Neue Männermagazine Jäger und Sammler in Nadelstreifen

Ist eine Penisvergrößerung okay? Sind Visitenkarten aus Trockenfleisch cool? Gleich mit drei neuen Magazinen erkundet Gruner + Jahr eine neue Männlichkeit. Fazit nach der Lektüre: Hoffentlich laufen die in den Heften herbeiphantasierten Kerle nirgendwo frei herum.

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Business Punk

"Während sie Millionen machen, tobt eine Bestie in ihnen. Ihre Attitüde ist immer ein Whatever und mitunter ein dröhnendes, breit grinsendes Fuck You." So beschreibt ein neues Magazin aus dem Verlag Gruner + Jahr - der auch am SPIEGEL beteiligt ist - seine Klientel. "Business Punk" heißt das neue Blatt, und es ist, neben "Gala Men" und "Beef!", eine von drei Zeitschriften, mit denen Europas größtes Druck- und Verlagshaus diese Woche auf den Markt drängt - mitten in der Anzeigenkrise.

"Business Punk" und "Beef!" gehen mit einer Druckauflage von je 100.000 Exemplaren an den Start, "Gala Men" sogar mit 120.000. Entdeckt hat der Verlag den Soziotypus "Business Punk" bei einem hauseigenen Ideenwettbewerb mit dem eher ungewöhnlichen Namen "Grüne Wiese" - als neues role model für das Wirtschaftsleben. "Es ist eine innere Haltung. Es ist der Mut und die Lust loszumarschieren", heißt es im achtseitigen Eröffnungsmanifest in der ersten Ausgabe. "Laut sein, erfolgreich sein und den Erfolg zeigen."

Ein Magazin für Großkotze also? Nein, für Leute, denen "auch wichtig ist, dass der Job gut ist und Spaß macht", erklärt Redaktionsleiter Nikolaus Röttger. "In der Work-Life-Balance ist Work nicht immer nur das Böse und Life das Gute", so Röttger, der das Blatt zusammen mit seiner "Financial Times Deutschland"-Kollegin Anja Rützel erdacht hat. Und weil der Job eben manchmal besser ist als das Privatleben, finden sich in dem Heft vorwiegend arbeitswütige big player wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, Oracle-Chef Larry Ellison, Verleger Benedikt Taschen oder der Virgin-Gründer und "Godfather of Businesspunk" Richard Branson; alles crazy Nonkonformisten-CEOs, die mit Adiletten oder im pinkfarbenen Anzug zum Meeting erscheinen, in Militärbombern herumjetten und Phantastillionen scheffeln.

Visitenkarten aus Trockenfleisch

Doch die Realität in Deutschlands Büroetagen ist deutlich leisetreterischer. Kleinere Lichter dürfen sich schon dann als Businesspunks wähnen, wenn sie sich bloß nonkonformistisch fühlen: "Es beginnt mit der inneren Haltung. Mit dem leichten Aufbegehren, der inneren Unruhe, dem leisen Scheißegal. Einem Leben, das voller Arbeit ist, und einer Arbeit, die das Leben ist." In diesem heroischen Jargon sind etliche Texte gehalten. Es geht um Desktop-Rambos, die die Nächte durchkloppen, sich als Helden fühlen und heimlich von Positionen träumen, in denen sie es sich leisten können, die "weibischen Visitenkarten aus elfenbeinfarbenem Papier" endlich durch extrem männliche "Meatcards" aus Trockenfleisch zu ersetzen.

Apropos "weibisch". Wenn man ihn fragt, warum "Business Punk" eigentlich ein Männermagazin ist, antwortet Röttger: "Natürlich sind Frauen auch herzlich eingeladen, das Magazin zu lesen - und ich glaube, dass sie sich auch wiederfinden bei uns." Stimmt. Da gibt es zum Beispiel die Sekretärinnen-Miezekatzen, die im Vorzimmer sexy schnurren, weil sie erobert werden wollen. Zitat aus einem Artikel: "Ein gebellter Befehl reicht nicht mehr, damit die Sekretärin tut, was man will. Wer möchte, dass sie den eigenen Auftrag vor dem des Chefkollegen erfüllt, muss bitten. Er muss um die Gunst der Dame werben, sie hofieren, verehren - und sich dem klassischen Kampf des Mannes um eine Frau hingeben, die mehrere Verehrer hat." Natürlich sei das "ein männliches Klischee", verteidigt sich Röttger. "Umso wichtiger ist es, dass der Text von einer Frau geschrieben ist."

Und wie hältst du's mit der Penisvergrößerung?

Der "neue Mann" aus dem Hause Gruner + Jahr hat auch weichere Seiten, wortwörtlich sogar, namentlich die von "Gala Men". "Die Männer von heute sind empathisch, ohne dabei Weicheier zu sein. Das wollen wir mit 'Gala Men' abbilden", erklärt der verantwortliche "Gala"-Chefredakteur Peter Lewandowski, der sich im Editorial auch als waschechter Businesspunk outet. Beim Schreiben höre er nämlich, so ist dort zu lesen, "sämtliche bekannten Aufnahmen aller Woodstock-Künstler". "Ca. 22 Stunden, 2,5 Gigabyte, für den iPod optimiert." Work and play bis zum Umfallen halt. Außerdem in "Gala Men": Ein Professor sinniert über den "Sinn und Unsinn von Penisvergrößerungen", und der Regisseur Simon Verhoeven findet, Männer seien "immer noch archaische Wesen, die sich in der Wildnis durchgesetzt haben".

"Alte Werte machen wieder Eindruck - siezen Sie!" raunzt das Blatt seine Leser an, um sie ein paar Seiten später dann plötzlich selber zu duzen: "Investiere in einen Maßanzug", "Achte mehr auf deine Socken", "Schreibe deine Einladungen wieder mit der Hand". Ein paar Benimmregeln für Jäger und Sammler also.

Noch mehr zweifelhaften Nutzwert hat "Beef!" - mit Ausrufezeichen. Immerhin gibt's bei dem Gewinner des Gruner + Jahr-Ideenwettbewerbs Rezepte nachzukochen: Vom Vier-Gänge-Menü ("Wir haben sie fünfmal Probe gekocht.") bis zum Mozzarella-Rezept ("Mit dieser Anleitung werden Sie im Freundeskreis unsterblich").

Doch auch hier gibt die aufwendige Kulinaristik Anlass, die Überlegenheit des Mannes zu feiern, natürlich mit Augenzwinker-Attitüde, erkennbar an Überschriften wie "Kochen mit Eiern". Chefredakteur Jan Spielhagen beschreibt gleich im Editorial männerbündisches Intimleben: "Drei-, viermal im Jahr treffen wir uns mit Jörn, Thomas, Fabian und Matze zum Kochen bei mir. Meine Frau geht dann aus. Das sind so Abende, an denen wir keine Kompromisse machen." Echte Kerls, die kompromisslos die Nacht lang debattieren, "ob wir lieber mit Induktion oder mit Gas kochen, von welchem Jäger der Rehrücken war, wo es die besten Ölmühlen gibt, welcher Lieferant guten Safran kocht und warum man mit Frauen besser nicht kocht". Doch, doch, auch mit Frauen könne man sich an den Herd stellen, erklärt Spielhagen auf Nachfrage. Aber manchmal wollten Männer anders kochen: "Wir wollen mit beiden Händen in einen toten Vogel greifen und uns keine Gedanken über zu schwere Desserts machen. Das geht mit Männern besser."

Hedge-Fonds-Manager mit Irokesenschnitt

Und so suppt das Testosteron über 174 edel aufgemachte "Beef!"-Seiten: "Kann man eine Frau ins Bett kochen?" und ob "Männer überhaupt backen" dürfen, fragen sich die kochgeilen Stenze. Die Küche ("Feuerstelle") wird da zur therapeutischen Schwitzhütte für profilneurotische Besserverdiener: "Eine Männerkochrunde soll eine Entdeckerreisegruppe sein, keine Routinebutterfahrt mit Heizdeckenverkauf."

Bleibt die Frage: Warum erkundet Gruner + Jahr gleich mit drei Magazinen die neue Männlichkeit? Hätte es eines nicht auch getan? Vorne People-Infotainment mit von und zu Guttenberg im AC/DC-T-Shirt, in der Mitte Storys über wasserskifahrende Hedge-Fonds-Manager mit Irokesenschnitt und zum Schluss Tipps für die Elchjagd und gelungene Haifisch-Fonds. Alles in 24-Stunden-Schichten zusammengezimmert am gemeinsamen Newsdesk von "Essen & Trinken", "Gala" und den Gruner + Jahr-Wirtschaftsmedien "Financial Times Deutschland", "Capital", "Impulse" und "Börse Online", die ja bereits in einer Gemeinschaftsredaktion gebündelt sind.

Einen tollen Namen hätte das Heft auch: "Beefpunk Galabusiness". Oder "Businessbeef Galapunk". Für Mover, (Cocktail-)Shaker und Eierschaukler.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
UbuRoy 15.10.2009
1. Was für ein gequirlter Müll...
Hirnlose Würstchen in Anzügen. DAS braucht die bundesdeutsche Klientel. Büropunks. Ich lach mich tot. Für wie blöd haltet Ihr Zeitungsheinis eigentlich eure Leser? Wird langsam Zeit, das ich dem Gruner&Jahr (und damit den Spiegel) endgültig den Rücken zuwende und nur noch Mare lese. (Vielmehr gibt's in diesem Lande ja nicht mehr, was Ansatzweise lesenswert ist.) Ansonsten bleiben nur noch Comics, der Rest der Wochen- oder Monatszeitschriften hier ist ja nur noch peinlich. Und "Die Zeit" ist ja inzwischen leider auch auf dem absteigendem Ast seit die Gräfin (Gott hab sie seelig!) nicht mal mehr die Rechtschreibfehler korrigieren kann...
phboerker 15.10.2009
2. Regen
An einem trüben Herbsttag geht doch nichts über einen richtig bösen Verriss. Offenbar auch an einem solchen geschrieben... :)
Herbinho 15.10.2009
3. Darauf hat die Welt gewartet!
Zitat: "Das wollen wir mit 'Gala Men' abbilden", erklärt der verantwortliche "Gala"-Chefredakteur Peter Lewandowski, der sich im Editorial auch als waschechter Businesspunk outet. Beim Schreiben höre er nämlich, so ist dort zu lesen, 'sämtliche bekannten Aufnahmen aller Woodstock-Künstler'." Lewandowski ist dann doch wohl eher ein Business-Hippie, das ist ein himmelweiter Unterschied! Ich schätze mal, es handelt sich hierbei mal wieder um drei Magazine, die kein Mensch braucht. Der Ansatz von "Beef!" klingt irgendwie herrlich naiv, da würde ich nur aus Interesse schon mal reingucken. "Business Punk" dagegen kommt mit einer dermaßen primitiven Attitüde daher, dass es einen abstößt. Bin da aber vielleicht auch nicht die Zielgruppe, habe das FDP-Wählen auch dieses Jahr wieder anderen überlassen. Zu "Gala Men" fällt mir nicht viel ein, klingt eher nach einem Aprilscherz als nach einem realen Magazin. Aber schon mutig, bei der heutigen Werbesituation immer neue Magazine Markt zu werfen...
Bala Clava 15.10.2009
4. Too big to bear
Ein echter Business-Gala-Punk denkt über eine Penisverkleinerung nach - weil er das Gejammere und die Beschwerden satt hat. Schließlich ist man Frauenversteher und kein Sadist. Dr. Mang soll das schon im Angebot haben. Insofern liegt "Geh plus Jott" mal wieder haarscharf neben dem Trend. Ich gebe den Blättern drei Monate bis ein Vierteljahr. Dann kommen keine Anzeigen mehr, und 25 Leute werden wieder im Haus herumversetzt. Trial and Error war schon immer ein G+J-Prinzip. Mit der Betonung auf "Error".
delta058 15.10.2009
5. ?
Zitat von Bala ClavaEin echter Business-Gala-Punk denkt über eine Penisverkleinerung nach - weil er das Gejammere und die Beschwerden satt hat. Schließlich ist man Frauenversteher und kein Sadist. Dr. Mang soll das schon im Angebot haben. Insofern liegt "Geh plus Jott" mal wieder haarscharf neben dem Trend. Ich gebe den Blättern drei Monate bis ein Vierteljahr. Dann kommen keine Anzeigen mehr, und 25 Leute werden wieder im Haus herumversetzt. Trial and Error war schon immer ein G+J-Prinzip. Mit der Betonung auf "Error".
Ähm "drei Monate bis ein Vierteljahr"?
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