Neue Enthüllungen Grass forderte Wirtschaftsminister Schiller zur NS-Beichte auf

"Verdrängungskunst" eines Nobelpreisträgers: Wie zwei Briefe belegen, forderte Günter Grass den einstigen Wirtschaftsminister Karl Schiller zur Offenlegung seiner NS-Vergangenheit auf. Seine eigene SS-Mitgliedschaft enthüllte er erst 37 Jahre später.


Frankfurt/Main - Günter Grass forderte den einstigen Wirtschaftsminister Karl Schiller (1911-1994) Ende der sechziger Jahre in zwei Briefen zur Offenlegung seiner nationalsozialistischen Vergangenheit auf, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" heute. Am 15. Juli 1969 schrieb Grass in einem Brief an einstigen SA- und NSDAP-Mitglied Schiller, er wolle ihn "unumwunden bitten, bei nächster Gelegenheit – und zwar in aller Öffentlichkeit – über Ihre politische Vergangenheit während der Zeit des Nationalsozialismus zu sprechen. Weiter heißt es: "Ich hielte es für gut, wenn Sie sich offen zu Ihrem Irrtum bekennen wollten. Es wäre für Sie eine Erleichterung und gleichfalls für die Öffentlichkeit so etwas wie ein reinigendes Gewitter."

Diese Sätze aus Grass' Brief an Schiller zitiert der Freiburger Politikwissenschaftler Torben Lütjen laut "FAZ" in seiner noch unveröffentlichten Dissertation über Karl Schiller. Die beiden Briefe seien dem Wissenschaftler vom Koblenzer Bundesarchiv und vom Freiburger Walter-Eucken-Institut zur Verfügung gestellt worden. Grass selbst werde sich dazu nicht äußern, teilte sein Sekretariat auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit.

Ein Jahr später, am 28. April 1970, schrieb Grass erneut an Schiller, verwundert darüber, dass er seine Mitgliedschaft bei der NSDAP noch immer nicht zum Thema gemacht habe: Er habe lange darüber nachgedacht, "wie es möglich sein kann, dass ein Politiker mit so viel Weitblick und Erfahrung … so verengt reagieren kann". Weiter betonte Grass, ihm sei "diese Materie nicht unvertraut". Er habe "nur Teilantworten gefunden, die Hinweise geben könnten auf übliches intellektuelles Verhalten, also auf den berühmt-berüchtigten Hochmut des Wissenden".

Wie damals bereits durch eine SPIEGEL-Titelgeschichte von 1969 bekannt war, war Schiller 1933 als 22-Jähriger zur SA gekommen und später dem NS-Dozentenbund und der NSDAP beigetreten. nach dem Krieg war der 1994 gestorbene Wirtschaftsprofessor Wirtschaftsminister der Großen Koalition (1966-1969) unter CDU- Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger. 1971 wurde Schiller sogar "Superminister", als er unter SPD-Kanzler Willy Brandt zusätzlich das Finanzministerium übernahm.

Hans Arnold, ehemaliger Rektor der Universität Lübeck und dort Vorsitzender des Freundeskreises des Günter Grass-Hauses, kritisierte die Berichterstattung der "FAZ". Dem Schriftsteller werde "Verdrängungskunst" vorgehalten und das Recht abgesprochen, jene Nazis, die später in der Bundesrepublik hohe Ämter bekleideten, zu attackieren. "Warum aber soll, wer 18-jährig aus Naziverblendung erwacht ist, nicht jene anklagen dürfen, die mit 30 Jahren oder älter an den Untaten des Dritten Reiches mitwirkten oder, obwohl informiert, sie tolerierten?" Zum eigentlichen Thema des Buches, die ideologische Verführbarkeit Jugendlicher, schweige sich die Zeitung aus, kritisierte er.

Der Nobelpreisträger Günter Grass hatte seine eigene Waffen-SS-Mitgliedschaft erst im August dieses Jahres in seiner literarischen Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" öffentlich gemacht und damit für heftige Kontroversen gesorgt.

hoc/dpa



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