Neue Dokusoap Gülcan und ihr Kuhfladen-Schock

Glamour-Girls im Stall: Die Modepüppchen Gülcan Kamps und Collien Fernandes stöckeln in der ProSieben-Dokusoap "Gülcan und Collien ziehen aufs Land" durch Kuhmist und zeigen, wie fremd ihnen alles Lebendige ist. Originell ist das nicht - aber durchaus unterhaltsam.

Von Jan Freitag


Für Anthropologen ist der Fall sonnenklar: Wer vom eigenen Kulturkreis in einen grundlegend anderen wechselt, um dort nicht nur Urlaub zu machen, sondern den Alltag zu übernehmen, empfindet zunächst mal ein Gefühl der Euphorie. Von einem Kulturschock kann da noch keine Rede sein. Man sollte also vorsichtig sein, wenn ausgerechnet ProSieben ein neues Format mit diesem Begriff bewirbt. Und noch mehr Obacht ist nötig, wenn in diesem Zusammenhang gar der Name Gülcan Kamps fällt.

Es soll also einen Kulturschock darstellen, wenn die – nennen wir sie mal zurückhaltend: geschwätzige Viva-Moderatorin - mit ihrer weniger redseligen, aber nicht minder exaltierten Kollegin Collien Fernandes für drei Wochen auf den Bauernhof geschickt wird, um dort "mit den Anforderungen des Landlebens zurechtzukommen", wie es der Sender formuliert – Melken, Putzen, Mähen, das volle Programm, für 17 Euro Lohn die Woche. Doch wer sich die beiden "Jet-Set-Ladys" (ProSieben), ein stattliches Filmteam im Schlepptau, freiwillig auf sein Gehöft holt, lebt entweder fernab jeder Zivilisation oder weiß sehr genau, was er tut.

Da die sechsköpfige Dreigenerationenfamilie Estermann ihre 40 Kühe nun nicht am Amazonas, sondern im oberbayerischen Graindorf aufzieht und derzeit einen Internet-Auftritt zu touristischen Zwecken aufbaut, dürfte also letzteres der Fall sein. Von wegen Schock; alles bei "Gülcan und Collien ziehen aufs Land" ist berechenbar, geplant und fernsehgerecht vorgekaut, womit die Serie uns seit gestern die Zeit bis zum wirklich schockierenden Entertainment im Anschluss vertreibt: "Elton vs. Simon".

Da passt "Kulturclash-Dokusoap", wie es ProSieben gewohnt bilingual umschreibt, schon besser. Sicher, es ist wohl inszeniert, wenn der Hubschrauber die Glamour-Girls mit geländeuntauglichen Stilettos und einem guten Dutzend Koffer auf der grünen Wiese aussetzt. Wenn sie ihre Handys, Kreditkarten, Geldbestände abgeben müssen und, kaum in der Provinz angekommen, nur noch Trachtenträgern begegnen. Wenn Gastmutter Roswitha strenger mit den Städterinnen ist als nötig und schon am ersten Tag die Geduld mit den ungelernten Hilfskräften verliert. Aber größer könnten die Unterschiede zwischen der alpinen Agrarbevölkerung und zwei wandelnden Litfasssäulen auch kaum sein.

Schonungslose, schockierende Ehrlichkeit

Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet Gülcan und Collien authentischer wirken als ihre bodenständigen Arbeitgeber auf Zeit. Mögen sie in ihrer verwöhnten Markensucht eine Zumutung für jeden Intellekt sein – wenn Kamps, die Bäckererbengattin aus Lübeck, beim Anblick einer kackenden Kuh bekennt, hinterher in Therapie zu müssen, und das Hamburger Ex-Model Fernandes rehäugig zugibt, sie habe noch nie ein Ei aufgeschlagen, sind beide schonungslos ehrlich.

Und viele solcher Überraschungsmomente dürften sie mit großen Teilen ihres Stammpublikums teilen: Die Unwägbarkeiten des Landlebens, die Funktionsweisen der Natur - überhaupt alles Lebendige abseits von Schoßhund und Stechmücke - sind sogenannten "It-Girls" vermutlich ebenso fremd wie der klingeltonfixierten Viva-Zielgruppe unter 16. Es prallen also tatsächlich unterschiedliche Lebensphilosophien aufeinander, wenn zwei reiche Mittzwanzigerinnen des vierten Standes (funktionslose Konsumenten) kurzzeitig im ersten (traditionelle Produzenten) unterkommen.

Doch das ist nicht bloß die Ausbeutung klassischer Beuteschemata der Programmplanung (dürre Models, billige Promis, krasse Gegensätze), sondern auch eines Trendthemas: Das Landleben hat gerade Konjunktur im deutschen Fernsehen. Seit die ARD vor sechs Jahren ein paar urbane Zeitgenossen zum mühseligen Ackerbau anno 1902 verschickte und das dann Reality-Doku nannte, wechseln immer wieder Großstädter zeitweise aufs Land, was RTL mit "Bauer sucht Frau" zwischendurch Rekordquoten einbrachte. Wem das Zicken-ziehen-aufs-Land-Thema irgendwie bekannt vorkommt: In den USA sind bereits Paris Hilton und Nicole Richie bei "The Simple Life" auf die Farm gezogen; die Show versendete ProSieben mit dem Zusatztitel "Die Praktikantinnen".

"Clash of Civilizations"

Kein Wunder also, dass der Sender die deutsche Kopie unter "Lifestyle" verbucht. Und wenn Collien beim Ausmisten im Morgengrauen das Zahnpastalächeln vergeht und Gülcan beim rustikalen Dorffest mit knallgelbem Gucci-Täschchen aufläuft, wirken sie wie Komplementärfarben: Die eine Seite beginnt zu flimmern, so absurd erscheint sie im Kontaktbereich der anderen.

Obwohl dieser "Clash of Civilizations" in der Mediengesellschaft niemanden mehr schockiert, ist die Vereinigung des Unvereinbaren doch für ein, zwei (aber gewiss nicht acht) Folgen von quietschbunter Unterhaltsamkeit. Aber nicht nur das: Wenn Hofherr Konrad Estermann im Interview stolz erzählt, dass seine "Buam", der Markus und der Thomas, mit den wandelnden Modepuppen zur Comet-Verleihung von Viva durften, "in den VIP-Bereich, neben Tokio Hotel", dann scheinen die zwei Kulturen sogar ein bisschen aufeinander zugegangen zu sein. ProSieben sei Dank!

Nach 21 Tagen durften Gülcan und Collien übrigens wieder heim in ihre Glitzerkosmen. Nur drei Wochen später, so glaubt die Anthropologie zu wissen, und es wäre doch noch zu einer Art Schockzustand der Kulturwechslerinnen gekommen. Nach sechs Wochen nämlich geht gemeinhin die schöne Anfangseuphorie in Frustration über und löst sich erst nach rund einem Jahr in Gewöhnung auf. Es hätte Gülcan und Collien sicher ganz gut getan.


"Gülcan und Collien ziehen aufs Land", ProSieben, dienstags, 20.15 Uhr



insgesamt 51 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
thoryss 25.06.2008
1. wenn ausgerechnet ProSieben ein neues Format mit diesem Begriff bewirbt
"...wenn ausgerechnet ProSieben ein neues Format mit diesem Begriff bewirbt..." Ein neues Format? habe ich das nicht schon auf MTV weggezappt?
jueho47, 25.06.2008
2. Passt
"Es prallen also tatsächlich unterschiedliche Lebensphilosophien aufeinander, wenn zwei reiche Mittzwanzigerinnen des vierten Standes (funktionslose Konsumenten) kurzzeitig im ersten (traditionelle Produzenten) unterkommen." Klasse - die Definition des vierten Standes war mir bis jetzt unbekannt. Passt aber 100%. Eine Eigenheit des vierten Standes dürfte auch sein, dass sie die Definition ihrer selbst nicht verstehen werden.
timboe, 25.06.2008
3. :-)
"eiche Mittzwanzigerinnen des vierten Standes (funktionslose Konsumenten)" einfach schön
Silver_Future 25.06.2008
4. Wo bin ich?
Bei der "Aktuellen"? Oder hat SPON die Redaktion von der "Neuen Revue" übernommen? Wer guckt das? Und wenn es dem SPON wert ist darüber zu berichten: muß ich damit rechnen, daß das Zielpublikum solcher "Formate" inzwischen laut irgendwelcher dubiosen Mediaanalysen das Gleiche ist wie die Leser hier? Nie hat der Boulevard mehr geglänzt als in der letzten Zeit bei SPON... Ersetzt doch Eure lahme Rubrik "SPAM" (Beschäftigungsprogramm für darbende Satireprintmedienredakteure) durch die Rubrik "Das bunte Blatt" oder sowas. Die Würde des Menschen ist unantastbar, seine Geduld aber nicht. P.S: Was macht eigentlich Mark Medlock?? Und Estefania, und die 27. von den Top Models aus der ersten Staffel...
GrafZahl 25.06.2008
5. Vorschlag an SPON
Als der Müll mit dieser dusseligen Hotelerbin auf MTV lief dachte ich: mein Gott, wie überflüssig, hat MTV so was nötig? Als der Müll mit dieser nervtötenden Quäke auf Pro7 lief dachte ich: mein Gott, wie überflüssig, hat Pro7 so was nötig? Als über den Müll mit dieser nervtötenden Quäke auf Pro7 in SPON berichtet wurde dachte ich: mein Gott, wie überflüssig, hat SPON so was nötig? Könnte nicht wenigstens der SPIEGEL mit gutem Beispiel vorangehen und die Pseudo-Berichterstattung über Pseudo-Neuigkeiten mit Pseudo-Promis in Pseudo-Sendungen einfach etwas anders gestalten? Mit anders gestalten meine ich: 1. Nicht mehr darüber berichten. 2. Totschweigen. 3. Nichts mehr davon erwähnen. 4. Nicht mal mehr dran denken. 5. In den Redaktionsstatuten festlegen, daß Redakteure nicht fernsehen wenn solcher Müll läuft. 6. Auch über anderen Soap-Reality-Show-Schrott einfach nicht mehr berichten und den überflüssigen Promiklatsch gleich bei Meldung durch die Agenturen automatisch löschen. Wer stimmt diesem Vorschlag zu?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.