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Neue Image-Kampagne: Berlin ist eine Sprechblase

Von Barbara Bollwahn

"Sei Kiez, sei Kult, sei Berlin" - mit lockeren Sprüchen will Berlin zur Marke werden. Die verarmte Hauptstadt schmückt sich seit heute mit einer millionenschweren Image-Kampagne: "be Berlin" setzt vor allem auf das Mitteilungsbedürfnis lokalpatriotischer Spree-Bürger.

Monatelang galt höchste Geheimhaltungsstufe. Wie ein Beichtgeheimnis wurde der Spruch gehütet, mit dem Berlin ab heute in Deutschland und später in der ganzen Welt für sich werben will. Als vor wenigen Wochen durchsickerte, dass die deutsche Hauptstadt mit den acht Buchstaben "be berlin" ihr Image vermarkten will, hüllte sich der Senat in eisernes Schweigen.

Wer gehofft hatte, dass die englische Aufforderung, ab jetzt eine Stadt zu sein, doch nicht das Rennen gemacht hat, wurde bei der heutigen offiziellen Vorstellung der neuen Hauptstadtkampagne enttäuscht. Tatsächlich will sich die Stadt mit diesem Slogan samt dem herkömmlichen Brandenburger-Tor-Logo verkaufen. Berlin als "City of Change", als Stadt im Wandel, ist längst beim Patentamt eingetragen und geschützt. Nun will Berlin eine Marke werden. Das lässt sich die mit 60 Milliarden Euro verschuldete Stadt zehn Millionen Euro kosten.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) lüftete das Geheimnis um 12.30 Uhr im Großen Saal des Roten Rathauses vor etwa 300 geladenen Gästen, darunter Senatsmitglieder und jede Menge Vertreter aus der Wirtschaft, die alle Berlin sein wollen. Wowereit, bisher bekannt für seine zwei Aussprüche "Ich bin schwul und das ist auch gut so" und "Berlin ist arm, aber sexy!", brauchte eine gute halbe Stunde und eine zwölfseitige Rede, die erstmals live im Internet zu verfolgen war, um die zwei Wörtchen "be Berlin" auf den Punkt zu bringen: "Viele Städte und Länder machen Imagekampagnen. Die meisten sind Erfindungen von Werbefachleuten und Marketingagenturen", sagte er. "Wir machen das anders. Wir bauen auf die Berlinerinnen und Berliner."

Ab sofort ist also jeder aufgerufen, für seine Stadt zu werben. Denn auch wenn Berlin im Ausland als cool und hip gelte, so Wowereit, sei der Funke noch nicht auf die ganze Stadt übergesprungen. Deshalb lautete sein Appell: "Seid mit ganzem Herzen Berliner. Ihr alle seid wichtig. Auf Euch kommt es an!" Am kommenden Samstag wird die Deutsche Post, der erste große Sponsor der Kampagne, 1,4 Millionen Berlinern eine Karte aus dem Rathaus zustellen. "Sie sind Berlin. Schreiben Sie uns Ihre ganz persönliche Berlin-Geschichte und werden Sie so Botschafter für unsere Stadt!" Nach einer redaktionellen Prüfung werden sie auf der Internetseite www.sei.berlin.de zu lesen sein, die seit heute morgen 10 Uhr online ist.

Eher Schweizer Nationalmythos

Die ersten vier Berlin-Botschafter traten gestern in einem Film und live auf. Da ist Tim Raue, von Wowereit vorgestellt als "der Starkoch, der es von der Straßengang in SO 36 zum kulinarischen Direktor der Adlon Gruppe gebracht hat". Oder Alexandra Knauer, die mit ihrem Zehlendorfer Familienunternehmen, einem wissenschaftlichen Gerätebau, Erfolg auf dem Weltmarkt hat. Ihre Firma hat unter anderem ein Gerät zum Durchführen von Urindopingproben bei Kamelen entwickelt, das sich bei den Scheichs höchster Beliebtheit erfreut.

Zur Botschafterin gekürt wurde auch die Schülerin Ajescha Prozell, die bei "Jugend forscht" Bundessiegerin in Biologie wurde. Sie hat mit Hilfe von Schlupfwespen ein Verfahren zum Aufspüren von Umweltgiften entwickelt. Die einzigen, die etwas aus dem Rahmen der Erfolgsgeschichten herausfallen, sind ein Schüler und eine Schülerin von der Neuköllner Rütlischule, die im vergangenen Jahr als Ort unkontrollierbarer Gewalt in die Schlagzeilen geriet und dann zur Vorzeigeschule samt eigener Modekollektion wurde. Als sie Klaus Wowereit ein rotes T-Shirt mit dem weißen Aufdruck "Rütli" überreichten und Dutzende Kameras klickten, sah es eher nach dem Schweizer Nationalmythos aus als nach der neuen Hauptstadtkampagne.

Begleitet wird der "be Berlin"-Slogan, der "I love New York" oder "I amsterdam" nacheifern will, von eckigen roten Sprechblasen, sogenannten Kampagnen-Headlines in Kleinbuchstaben. "sei jung, sei forsch, sei berlin". "sei unikat, sei delikat, sei berlin". "sei straße, sei laufsteg, sei berlin". "sei kiez, sei kult, sei berlin". "sei gleich, sei anders, sei Berlin". Diese und andere Sprüche werden in den nächsten Tagen auf tausende Gratispostkarten, Plakate, Stellwände und Riesenposter gedruckt.

Wowereit: "Es gibt schon Trittbrettfahrer"

Beginn der Hauptstadtkampagne war im Mai 2007 die Entwicklung einer "Strategie zur Positionierung und Kommunikation des Standortes Berlin". Im August vergangenen Jahres konstituierte sich das "Berlin Board", ein Gremium aus 16 Personen aus Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft, das unter der Leitung des Regierenden Bürgermeisters den Geist Berlins "kondensieren" soll. Zu den Auserwählten gehört neben dem Springer-Chef Mathias Döpfner, der MTV-Chefin Catherine Mühlemann oder dem Architekten Hans Kollhoff auch Werner Wennig, Vorstandsvorsitzender der Bayer AG. Die hat den Berliner Pharmakonzern Schering geschluckt und damit schon mal gezeigt, wie man Berlin international am Markt positioniert. Oder Frank Schirrmacher, Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Die "FAZ" hat ihre originellen und hochgelobten Berlin-Seiten aus Spargründen schon vor Jahren eingestellt.

Klaus Wowereit schloss seine Worte zur Präsentation der Hauptstadtkampagne mit einem Zitat von Theodor Fontane. "Vor Gott sind eigentlich alle Menschen Berliner." An einer einzigen Stelle war er von seinem Manuskript abgewichen. "Es gibt jetzt schon Trittbrettfahrer, bevor die Kampagne gestartet ist", sagte er mit leicht ironischem Unterton.

Direkt gegenüber vom Rathauseingang, über dem seit heute Mittag eine riesige Sprechblase hängt "Sei Stadt, sei Wandel, sei Berlin", steht eine ebenso große Stelltafel auf einem Auto-Anhänger. "Be Berlin, be Tempelhof". Gegner der vom Senat beschlossenen Schließung des innerstädtischen Flughafens fordern als selbsternannte Berlin-Botschafter dazu auf, beim Volksbegehren zur Offenhaltung Tempelhofs mit Ja zu stimmen.

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