Neue Engelke-Show Nippelvernarrt genug?

Anke Engelke darf noch mal ran: Auf Sat.1 startet heute Abend ihr neues Comedy-Format "Ladyland", das tatsächlich mehr bietet als das übliche Humor-Einerlei im deutschen Fernsehen. Hoffentlich kann Multitalent Engelke mit derart anspruchsvoller Komik punkten.

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Die Brustwarzen sind riesig. Auf allen Bildern sieht man sie: große bräunliche Geschwülste, gepinselt auf zarte Frauenkörper. Die Gesichter der Gemalten sind indes wie ausgelöscht, begraben unter den launischen Pinselstrichen ihres Schöpfers. Eine unscheinbare Hotelempfangsdame will sich nun eben diesem nippelvernarrten Künstler als Aktmodell zur Verfügung stellen.

Komikerin Engelke (in einer "Ladyland"-Episode): Meta-Comedy für Erwachsene
Sat.1

Komikerin Engelke (in einer "Ladyland"-Episode): Meta-Comedy für Erwachsene

Doch in Anbetracht all der gemalten Frauen, die da auf den Leinwänden im Atelier ihr gesichtsloses Dasein fristen, empört sich die kleine Angestellte: Gerne, so schimpft sie los, hätte sie sich dem Künstler hingegeben, in wohliger Erregung die Beine ein bisschen gespreizt und es vielleicht sogar mit dem Maler getrieben. Doch all die Leidenschaft, nur um als Körper ohne Augen und Nase auf der Leinwand zu enden? Nein, danke.

Manchmal ist es eben besser, sich trotz aller Leidenschaft zu verabschieden, um nicht als gesichtsloses Etwas zu enden. So gesehen hat diese Episode aus der neuen Sat.1-Serie "Ladyland", eine komplett um Anke Engelke herum gebaute Formatmixtur, durchaus symbolischen Charakter für den Star der Sendung: Unterhaltungskanone und Improvisationstalent Engelke weiß ja aus eigener Erfahrung, dass man nur verlieren kann, wenn man es allen recht zu machen versucht.

Comeback der multiplen Entertainerin

So sollte ihre Late-Night-Show auf Sat.1, mit der sie vor eineinhalb Jahren eher unrühmlich vom Fernsehbildschirm abtrat, aktuell, provokant und lustig sein. Und war doch nichts von alledem. Engelke sprach damals wie ferngesteuert. Ihr Gesicht war zwar die ganze Zeit im Bild - immerhin war es eine zeitlang Deutschlands teuerster weiblicher Werbeträger -, aber wo war die Seele geblieben? Wo war die tragikomische Noblesse ihrer Sitcom "Anke", wo der trockene und doch gelegentlich so tiefgründige Witz aus "Ladykracher", wo das pointierte Charakterspiel des Impro-Dramoletts "Blind Date"?

"Ladyland", eine Art Meta-Comedy, für die es Engelke noch mal mit ihrem alten Heimatsender probiert, lässt nun wieder eine Ahnung davon aufkommen, was tatsächlich in der multiplen Entertainerin steckt. Mit der Taktung und Tonalität des ambitionierten Genre-Crossover hapert es stellenweise zwar noch erheblich, dafür arbeitet sich Engelke in den drei Kurzgeschichten zu großen Themen vor: Sein und Schein, Sehnsucht und Selbstbetrug.

In jeder Folge verkörpert Engelke drei Frauen, deren Lebenswege sich an einem bestimmten Ort kreuzen. Neben der anfangs beschriebenen Hotelangestellten mit erotischen Befreiungsphantasien ist sie heute Abend in der Premierenfolge (22.15 Uhr) als alkohol- und tablettensüchtige Politikerin und als Hausfrauchen mit fataler Telenovela-Fixierung zu sehen. Charakterminiaturen sind das, die in der Pointe für einen heiteren Erkenntnisgewinn der Figuren sorgen.

Mut zum Risiko

Zwar leidet die erste Episode um die sternhagelvolle Ministerpräsidentinkandidatin arg unter dem burlesken Überschwang, mit der sie zur Aufführung gebracht wird. Doch mit der Seifenoper-Anhängerin findet der weibliche Reigen gegen Ende den richtigen Rhythmus: Anrührend, wie die Apologetin des Trivialen hier ihren Ehemann zwingt, ihr Leben nach den Regeln ihrer Lieblings-Telenovela zu gestalten und so schließlich zum Opfer des von ihr befeuerten Illusionismus wird.

Dass vieles an dieser psychologischen Comedy noch nicht so recht aufgeht, ist verzeihlich. Dafür beweist man mit der Serie, von der erstmal vier einstündige Folgen an den Start gehen sollen, Mut zum Risiko: Mit "Ladyland" hat Anke Engelke, die im Dezember 40 geworden ist, ein Comedyformat für Erwachsene entwickelt. In einer Fernsehnation, in der Humor oft genug nur ein Vorwand für infantiles Geplapper und Gepupse darstellt, lässt sich das gar nicht hoch genug anrechnen.

So beginnt ausgerechnet heute Abend vor der neuen Sat.1-Prestigeserie der Schwestersender ProSieben eine Reihe mit acht teuer in Prag produzierten Märchenparodien, in der die Figuren der Gebrüder Grimm von fernsehbekannten Unfall-Visagen (Karl Dall, Mike Krüger etc.) dargestellt werden. Den Anfang macht diese Woche eine "Rotkäppchen"-Verwurstung, deren Witz sich fast ausschließlich aus Ossi-Sprüchen und Pointen zum Genital des bösen Wolfes speist.

Dass "Ladyland" tatsächlich die Kundschaft, die sich zuvor der brachial-regressiven ProSieben-Klamotte ausgesetzt hat, halten kann, erscheint allerdings fraglich. Auch wenn eben dies die Strategie des ProSiebenSat.1-Senderverbunds sein dürfte. Dabei gehen die Pennälerzoten des Märchenmassakers und der nicht minder explizite, aber durchaus erhellende erotische Witz von Engelkes Show einfach nicht zusammen. Damit sich "Ladyland" durchsetzen könnte, müsste man der Serie wahrscheinlich Zeit einräumen, um ihr kompliziertes Erzählverfahren auszutarieren und ein Publikum zu erreichen, das sich vor allem aus den älteren Jahrgängen der werberelevanten Zuschauer zwischen 14 und 49 zusammensetzt.

Diese Zeit aber, soweit dürfte Anke Engelke ihren alten Haussender kennen, räumt Sat.1 keiner seiner Comedy-Experimente ein.



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