Neue Le-Corbusier-Kirche: Eleganz aus Wucht und Weichheit

Aus Firminy berichtet Stefan Simons

Le Corbusier gilt als Vordenker des modernen Städtebaus - doch sein letzter Entwurf, eine spektakuläre Beton-Kirche in einer französischen Kleinstadt, wurde nie fertig gestellt. Jetzt, mehr als 40 Jahre nach seinem Tod, wird "Sainte Pierre" endlich eröffnet.

Der Ort des urbanen Wunders verbreitet ländliche Idylle: Firminy ist eine blumengeschmückte Kleinstadt, eingebettet in die Hügel unweit der Loire-Quellen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein schmauchender Industrieschwerpunkt mit Kohlebergwerken und Eisenschmelzen, verbreitet Firminy mit seinen 19.000 Einwohnern heute eher den provinziellen Charme einer Schlafstadt im Einzugsgebiet des benachbarten Saint Etienne.

Unweit des Rathausplatzes mit Fußgängerzone und bürgerlicher Wohnbebauung liegt der Ortsteil mit dem Attribut "Vert": Eine ordentlich begrünte Siedlung, eingebettet in den abfallenden Hang; auf der einen Seite der Arena akkurat aufgereihte Einfamilienhäuser, gegenüber gestaffelte Wohnblocks und mehrstöckige Hochhausfassaden, die gerasterten Fensterfronten fast durchweg von spiegelnden, farbkodierten Panelen überzogen - graue Platte mit bunter Plaste.

Die architektonische Überraschung liegt im Zentrum des natürlichen Amphitheaters: Ein Konus aus Sichtbeton, ein Turm, die Kanten abgerundet und nach oben spitz zulaufend; aus dem abgeschrägten Dach ragen, beinahe wie Schornsteine, ein Quadrat und ein Zylinder hervor. Der Bau, vergleichbar dem Kühlturm eines AKW oder den Aufbauten eines U-Bootes, ist die letzte Schöpfung des 1965 verstorbenen Architekten Le Corbusier - Firminys gerade eröffnete Kirche "Saint Pierre".

"Testament in Beton" nennt Jean-Louis Cohen, Historiker und Kenner des künstlerischen Multitalents die posthume Fertigstellung. "Der Kirchenbau ist nicht nur als architektonische Einzelleistung von enormer Bedeutung", so der Autor der jüngsten Le Corbusier-Biographie: "Firminy bildet jetzt den wichtigsten Werkkomplex Le Corbusiers in Europa."

Vordenker des modernen Städtebaus

Geboren wurde der Wahlfranzose 1887 als Charles-Édouard Jeanneret in Chaux-de-Fonds, dem damaligen Zentrum der Schweizer Uhrenindustrie. Örtliche Kunstlehrer fördern seine Begabung als Zeichner, Maler und Möbeldesigner. Schon mit 19 Jahren baut er sein erstes Haus - ein noch ziemlich traditionelles Chalet. Danach reist er mit Skizzenblock und Fotoapparat fünf Jahre quer durch ganz Europa, besucht antike Stätten ebenso wie die Konstruktionsbüros der damaligen Avantgarde und lässt sich 1917 in Paris nieder. Unter dem Pseudonym Le Corbusier macht er sich bald als Maler, Architekt und Vordenker des modernen Städtebaus einen Namen.

Zugleich brillanter Schriftsteller, Bohemien und provokante Figur der Kulturszene, gilt Le Corbusier binnen Jahren als Star der französischen Architektur; doch trotz seiner wachsenden Reputation bleiben die erhofften Großaufträge aus. Beeinflusst vom Bauhaus in Weimar baut Le Corbusier eine Siedlung in Bordeaux, Wohnhäuser für die Pariser Elite, einen Verwaltungskomplex in Moskau oder das Erziehungsministerium in Rio de Janeiro. Seine modernen urbanen Gesamtkonzepte kann der Weltreisende in Sachen Städtebau jedoch nicht verwirklichen.

Erst nach dem Krieg kann Le Corbusier in Marseille eine Wohneinheit ganz nach seinen Ideen bauen. Der Hochhausriegel aus vorgefertigten Betonelementen addiert sich aus verschieden kombinierbaren Einheiten, die pfiffige Einrichtung inklusive. Dank integrierter Einkaufsetage und Grundschule sind hier die sogenannten menschlichen Hauptfunktionen vereint: "Wohnen, Arbeiten, Fortbewegung sowie Ertüchtigung von Körper und Geist".

Umstrittene "Wohnmaschinen"

Die Realisierung der in der Öffentlichkeit umstrittenen "Wohnmaschine" bleibt, in Frankreich jedenfalls, Episode. Während Le Corbusier in New York den Entwurf des Uno-Sitzes mitentwickelt und in Indien ganze Städte entwirft, baut er in seiner Heimat zwei Kirchen - die Pilgerkirche von Ronchamp und das Kloster von Sainte-Marie-de-la-Tourette.

Umso freudiger ergreift er die Chance, als ihm der Bürgermeister von Firminy, Eugène Claudius Petit, Anfang der fünfziger Jahre vorschlägt, am maroden Ortsrand der Arbeiterstadt seine Vorstellungen menschlichen Wohnens zu verwirklichen. Für seinen Freund, Ex-Minister für Wiederaufbau, erdenkt Le Corbusier eine großzügige Siedlung, bestimmt von Luft und Licht, mit getrennten Wegen für Autos und Anwohner. Während andere Architekten für die Wohnblocks verantwortlich zeichnen, plant "Corbu", so sein Spitzname bei der Bevölkerung, im Schnittpunkt der Achsen ein Kulturzentrum, ein Stadium und eine Kirche - Bauten für Geist, Körper und Kult.

Verwirklicht werden freilich nur das futuristische "Haus der Kultur" und der angrenzende Sportplatz mit Tribüne; von den geplanten drei "Wohneinheiten" wird nur eine gebaut. Im Mai 1965, die Pläne für "Sainte Pierre" werden gerade überarbeitet, stirbt der Meister.

Ein Verein übernimmt die Verantwortung und beauftragt José Oubrerie, einen Mitarbeiter Le Corbusiers, mit der Fertigstellung. Erst im Frühjahr 1970 wird der Grundstein gelegt, drei Jahre später beginnen die Arbeiten der beiden Untergeschosse, ursprünglich vorgesehen als Gemeindebüro. Doch dann gerät das Vorhaben zum Zankapfel von Parteien und Lokalpolitikern, die katholische Kirche zieht ihre Unterstützung zurück, immer wieder unterbricht Finanznot die Arbeiten; zwanzig Jahre lang bleibt Le Corbusiers Erbe im Zentrum von Firminy, nicht mehr als ein zugemauerter Hohlraum aus gammelndem Beton.

Architektonisches Vermächtnis

Erst seitdem sich das benachbarte Saint Etienne als Design-Metropole Frankreichs zu profilieren sucht, wird Le Corbusiers "Unvollendete" wieder entdeckt. Nach 2003 bekommt die Fertigstellung der Bauruine gar den Rang eines regionalen Prestigeprojektes. Zwar verträgt sich eine öffentliche Finanzierung nicht mit Frankreichs laizistischen Grundsätzen; seit 1905 verbietet das Gesetz staatliche Mittel für religiöse Neubauten. Doch der Sakralbau wird flugs zum "architektonischen Erbe" erhoben und "Sainte Pierre" von der Kult- zur Kulturstätte umdeklariert.

Der fertige Bau im Herzen von Firminy bleibt jedoch auch ohne katholischen Segen eine Kirche. Oben auf dem schrägen Dach, wo quadratische und runde "Lichtkanonen" die Strahlen der Sonne ins Innere des Betonkonus lenken, ziert ein schlichtes Metallkreuz den angeschnittenen Kegel. Den Innenraum, nur indirekt durch Schlitze erhellt, bestimmen Kanzel, Kapelle und Hauptaltar; dahinter, an der Ostseite, fällt Licht durch drei Dutzend faustgroßer Öffnungen - die Zylinder aus massivem Plexiglas, eingelassen in die 22 Zentimeter dicke Betonwand, fügen sich zum Sternbild des Orion.

"Wir haben uns, soweit möglich, bis ins Detail an die Planungsvorgaben Le Corbusiers gehalten", betont Yvan Mettaud, Landesdenkmalpfleger für die Gemeinde. Änderungen erzwangen nur neue Sicherheitsvorschriften bei Geländern, Notausgängen oder Brandschutz; für Behinderte wurde die Eingangsrampe abgeflacht und ein Fahrstuhl eingebaut. "Trotz dieser Konzessionen an veränderte Bedingungen bleibt ‚Saint Pierre’ ein werkgetreues Oeuvre", meint Mettaud und lobt die Eleganz aus "Wucht und Weichheit".

Für die Anwohner von Firminy zählt vor allem, dass der hässliche Schandfleck einer Bauruine endlich verschwunden ist. "Schön ist die Kirche geworden, modern aber schön", lobt Madame Pierrette und zeigt mit dem Gehstock auf die fließenden Formen und oberhalb des kantigen Hauptportals. "Ich erinnere mich noch an die Grundsteinlegung 1970", sagt die weißhaarige 78-Jährige, die damals im Hochhaus gegenüber wohnte. "Nach all’ den Jahren habe ich gar nicht mehr geglaubt, dass 'Saint Pierre' einmal fertiggebaut wird."


Jean-Louis Cohen: "Le Corbusier – La planète comme chantier", Ed. Textuel, 191 Seiten.

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