Neue ARD/ZDF-Leitlinien Mehr Würde im Öffentlich-rechtlichen

ARD und ZDF haben ihre neuen Leitlinien für die künftige Programmgestaltung vorgelegt. Durch das Bekenntnis zu Information, Kultur und Schutz der Menschenwürde in Unterhaltungsformaten wollen sich beide Sender gegen die Privaten abgrenzen.


ARD-Vorsitzender Plog: Keine "Schleichwerbung" in der ARD
DDP

ARD-Vorsitzender Plog: Keine "Schleichwerbung" in der ARD

Köln/Mainz - Information als stärkste Programmsäule und die Achtung der Menschenwürde auch im Unterhaltungsbereich, das sind die zentralen Positionen in den neuen Leitlinien der ARD-Rundfunkanstalten. Der ARD-Vorsitzende Jobst Plog sagte heute in Köln, die Richtlinien sollen auch auf die dritten Programme sowie den Hörfunk übertragen werden. Der Beschluss sei in einem "mühevollen Diskussionsprozess" gefasst worden. Nach jahrelangen Diskussionen um den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks seien nun ein breiter Konsens und eine gute Grundlage für die kommenden Jahre gelungen.

Zur Festlegung einer Leitlinie in der Programmgestaltung, der so genannten Selbstverpflichtungserklärung, waren die gebührenfinanzierten Sender in der Novelle des Rundfunkstaatsvertrags aufgefordert worden. Zum 1. Oktober sollen die neuen Regeln in Kraft treten.

Bereits gestern stellte das ZDF in Mainz seine neue Richtlinie vor. Das "Zweite" strebt bei seiner Programmgestaltung auch weiterhin eine hochwertige Mischung aus Information und Unterhaltung an. Bildung, Wissen, Service und Geschichte sollen Informationsschwerpunkte bleiben. In den Show- und Unterhaltungsprogrammen soll demnach die Verbindung aus Ereignis, Erlebnis und nützlichem Wissen im Mittelpunkt stehen.

Kinder- und Jugendsendungen sollen im ZDF-Hauptprogramm weiterhin einen markanten Platz im Wochenend- und Feiertagsprogramm einnehmen. Das ZDF wolle trotz des sich weiter verschärfenden Wettbewerbs zusammen mit seinen Partnerprogrammen (u.a. 3sat, Arte, Kinderkanal, Phoenix) weiterhin bei breiten Zuschauergruppen Resonanz finden, erklärte ZDF-Intendant Markus Schächter.

Das ZDF-Hauptprogramm bestehe zu rund der Hälfte aus Information, zu rund einem Drittel aus Fiktion und zu je rund sieben Prozent aus Show-Unterhaltung, Sport und Kinderprogramm. Dazu gehöre die "Orientierung an den kulturellen Werten und Standards unserer Gesellschaft" sowie das Bestreben, Programme von bleibendem kulturellen Wert zu produzieren und so öffentliche Werte zu schaffen, erklärte Schächter.

Bei der ARD soll die Informations- und Nachrichtenschiene als stärkste Säule in den kommenden zwei Jahren mindestens 40 Prozent des Gesamtangebots ausmachen. Hinzu komme 2005/2006 ein Anteil von zehn Prozent an Sportinformationen.

Dem Zuschauer sollen an jedem Wochentag im ARD-Abendprogramm hochwertige Magazine, Dokumentationen oder Reportagen als "Markenzeichen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks" angeboten werden - zu politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Themen. Kultur als "Kernaufgabe" soll weiter "breiten Schichten der Bevölkerung" zugänglich gemacht werden. Dazu gehöre auch der weitere Betrieb von Rundfunkorchestern und -chören.

ZDF-Intendant Schächter: "Orientierung an den kulturellen Werten"
DPA

ZDF-Intendant Schächter: "Orientierung an den kulturellen Werten"

Angesichts der besonderen Verantwortung für Kinder und Jugendliche will die ARD im nächsten Jahr eine Reihe werbe- und gewaltfreier Formate anbieten, die den Nachwuchs altersgerecht und unterhaltsam informieren sollen.

Die ARD verpflichtet sich auch zu einer "vielfältigen und kultivierten Unterhaltung", um dem "Bedürfnis breiter Zuschauerschichten nach Entspannung und Anregung" zu entsprechen. Die Unterhaltungsformate der ARD "zeichnen sich durch das unbedingte Festhalten an Werten wie Respekt, Toleranz und Achtung der Menschenwürde aus", heißt es in den Leitlinien. Das gelte auch für Talkshows. Aufgestockt werden soll der Unterhaltungsanteil am Gesamtprogramm in den kommenden zwei Jahren nicht.

Ausdrücklich lege sich die ARD nicht auf eine bestimmte Altersgruppe als Zielpublikum fest - augenscheinlich aus dem Bedürfnis heraus, sich gegen den Konkurrenten aus Mainz abzugrenzen. Programmdirektor Günter Struve nannte es falsch, dass das ZDF in seiner Selbstverpflichtungserklärung die 14- bis 59-Jährigen als Zielgruppe nenne. "Das Diktat der Werbewirtschaft auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk übertragen zu wollen, hält die ARD für falsch", so Struve. Für die ARD treffe eher 3 bis 103 Jahre als Zielgruppe zu.

Abgesehen davon sei das Ziel des ZDF "sehr, sehr ehrgeizig", weil dessen Durchschnittszuschauer aktuell 59 Jahre alt sei. Im Hinblick auf die Ausrichtung beider Sender auf die Nachrichtenschiene, meinte Struve zudem, dass die ARD Information strenger definiere als das ZDF, das auch Sendungen wie "Aktenzeichen XY.." als Informationsangebot verstehe.

Ein ZDF-Sprecher kritisierte Struve am Mittwoch, da er ein Papier bemängele, das er offenbar nicht gelesen habe. "In seiner Selbstverpflichtung hält das ZDF ausdrücklich daran fest, dass die Zuschauer über alle Altersgruppen hinweg angesprochen werden." In der von Struve angesprochenen Zielgruppe bestehe jedoch Nachholbedarf.

Die neue Leitlinie der ARD verspricht auch eine klare Trennung von Werbung und Programm. Bei der Beteiligung von Zuschauern per Telefon verzichtet die ARD künftig grundsätzlich auf teuere 0190-Nummern, mit denen einige Privatsender inzwischen einen Teil ihrer Einnahmen erzielten. Die ARD rechne nur noch per Anruf, nicht nach Zeittakten ab. Der Preis für den Anruf solle den Gegenwert für das Porto einer Postkarte in der Regel nicht überschreiten. "Schleichwerbung", so Jobst Plog, gebe es bei der ARD nicht.

Als "völlig unakzeptabel" wies der ARD-Vorsitzende den Vorstoß der für die Aufsicht über die Privatsender zuständigen Landesmedienanstalten und einiger Politiker zurück, ihnen auch die Überwachung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks besonders beim Jugendschutz zu übertragen. "Wer 'Big Brother' im Vorabendprogramm des privaten Fernsehens unbeanstandet lässt, dessen Jugendschutzverständnis disqualifiziert sich selbst", erklärte auch der Chef der Konferenz der ARD-Gremienvorsitzenden, Karl-Heinz Kutz.

Die Richtlinien gelten zunächst für die Jahre 2005 und 2006. Sie sollen nach den Vorgaben des Rundfunkstaatsvertrags alle zwei Jahre überprüft und nötigenfalls angepasst werden.



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