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Neue "DSDS"-Staffel: Gefangen im Reich der Super-Heuschrecke

Von Christoph Cadenbach

Eine neue Jury-Glatze und ein Punk-Song über Bohlens Penis - RTL hat an "Deutschland sucht den Superstar" kaum etwas geändert. Warum sollte der Sender auch? Als Frischfleischbeschaffer für die Inhouse-Verwertungskette funktioniert die Show perfekt.

Die Heuschrecke fliegt wieder. Gefräßig flattert sie auch in die miefigsten Ecken, nach Ibiza und Mallorca beispielsweise, wo es nur noch nach Wodka-Redbull und Erbrochenem stinkt. Aber der Heuschrecke, nennen wir sie kryptisch einmal "DSDS", ist das egal. Sie sucht nicht das Schöne und Erfolgreiche, sondern ernährt sich vom Mittelmaß und manchmal auch vom Hässlichen. Irgendwann im Herbst landete die Heuschrecke in Köln, und das Ergebnis war gestern auf der Mattscheibe zu begutachten. Der Start der RTL-Show "Deutschland sucht den Superstar", Staffel Nummer 5 - ein Fernsehsender geht auf Menschenjagd. Man kann Franz Müntefering gar nicht oft genug für seine Heuschrecken-Metapher danken. Denn sie lässt sich nicht nur auf renditegierige Investmentfonds anwenden, sondern auch auf TV-Mühlen wie RTL. "DSDS" ist die Spähheuschrecke im Senderschwarm. Sie sucht den musikalisch verarmten Superstar-Anwärter als Pendant zum bankrotten Mittelständler. Am Mittwochabend in Köln hat man die ersten beim Casting unter die Lupe genommen. Profitversprechende Exemplare werden später aufgepäppelt. Man legt sie unter die Sonnenbank, spendiert Gesangsstunden und fesche Klamotten. Und dann ...

Dann werden die Gutgläubigen ausgequetscht und von Show zu Show gejagt - Mehrarbeit ohne Lohnausgleich nennt man das in der Wirtschaft. Knebelverträge beschneiden ihre persönliche Freiheit (erinnert sei nur an die Causa "Max Buskohl"). Und am Ende werden sie abgewickelt wie ein in Billiglohnländer verlagertes Unternehmen. Im besten Fall wartet noch der australische Dschungel auf die betrogenen Ex-Möchtegern-Promis.

Ziemlich menschenverachtend ist das Ganze, aber rein ökonomisch auch ziemlich genial. Kurzfristige Scheininvestitionen in aufmerksamkeitsgeile Bittsteller sorgen für langfristigen und vor allem kostengünstigen Unternehmenserfolg. Selbst wenn die Kölner ihr Quotenflaggschiff "DSDS" kappen würden und auf neues Rohmaterial verzichteten, könnte der Sender einige Zeit autark existieren. Denn zu viel Halbbekanntheiten wurden in den letzten Jahren gezüchtet, als dass man nicht die anderen Promi- und Pseudo-News-Formate von "Explosiv" bis "Big Brother" damit bestücken könnte. RTL, ein autopoietisches, selbstreferentielles System. Niklas Luhmann würde seine Freude daran haben.

Dass an dieser Stelle kaum über die gestrige "DSDS"-Show gesprochen wird, hat einen guten Grund: Es gibt einfach nichts Neues zu berichten. Wen interessiert schon, dass bei den Juroren der eine Glatzkopf (Heinz Henn) gegen einen anderen (Andreas Läsker) ausgetauscht worden ist? Obwohl die Tatsache, dass Läsker - eine aufgeblähte Version des Scooter-"Sängers" H.P. Baxxter - der Entdecker und Manager der Fantastischen Vier ist, schon irgendwie lustig ist und beweist: Auch im Indie-Popgeschäft laufen ein paar Verwirrte herum.

Frischfleisch für Penetranzformate

Ansonsten war die Sendung die typisch krude Mischung aus lustiger Deppenverarschung, Stammtischgags und fragwürdiger Zurschaustellung von Minderjährigen. Natürlich kann man sich aufregen, wenn ein 17-Jähriger nach seinem Auftritt heulend zusammenklappt und der Kameramann draufhält wie beim Pornodreh. Aber zu Moral und "DSDS" wurde schon alles gesagt. Die Debatte ist so sinnlos wie ein Stylist für Bohlen und Läsker. Die beiden Juroren haben sich anscheinend dazu entschlossen, zukünftig gemeinsam in kunterbunten Hemden um Aufmerksamkeit zu strahlen.

Und doch gab es einen kurzen Auftritt, der nachdenklich gestimmt hat. Irgendwann huschte ein Punker mit Irokesenkamm und Gitarre durch das Bild. Er sang ein Lied über Bohlens Penis und man fühlte sich plötzlich in der falschen Sendung. War dies nicht einer der Protagonisten aus der neuen RTL-Doku-Serie "Die Ausreißer"? In der Show versucht ein Sozialarbeiter jugendliche Obdachlose auf den Pfad der Tugend zurückzubringen, und egal ob es nun stimmt oder nicht: geile Cross-Promotion! Da gerät man glatt ins Träumen. Wie könnte die Zukunft der RTL-Inhouse-Verwertungskette aussehen?

"DSDS" beschafft das Frischfleisch, klar. Dann geht es weiter in die Penetranzformate mit den großen Es - "Explosiv", "Exklusiv" und "Extra". Sony BMG, das ebenso wie RTL zu Bertelsmann gehört, vermarktet nebenher die Musik. Und was nach einem Jahr noch vom Superstar oder den Fast-Superstaren übrig ist, wird im Dschungelcamp recycelt.

Ist man pleite, lässt man sich von RTL-Schuldnerberater Peter Zwegat bei der Hand nehmen. Hassen einen die eigenen Kinder, ruft man Super-Nanny Saalfrank an, schmeißt die Frau einen raus, Sozialarbeiter Thomas Sonnenburg. Ganz Verstörte können auch Inneneinrichtungsderwisch Tine Wittler ins Haus holen und sich die Wände im knatschigen "DSDS"-Studioblau pinseln lassen. Zur Erinnerung an bessere Zeiten oder so. Ein perfekter Kreislauf. Und die Heuschrecke wird dicker und dicker.

In Asien und Afrika isst man Heuschrecken übrigens. Meistens werden sie in Öl ganz kross gebraten. Auch ein Plan: Fressen oder gefressen werden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
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1. Dieter und Ich
fakesteve 24.01.2008
Ich ignoriere diesen Schwachsinn komplett. Danke.
2. DSDS Version xyz
Papa Joe, 24.01.2008
Na ja, so lange es nichts Berichtenswerteres gibt, kann es so dramatisch nicht sein. Irgendwelche Bekloppte, denen Selbstrefelektion vollkommen fremd ist, werden sich für dieses Format immer finden und sich vor laufender Kamera zum Affen machen. Und die 5 Leute, die am Ende ganz "oben" stehen, werden medial vermarktet bis zum Geht-nicht-mehr,aber hey: Besser, als wenn sie unerkannt bis ans Lebensende in stiller Hoffnung und mit Hartz4 verharren.... Die Quote spricht aber eindeutig dafür, dass ein solches Format seine Kundschaft findet, und dass sollte uns mehr zu denken geben als die Protagonisten, die sich dort verheizen lassen....
3. Es tun sich Welten auf ...
hägar72 24.01.2008
Es tun sich Welten auf, auf deren Existenz man auch in den schlimmsten Alpträumen nicht kommen würde. Völlig talentfreie Deppen, die sich wohl niemals zuvor in Gesang versucht haben, hampeln doch wirklich vor der halben TV-Nation umher und machen sich völlig ungeniert zum Affen. Da es sich dabei meist um Minderjährige handelt, ist zu fragen, ob man da nicht gleich die Eltern wegen Mißhandlung Schutzbefohlener verklagen sollte! Selbst schuld, was soll's ... Bleibt nur, locker vor der Röhre zu sitzen, wenn man partout nichts anderes mehr vorhat, und sich der Schadenfreude hinzugeben. Schließlich ist es das, was bei dieser Sendung ja die Quoten bringt. Früher stellte man die Idioten auf den Marktplätzen aus, heute machen sie sich vor Bohlen und Co. zum Klops.
4. Gefakter Müll
verdun1916 24.01.2008
Zitat von sysopEine neue Jury-Glatze und ein Punk-Song über Bohlens Penis - RTL hat an "Deutschland sucht den Superstar" nur kosmetische Änderungen vorgenommen. Warum sollte der Sender auch? Als Frischfleischbeschaffer für die Inhouse-Verwertungskette funktioniert die Show perfekt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,530628,00.html
Nachdem die letzten vier Staffeln dieses debilen Schwachsinns (glücklicherweise) unbemerkt an mir vorbeigerauscht sind, habe ich gestern Abend nach langer Abstinenz mal wieder den Fernseher eingeschaltet und bin just bei DSDS gelandet. Wahrscheinlich werde ich langsam altermilde und statt wie sonst sofort wegzuschalten, wenn ich schon die Stimme von D. Bohlen vernehme, dachte ich mir, ich gönne mir mal 'ne Runde Volksverblödung. Die ganze Show ist dabei so überflüssig wie ein Kropf und prickelnd wie stilles Wasser. Erst gegen Ende, ich drohte gerade wegzunicken, wurde ich aufmerksamer: Da kam Raimund, ein unfassbar talentloser Mensch, der natürlich bei der Jury gnadenlos durchfiel und daraufhin anfing zu heulen und sich dann noch auf den Fußboden wälzte. Was bitte war das denn für eine Szene die uns RTL hier auftischte? Halten die ihre Zuschauer für so verblödet? Ein blinder mit Krückstock konnte sehen, dass das alles inszeniert war. Der Laienschauspieler, der hier seine Show abzog und die hilflos schauspielende Jury mit ihren hölzernen Bewegungen und Kommentaren dazu waren echt gruselig schlecht! Kopfschüttelnd schaltete ich den Fernseher wieder aus. Und ausgeschaltet bleibt der nach dieser Gruselshow auch wieder eine ganze Weile!
5. Um es kurz zu machen
Dr. Klopek, 24.01.2008
Zitat von verdun1916Nachdem die letzten vier Staffeln dieses debilen Schwachsinns (glücklicherweise) unbemerkt an mir vorbeigerauscht sind, habe ich gestern Abend nach langer Abstinenz mal wieder den Fernseher eingeschaltet und bin just bei DSDS gelandet. Wahrscheinlich werde ich langsam altermilde und statt wie sonst sofort wegzuschalten, wenn ich schon die Stimme von D. Bohlen vernehme, dachte ich mir, ich gönne mir mal 'ne Runde Volksverblödung. Die ganze Show ist dabei so überflüssig wie ein Kropf und prickelnd wie stilles Wasser. Erst gegen Ende, ich drohte gerade wegzunicken, wurde ich aufmerksamer: Da kam Raimund, ein unfassbar talentloser Mensch, der natürlich bei der Jury gnadenlos durchfiel und daraufhin anfing zu heulen und sich dann noch auf den Fußboden wälzte. Was bitte war das denn für eine Szene die uns RTL hier auftischte? Halten die ihre Zuschauer für so verblödet? Ein blinder mit Krückstock konnte sehen, dass das alles inszeniert war. Der Laienschauspieler, der hier seine Show abzog und die hilflos schauspielende Jury mit ihren hölzernen Bewegungen und Kommentaren dazu waren echt gruselig schlecht! Kopfschüttelnd schaltete ich den Fernseher wieder aus. Und ausgeschaltet bleibt der nach dieser Gruselshow auch wieder eine ganze Weile!
Es gilt auch hier mein Antrag: http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=1875326&postcount=25
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