Theater-Neustart in Weimar Faust auf Faust

Keine Angst vor dem Feind: Hasko Weber, der neue Intendant des Weimarer Nationaltheaters, inszeniert am traditionsreichen Ort zum Auftakt Goethes "Faust". Ein Stück, das ihn nicht loslässt - und an dem er sich schon mal die Zähne ausgebissen hat.

Matthias Horn

Er will es noch einmal wissen. Schon einmal hat der Regisseur Hasko Weber einen Theaterleitungsjob angetreten und die Saison mit einem selbstinszenierten "Faust" eröffnet. Vor acht Jahren war das, in Stuttgart, und es ging gründlich schief. Eine Woche vor der Premiere wechselte der damals neu angetretene Schauspielchef Weber seinen Hauptdarsteller aus. Es gab zwei Mephistos, dafür war der Text "fast bis zur Unkenntlichkeit verknappt und modifiziert", wie das Fachblatt "Die Deutsche Bühne" schrieb. Der Kritiker nannte das "Experiment misslungen", andere Kollegen bezeichneten es als "matt" ("Frankfurter Rundschau") oder gar als "Rohrkrepierer" ("Süddeutsche Zeitung").

Insofern ist das, was Hasko Weber, inzwischen 49, nun in Weimar macht, wohl als Trauma-Bewältigung zu bezeichnen: Als neu angetretener Generalintendant des Nationaltheaters, also sozusagen als ein Nachfolger Goethes, eröffnet er die Saison - mit einem selbstinszenierten "Faust". "Ich glaube, dass es gar keine andere Möglichkeit gibt, als sich in Weimar mit dem ,Faust' zu beschäftigen, und deshalb habe ich mich mit dem Team sehr schnell entschlossen, das ganz zu Beginn zu tun", sagt Weber. ",Faust' gehörte hier immer zum Repertoire. Wir fallen also nicht vom Himmel, sondern wir reihen uns ein in die Auslegungsversuche. Das ist ein Prozess, der offen ist und immer weitergeht."

Fausts Wille zur Vernichtung

So wie Goethe der Stoff sechs Jahrzehnte lang nicht losließ, scheint auch der neue Weimarer Generalintendant von seiner Komplexität fasziniert. Der "Faust" sei ein "Superstart", weil der Stoff sehr präsent und aktuell sei "in einer Zeit, in der wir einen Umbruch nach dem anderen mitvollziehen und die Phasen der Vergewisserung immer kürzer werden", sagt Weber. "Fausts Streben, seine Unruhe und sein Schaffensdrang sind ja über lange Zeit sehr positiv ausgelegt worden", sagt der Regisseur. "Ich glaube, dass in dem Stoff auch etwas anderes steckt."

Vom "maßlosen Ich" ist in der Inszenierungsankündigung die Rede. "Fausts Durchsetzungskraft, Rigorosität und Skrupellosigkeit machen ihn einerseits zum Motor großer Entwicklungen, gleichzeitig aber auch zum Zerstörer von Beziehungen und Lebensgrundlagen", führt Weber aus. Faust sei als "Einzelkämpfer in eigener Sache" die Vorlage für das, was man heute als "kapitalistische Denk- und Handlungsweise" bezeichnen würde. Diese "Dunkle Seite" von Faust, "seinen Willen zur Vernichtung", wolle er ins Zentrum rücken, als Grundlage für das Beziehungsdrama zwischen Margarete und Faust, sagt der Intendant.

Für seine Auftaktinszenierung baut Weber nicht nur bei der Stückauswahl auf bewährte Kräfte: Den Mephisto-Darsteller Sebastian Kowski hat er aus seinem Stuttgarter Ensemble mitgebracht, mit dem "Faust" Lutz Salzmann, der zuletzt in keinem festen Ensemble war, hat er ebenfalls schon oft zusammengearbeitet. Und die Dramaturgin Beate Seidel war auch in Stuttgart schon eine seiner wichtigsten Mitarbeiterinnen. Das neue, 20-köpfige Schauspiel-Ensemble sei aber, da legt Weber wert drauf, insgesamt nicht Stuttgart-lastig, die Leute kämen auch aus dem alten Weimarer Ensemble und aus ganz anderen Orten.

Das Sendungsbewusstsein des neuen Logos

Weber steht als Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar aber nicht nur dem Schauspiel vor, sondern auch der traditionsreichen Weimarer Staatskapelle und dem Musiktheater. Sie haben ihren ersten großen Auftritt nur einen Tag nach der "Faust"-Premiere mit einem ebenfalls traditionsreichen Werk, Wagners "Lohengrin".

Für den Zusammenhalt der Sparten soll das neue Logo stehen, ein Kreis, in dessen Mitte groß "DNT" prangt, die allgemein übliche Abkürzung für das Theater. Der Kreis ist aus gelben Strahlen gebildet. "Der gedankliche Hintergrund ist, dass wir mit Ausstrahlung im Sinne von Sendung agieren möchten", sagt Weber, der in Stuttgart eine geschlossene Faust zu seinem Zeichen gemacht hatte. "Das neue Logo hat etwas Offenes, Einladendes, und ich hoffe, dass das Signal in der Stadt ankommt."

Dass das Zentrum, von dem die Sonnenstrahlen ausgehen, leicht nach links verrückt ist, will der neue Theaterchef aber nicht überinterpretiert wissen: "Eine Ideologie würde ich damit nicht verknüpfen. Dass wir uns mit dem Theater in die Gesellschaft einmischen und uns zu den Dingen, die uns umgeben, verhalten, das finde ich selbstverständlich."

Wenn alles gut geht, führt Fausts Reise durch die Welt direkt in die Weimarer Realität.


Faust. Der Tragödie erster Teil. Premiere am 6.9. im Großen Haus des Deutschen Nationaltheaters Weimar. Auch am 8., 13., 15. und 28.9., Tel. 03643/75 53 34, www.nationaltheater-weimar.de



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