Neue Krimis bei RTL Zur Sache, Schätzing!

Er ist der Schwarm unzähliger Thriller-Fans: Frank Schätzings Bücher sind gut recherchiert, süffig geschrieben - und alle Bestseller. RTL verfilmte nun zwei seiner Spannungsromane - leider auf kriminell unterschiedlichem Niveau.


Die Schlüsselszene in "Die dunkle Seite" erinnert von Ferne an die Ausgangslage des Kinofilms "No Country For Old Men": Jemand gerät in unwirtlicher Landschaft auf einen scheinbar verlassenen Kampfschauplatz. Inmitten zerschossener Autowracks und Leichen entdeckt er den Gegenstand der Auseinandersetzung. Er wird von Angreifern überrascht, kann sich und die Beute nur mit knapper Not retten. Die Schatten des Ereignisses aber werden ihn bis an sein Ende verfolgen.
Anders als im Oscar-gekrönten Neo-Western der Coen-Brüder handelt es sich in "Die dunkle Seite", der ersten von zwei RTL-Adaptionen eines Frank-Schätzing-Romans, allerdings nicht um einen einzelnen Desperado. Hier sind es drei Söldner, die im Irakkrieg 2003 auf einem vermeintlich verwaisten Schlachtfeld in einen Hinterhalt gerieten.

Danach trennten sich ihre Wege, und nun, Jahre später, sucht einer von ihnen einen der Kameraden von damals. Er beauftragt die Privatdetektivin Vera Gemini, die in der Folge mit den vagen Angaben des Mannes zu kämpfen hat, jedoch von seiner Ausstrahlung fasziniert ist und beginnt, die Umstände der damaligen Ereignisse zu recherchieren.

Effekte und Affekte

Immer wieder umkreist der Film, der die Gegenwartsebene der Romanhandlung von Köln nach Berlin verlegt, diese Schlüsselszene (die in der Buchvorlage im Kuwait des ersten Golfkriegs spielt). Mehrfach visualisieren Rückblenden die Geschehnisse, und Regisseur Peter Keglevic gönnt sich – nicht nur dabei – ein paar inszenatorische Mätzchen: effekthascherisches Einfrieren des Bildes etwa und Datumseinblendungen, die außer dem Suggerieren von Dramatik keine Funktion haben.

Und doch zieht einen die Story in ihren Bann, muss man am Ende zugeben, dass der Film einen 90 Minuten spannend unterhalten hat. Dieses Verdienst gebührt nicht zuletzt der Multikulti-Besetzung: Der Deutsch-Kroate Misel Maticevic spielt als undurchsichtiger Klient Simon Bathge einmal mehr genüsslich seinen virilen Schwerenöter-Charme aus; Deutsch-Türke Hilmi Sözer gibt als Kommissar Menemenci einen launigen Konkurrenz-Ermittler. Sicher kein Zufall, dass beide Darsteller mit Regisseur Keglevic auch an der ähnlich düsteren Sat-1-Saga "Blackout" beteiligt waren, deren Klasse hier freilich nicht ganz erreicht wird.

Allen voran aber überzeugt Melika Foroutan als Detektivin Vera Gemini. Die 32-jährige in Teheran geborene Darstellerin baut die Figur der Detektivin mit dem lateinischen Namen zur Glanzrolle aus. Mit souveräner Körperlichkeit, mal hart, mal zart lässt sie sich als Frau mit schmerzvoller Vergangenheit auf das Psycho- und Geschlechterduell mit ihrem Auftraggeber ein – und auf einen Wettlauf mit der Polizei, der sie selbst einst angehörte.

Sie kämpft, sie boxt, sie liebt – auch Letzteres konsequenterweise im Ring. In einer furiosen Szene begutachten die Ermittlerin und ihr Klient zunächst gegenseitig ihre Narben, bevor sie übereinander herfallen.

Foroutan überspielt die manchmal überflüssigen Sätze, die sie laut Drehbuch in ihr Diktafon sprechen muss ("Auftraggeber hält sich weiterhin bedeckt"), und schlägt aus Standard-Szenen Funken (wenn sie einem Generalmajor a. D. Informationen entlockt). Und sie ist auf so natürliche Weise sexy, dass selbst Straßen-Auftritte im Morgenmantel nicht übertrieben erscheinen.

So macht die Schauspielerin, die bisher einen kleinen Part im WDR-Drama "Wut" hatte und zum Ensemble des fantastischen ZDF-"Kriminaldauerdiensts" gehört, ihre Rolle zur Demonstration auch in eigener Sache – und Lust auf ein baldiges Wiedersehen.

Krimi ohne Nährwert

Nach dieser Ouvertüre hat es der redliche Hans-Werner Meyer als Gourmet-Kommissar Romanus Cüpper in der zweiten Schätzing-Adaption "Mordshunger" natürlich schwer. Wobei es nicht an dem Schauspieler liegt, dass der Film, immerhin im Hause Zeitsprung ("Contergan") produziert, zum Desaster geraten ist.

Weder die arg strapazierte Analogie zwischen Kochkunst und Kriminalität noch die bemüht coolen Dialoge funktionieren in dieser Farce um den Mord an einer koksenden Kölner Gesellschaftsdame. Und spätestens wenn Henry Hübchen als tatverdächtiger Witwer auch noch als dessen Zwillingsbruder auftritt, verkommt der Fall zum Schmierenstück. Dazu passt das Chargieren Bettina Zimmermanns als pseudoverruchte Flirtpartnerin des Kommissars und auch der Gastauftritt des grau-melierten Selbstdarstellers Schätzing als Bestatter.

So bleibt nach dem vielversprechendem Auftakt und der enttäuschenden zweiten Runde zum einen der Verweis auf die nächste Schätzing-Verfilmung: Die Rechte an dessen größtem Bestseller "Der Schwarm" haben sich die Zeitsprung-Inhaber Ica und Michael Souvignier sowie Uma Thurman gesichert; der Dreh ist für Anfang 2009 avisiert.

Und der Name Melika Foroutan. Wenn es nicht mit kriminellen Machenschaften zugeht, wird man den ab jetzt häufiger lesen.


"Die dunkle Seite" , Sonntag, 18.5., 20.15 Uhr, RTL

"Mordshunger", Donnerstag, 22.5., 20.15 Uhr, RTL



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
The Godfather 17.05.2008
1. ...
Die ersten Kapitel eines typischen Schätzings wecken (thematisches) Interesse. Doch stilistisch glaubte ich mich immer schnell in Groschenromanen. Das typische Ende eines Kapitel. "... er drehte sich überrascht,aber mit noch müden Augen, die ihn an den überreichen gestrigen Alkoholkomsum erinnerten (...wird ausgeführt...) um. Es kam auf ihn zu."
dude2k8 17.05.2008
2. die dunkle Seite
Wer es gar nicht erwarten kann: http://www.rtlnow.de/dunkleseite Der Film ist schon vorab auf rtl.de in voller Länge zu sehen. Und was für den Autor ein effektgeladener Film, "der einen 90 Minuten spannend unterhalten hat", ist, wirkt auf mich eher wie die 90-Minuten-Ausgabe einer Mischung aus Alarm für Cobra 11 und CSI-Miami (für Arme). Die Dialoge sind zum Teil haarsträubend und die Sätze, welche die Hauptdarstellerin in ihr Diktiergerät spricht, wirken in etwa so aufgesetzt wie das joviale Dauergrinsen eines DSDS-Kandidaten. Zudem nerven ständige CSI-Faceshots á la David Caruso, die anscheindend keinen anderen Zweck erfüllen, als die dünne Story in die Länge zu ziehen, um auch auf 90 min Handlung zu kommen (anders lässt sich die Anzahl nicht erklären). Auch wirken die - laut Autor spannungsfördernden - Effektblenden (da hat sich eindeutig jemand bei "24" bedient) eher störend, da sie weder der dünnen Handlung auf die Sprünge helfen, noch in dieser Anzahl als wohldosiertes Stilmittel wirklich Spannung erzeugen. Also am Sonntag lieber etwas Anderes gucken...
Haio Forler 18.05.2008
3. .
Zitat von sysopEr ist der Schwarm unzähliger Thriller-Fans: Frank Schätzings Bücher sind gut recherchiert, süffig geschrieben - und alle Bestseller. RTL verfilmte nun zwei seiner Spannungsromane - leider auf kriminell unterschiedlichem Niveau. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,553734,00.html
Schrank Fätzing's "Schwer Darm" ist schon gut. Aber welche Verfilumug ist nicht schlechter als die Vorlage ?
donjujan 19.05.2008
4. Dunkler Schätzing
Interessante Sicht, einen der schlechtesten Krimis, die je auf einem offiziellen Fernsehkanal liefen, als insgesamt gelungen darzustellen. "Die dunkle Seite" ist dramaturgisch völlig überfrachtet, biedert sich mit zappeliger Bildsprache an colasüchtige Internetjunkies unter 16 an und ist in 80 % aller Szenen so gnadenlos unrealistisch, dass Bugs Bunny zur Dokumentarserie wird. Da hat sich der Autor wohl von der sexy Hauptdarstellerin verwirren lassen, die zwar in der Tat vergleichsweise hot, erzwingt das aber ausschließlich über ihr Outfit und aufgesprühte Schweißßerlchen. So wirkt Sexualisierung eben bei RTL... In einem aber hat der Autor recht: Der zweite Teil der Schätzing-Reihe Mordshunger ist noch schlechter als der erste. Dafür gebührt RTL wirklich Respekt!
ignatz 19.05.2008
5. Manchmal sollte man's einfach lassen...
Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen: Habe das Buch gelesen und mich nach der Lektüre des Spiegel Online-Artikel entschieden, 'Die dunkle Seite' anzuschauen. Dies stellte sich dann als Fehler heraus. Auch wenn die Schauspieler vielleicht alle toll waren (hätte ich jetzt spontan nicht gedacht, aber der Autor hat möglicherweise doch - wenigstens dafür - ein Auge), war dieser Film unterirdisch. Echt erstaunlich, wie man so eine Verfilmung vermasseln kann; ich dachte mir nur: typisch deutsche Produktion, mit allem was dazu gehört: Lahme Actionszenen (erinnerte mich ebenfalls an hochwertige Serien wie Cobra 11 oä), grauenvolle Kulissen, keine herausragenden Darsteller mit dazu passenden Dialogen und eine Spannung wie bei Barbara Salesch. Was den Autor geritten hat, diesen Film zu empfehlen, bleibt mir ein Rätsel. Hoffentlich wird 'Der Schwarm' besser verfilmt. Ansonsten sollte man's vielleicht besser lassen mit dem Verfilmen.
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