Neue "Big Brother"-Staffel Melodram mit Melly aus Marzahn

Schön familiär geht es zu in der neuen Staffel von "Big Brother". Nach dem Quotenschwund besinnen sich die Macher auf alte Gesichter, ewige Untugenden, den Konflikt zwischen Luxus und Elend - und suchen ihre Nische im weiten Kosmos des Proll-TV.

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Auch Flegel kommen in die Jahre. Sie erinnern sich? 2000 war das Geburtsjahr der deutschen Gesellschafts-Zoologie: "Big Brother" lief das allererste Mal. Ganz Deutschland echauffierte sich damals ob des totalitären Charakters der televisionären TV-Unterschichtenbeschau.

Und nun, zum Start der achten Staffel am Montagabend?

Schweigen. Kein Politiker, der die Verbotskeule schwingt, kein Bischof, der um die Menschenwürde barmt. Und wen regt eine Institution auch schon auf? Denn das ist die Show ja längst: ein beständiges Rückversicherungssignal aus den Tiefen des gefühlten gesellschaftlichen Niedergangs.

Die Begaffungsinszenierer von der Produktionsfirma Endemol und dem Sender RTL 2 setzen denn auch schon fast rührend auf quasi familiäre Beständigkeit. Die Show moderiert unter anderem ein ehemaliger Insasse, einer jener wenigen D-Prominenten, den die Sendung überhaupt geboren hat: Jürgen Milski, 44, einst Feinblechner, zweiter Sieger der ersten "Big Brother"-Staffel aus dem Jahr 2000, kurzzeitig Partybarde ("Halbschwul") und jetzt Quizmaster-Imitator beim Fernsehsender-Imitat 9 Live.

Milski hatte als Außenreporter schon die siebte Staffel mitbestritten. Ihm zur Seite stehen die hochschwangere Charlotte Karlinder, auch sie zum zweiten Mal dabei - und als neues Gesicht Miriam Pielhau, Moderatorin einer Kino-Show auf Tele 5.

Schon im Vorlauf der Show zeigte sich, dass man weiter auf flankierende Erregungsberichterstattung zumindest des Regional- und Lokal-Boulevards hoffen darf. Allerdings wohl nur in nachrichtenlosen Zeiten, frei nach dem Motto: heute bei Bohlen mal nichts zu holen. So durfte etwa die 19-jährige Kandidatin Melly aus Marzahn dem Berliner Blatt "B.Z." erzählen, dass sie nicht nur ihre Plattenbau-Vergangenheit hinter sich lassen wolle, sondern vor allem ihren Vater - denn der hatte Mellys Mutter verlassen, um sich dann Mellys beste Freundin zu angeln. Man ahnt schon, dass Papi oder Freundin oder beide bald als auf reumütig getrimmte Gäste in die Show gehetzt werden, um unter hämischen Kommentaren das zu kitten, was man eigentlich gar nicht Familie nennen möchte.

Linksrückerei und Mindestlohnpopulismus

Mit solch berechenbaren Konflikten etabliert sich die Show endgültig als solide bescheidenes Dauerformat im Nischenkosmos des Proll-TV, das ja schon längst ähnlich Übles im Halbstundentakt zu bieten hat. Diese Entwicklung hatte schon die Vorläufer-Staffel angedeutet: Die war mit einem halben Jahr Dauer wohl getaktet und von jeder Ambition befreit, jemals den allerersten Quotenerfolg wiederholen zu können. Beim Sender hatte man offenbar gelernt, denn der letzten Staffel war ein Debakel vorausgegangen: Im März 2005 angelaufen, sollte sie nach der damaligen Senderankündigung unendlich laufen - oder doch zumindest so lange, wie das Zuschauerinteresse hielt. Das erwies sich als sehr endlich - RTL 2 beendete das Experiment nach nur knapp einem Jahr mit einem großen Finale, nachdem die Quoten in den Keller gesackt waren. Mit der siebten Staffel konnte man dann acht Prozent Marktanteil bei den 18- bis 49-Jährigen verbuchen, immerhin zwei Prozent mehr als der Sender im Schnitt und somit: ordentlich. Mehr auch nicht.

Acht Teilnehmer lassen sich jetzt zunächst einkerkern und hoffen darauf, rund ein halbes Jahr zu überstehen und dafür das Preisgeld von 250.000 Euro zu kassieren. Die Renovierungsarbeiten am Konzept fielen sanft aus: So dreht man jetzt nicht mehr im Kölner Industriequartier Ossendorf, sondern im Studiokomplex Coloneum, aus klimatechnischen Gründen, wie es beim Sender heißt. Und das Casting lief per Online-Videos, ein Versuch, den Community-Effekt zu stärken - und Zuschauer zu binden. Nach dem Ende der ersten Staffel hatten sich noch 70.000 Menschen für die Neuauflage beworben, jetzt waren es nach Angaben der Macher rund 10.000.

Als Grundmotiv haben die Macher einen Grundkonflikt revitalisiert: Arm gegen Reich. Die Bewohner zweier Wohnbereiche sollen gegeneinander antreten, ähnlich der fünften Staffel (2004). Allerdings geht es dieses Mal schon beim Einzug so richtig ab: Wer im Luxus wohnen darf und wer im Siff hausen muss, war Thema gleich zu Beginn der Show. So kann man gleich sehen, was man da unten, in den imaginierten Niederungen der Gesellschaft, so macht. Ob man dort etwa in Zeiten von Linksrückerei und Mindestlohnpopulismus auch so richtig sozialneidisch keift?

Aber das wird im Zweifelsfall niemand mehr aufregen.


"Big Brother", seit Montag 20.15 Uhr, danach täglich auf RTL 2



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