Neue Geissen-Show auf RTL In den Fängen des Spaßkraken

Kaum ein Tag, an dem Oliver Geissen nicht bei RTL irgendwas Belangloses präsentiert - nun auch noch "Die Show der Woche". Der völlig überflüssige Boulevard-Rückblick zeigt, wie gering der Anspruch ans Entertainment heute ist. Und wie die Moderatoren damit verdienen.

Von Jan Freitag


Es ist wie so oft in der Geschichte: Humor lässt das Grauen nicht nur leichter erdulden. Man kommt ihm damit auch näher.

Um also Oliver Geissen zu ertragen und zu verstehen, eignet sich die ProSieben-Comedy "Switch" am besten.

RTL-Moderator Geissen
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RTL-Moderator Geissen

"Für meine nächste Sendung suche ich Leute, die aus ökologischen Gründen mit Bus und Bahn zum Straßenstrich fahren" - so parodiert Max Giermann den RTL-Moderator in dessen Mimik, Outfit und Vokabular. Außerdem brauche er für die "Oliver Geissen Show" Menschen, die "mich lieben. Mit anderen Worten: Asis, denen ich im wahren Leben die Hand nicht mal mit der Kneifzange reichen würde".

Was als bloße Persiflage gemeint war, erklärt den Persiflierten besser als jede Vita. Denn in 39 Jahren hat er wohl meist das Gegenteil dessen getan, was ihm in seinem Innern behagt. Humanistisch gebildet, ging er zur Bundeswehr statt in den Zivildienst wie andere Hamburger Abiturienten. Statt was Anständiges wie sein Vater – Fischhändler – zu lernen, machte er Dudelfunk. Statt später beim ZDF zu bleiben, füllte er RTL-Programm für besagte Zielgruppe in Werkzeugdistanz.

An diesem Freitagabend war es wieder so weit.

Sein gefühlt 400. oder 500. RTL-Auftritt in diesem Jahr hat den Titel "Die Show der Woche mit Oliver Geissen". Sie behandelt, was dessen Kosmos in sieben Tagen für relevant erachtet. Besoffene Hochspringer etwa, Weihnachtsgebäck im Sommer, Oli Kahn, Paul Potts, Brangelina - alles, was die Masse schon kennt.

Er fragt einen Gewichtheber, ob er nach seiner Goldmedaille gut drauf war. Lässt ein Kind den Einbürgerungstest machen. Und zwischendurch langweilt uns ein blondiertes Pärchen im "Empty Room" so angestrengt beim Versuch, sich umsonst übers Internet zu versorgen, dass "Big Brother" zum Spektakel wird.

Wie viel Sendezeit mit derlei sinnfreiem Gebrabbel verbrannt wird, mag interessant sein. Aber noch interessanter ist das Ausmaß, mit dem sich beinahe alle Sender zu Bühnen der immer selben Gesichter degradieren, die ihren Mainstream auch noch selber herstellen.

Der Spaßkrake will das Land erheitern

In diesem Fall ist es Oliver Geissens Firma Norddeich TV, die neben dem täglichen Krawalltalk auch Shows und Doku-Soaps für seinen Haussender RTL erstellt, der mit 75 Prozent an der GmbH beteiligt ist.

Längst produzieren sich die Beckmanns, Klums, Schmidts oder Pilawas eigenhändig und gehen folglich Joint Ventures mit ihren Abspielstationen ein - was zu einem unübersichtlicheren Geflecht aus Abhängig-, Gefällig- und Verbindlichkeiten führt. Moderatoren sind eben keine Angestellten der Sender oder Honorarkräfte der Produzenten mehr, sondern vor allem Geschäftspartner.

Stefan Raab zum Beispiel hält ein Viertel der Brainpool TV GmbH, die unablässig Personal ins Showbiz spuckt: von Pocher über Barth und Elton bis Anke Engelke - von denen die meisten Firmen wiederum zur Hälfte Brainpool gehören. Ein echter Spaßkrake, die da das Land erheitern will.

Auch auf Oli Geissens Couch saßen an diesem Freitag zwei der zahllosen Auswürfe des inzestuösen TV-Entertainments unserer Tage: Kaya Yanar von Haralds Schmidts Bonito und Thomas Godoj aus Dieter Bohlens DSDS-Imperium, der permanente Präsenz seiner "Superstars" in Boulevardmedien garantiert, die sich sodann automatisch auf den Kommentarplätzen von Geissens Mottoshows wiederfinden, um dort kundzutun, was ihnen Boney M, der Zauberwürfel oder Spreewälder Gurken so bedeutet haben im kurzen Leben.

Denn darum dreht sich heute alles: Nichtigkeiten, Trash.

Diesen Laufsteg medialer Bedürfnisbefriedigung füllt Hugo Egon Balder ebenso wie Günther Jauch, Vox wie die ARD, das Fernsehen wie die Yellowpress mit dem, was als immer bemerkenswerter gilt.

Das Reklameüberbrückungsprogramm

Und so gerinnt die Woche bei Oli Geissen eben zu einer Sammlung aus allem, was Informationen von Belang aus dem Wahrnehmungsspeicher der Zuschauer verdrängt: ein Stuhl mit kreisender Sitzfläche aus dem Shoppingkanal, dazu ein bisschen versteckte Kamera oder eine ulkige Synchronisation über den Stimmen von Tokio Hotel. Das ist viel näher dran an Atze Schröder, als Oli Geissen denkt.

Der ließ im Anschluss übrigens den Sommer Revue passieren und dekorierte es mit Gästen, die auch in Olis "Show der Woche" Platz fänden: von Cindy aus Marzahn bis JBK, zu Themen wie Beckers Verlobung und Schweinsteigers Freundin.

Das ist zwar selten komisch, definiert sich aber wenigstens nicht journalistisch. Oli Geissen schon, deshalb mischt er auch ein wenig Hurrikan und Müntefering unter all die Geschichtchen, die längst bei Explosivtaffbrisant gelaufen sind.

Mit Oli kann man eben die Sau rauslassen, aber auch mal reden. Den Oli duzt man, er duzt ja auch alle und ohnehin alles unglaublich, irre, geil. Oli verkauft sich mit dieser Beliebigkeit bestens.

"So, ihr Lieben", schließt Max Giermann bei "Switch" seine Parodie, "wir gehen mal kurz in die Werbung, ihr könnt kurz was trinken, aufs Klo gehen, geht gleich weiter, bis dann, tschühüs."

Denn viel mehr als Reklameüberbrückungsprogramm macht Oli Geissen nie.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
flutschfinger 06.09.2008
1. jawoll
Jetzt geht die übliche Diskussion wieder los: 1. Schaue ich mir gar nicht an, lohnt sich also nicht, Worte drüber zu verlieren 2. Der Artikel spricht mir aus der Seele - viel zu viel Müll im Fernsehen 3. Was soll das ganze Genöle bei SPON immer, wir brauchen auch mal seichte Unterhaltung bei all dem Unglück in der Welt, darum höre ich neben Pur auch gerne mal Oli Geisen. Ich persönlich schlage mich mal auf Seite 2. und bedanke mich für die kurzweiligen Artikel beim Spiegel (über Mario Barth, Oliver Pocher und wie die ganzen Amöben auch immer heißen mögen), denn "wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, dann werfen auch Zwerge lange Schatten"
Schlabund, 06.09.2008
2. Tittytainment
Zitat von sysopKaum ein Tag, an dem Oliver Geissen nicht bei RTL irgendwas Belangloses präsentiert - nun auch noch "Die Show der Woche". Der völlig überflüssige Boulevard-Rückblick zeigt, wie gering der Anspruch ans Entertainment heute ist. Und wie die Moderatoren damit verdienen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,576659,00.html
Ist halt alles Tittytainment
PML, 06.09.2008
3. Nicht über TV aufregen! TV ist tot.
Naja, das Medium Fernsehen ist eigentlich tot, seit mehreren Jahren schon. Denken Sie denn wirklich, die Menschen, die von Oliver Geissen und Co. für den Abschaum gehalten werden, würden Oliver Geissen und Co. überhaupt noch als existent registrieren? Das wäre schon traurig. Wann trifft ein Durchschnittsmensch auf diese Sendungen und diese Sender. Richtig: Tagsüber, wenn er krank ist. Nachts, wenn er mal an Schlaflosigkeit leidet. Da sie nicht erträglich sind, werden sie sofort wieder ausgeschaltet. Das Medium Fernsehen ist m.E. seit etwa fünf Jahren komplett vom Medium Internet abgelöst worden, zumindest, was die Suche nach lebensrelevanter Information betrifft. Zumindest, was (relativ) demokratischen Zugang zu Information betrifft. Falls im TV noch Interessantes läuft, läuft es per Zufall auf einem öffentlich-rechtlichen Sender. Allerdings extrem gut versteckt im Nachtprogramm. Somit ist sichergestellt, dass es niemand guckt, der es würde gucken wollen.
magicfiete 06.09.2008
4. TV Tristesse
... sensationeller Artikel! Jan Freitag hat es auf den Punkt gebracht. Es ist traurig wo das Fernsehprogramm, insbesondere das Freitagabendprogramm, angekommen ist. Und noch trauriger ist es, dass man sich dabei ertappt, bei diesen "Trash"-Sendungen hängen zu bleiben.
stesoell 06.09.2008
5. Aha
Neuer Artikel auf SpOn: Auf der Suche nach Inhalt. Oder wie ich Page-Views und Ads lieben lernte ....
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