit Jack Bauer, dienstags ein festes Date mit der Dopedealerin von "Weeds", mittwochs Verbrecher killen mit "Dexter" und so weiter und so weiter. Die Figuren unserer Lieblingsserien sind immer weniger in einem fiktionalen Universum zu Hause und immer mehr in unseren Alltag integriert. Ist die Zeit, in der das da auf der Leinwand passiert nicht die, in der ich auch selber lebe?

Jack Bauers 24-Stunden-Einsätze haben noch einen zusätzlich Effekt: Sie zeigen, ins Extrem gesteigert, was Leben und Arbeiten heute bedeuten können. Jack ist 24 Stunden lang nonstop für den Arbeitgeber im Einsatz. Wenn du deinen Job richtig gut machen willst, musst du ihm alles unterordnen: Erholung, Muße, private Beziehungen. Bauer ist der totale Arbeiter, der nie zur Ruhe kommt, ein ins Perverse verzerrter Traum gieriger Unternehmer.

Es gibt keine Erlösung - nur die nächste Folge

In diesem Punkt treffen sich Sucht, Serienkultur und unsere Wirtschaftsform. Ich kann nicht aufhören: Das ist das Los des Süchtigen und das des Kapitalisten. Es muss immer weiter konsumiert und produziert werden. Die Dosis des Suchtmittels muss man ebenso steigern wie den Mehrwert - und wenn es zu einer globalen Finanzkrise führt.

Die Serie ist auch deshalb das neue Erfolgsprodukt der Kulturindustrie (die DVD-Verkäufe übertrumpfen bereits die Kinoeinnahmen), weil sie funktioniert wie ein Fließband. Und das kann ewig weiterlaufen, selbst wenn die Reihe selbst aufhört. Serien wie "Buffy - Im Bann der Dämonen" wurden als Comic weitergeführt, "Friends" und "Grey's Anatomy" bekamen sogenannte Spinoffs, Fortsetzungen mit einer Figur aus der Ursprungsserie.

Dieser Wiederholungs- und Fortsetzungszwang hat etwas Lustvolles. Nur darf man nicht glauben, dass die immer gleichen Handlungen auf einmal andere Resultate haben werden. Das aber ist Jack Bauers Hoffnung. Doch die Welt ist am Ende niemals besser, sie kriegt nur eine kurze Verschnaufpause, bis zum nächsten Ausnahmezustand. Dann geht das Drama wieder von vorne los.

Serienjunkies sind da in paradoxer Weise nüchterner: Sie wissen, dass es am Ende keine Erlösung gibt, sondern nur die nächste Folge.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.