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Neue Schreinemakers-Show: Plauderei in den Abgrund

Von Jan Freitag

Margarethe Schreinemakers ist zurück – leider nicht in gewohnt empathischer Heulsusen-Manier, sondern in einer billigen Chatshow bei 9Live, die ihr Niveau auch noch im Titel trägt: "Schreinemakers 01805 100 232". Welch ein Abstieg.

Gefallene Engel haben eine seltsame Anziehungskraft. Britney Spears und Michael Jackson, Axel Schulz und Christoph Daum – sie alle kamen von weit oben, fielen tief und ernteten dafür Häme, aber noch mehr Mitleid. Bei Margarethe Schreinemakers dürfte es mehr von Ersterem sein. Wer sich nach Jahren der Abstinenz mit einem Fernsehtitel zurückmeldet, der ins Telefon getippt den Abzocksender 9Live erreicht, muss eben mit Spott rechnen. "Schreinemakers 01805 100 232" klingt wie das letzte Zucken einer Gestrigen – auch wenn ihr Studio im Retro-Popstil der Gegenwart schillert.

Chatterin Schreinemakers: Gewitter wechselnder Mimiken
9Live

Chatterin Schreinemakers: Gewitter wechselnder Mimiken

Dieses Studio nennt sich Chathouse und soll die Schnittstelle der neuen Medien zu den alten bilden. Ein Forum für Menschen mit digitalen Konversationsgewohnheiten, um mit dem Alphatier des Emotainments über Gott und die Welt zu reden. Warum auch nicht? Immerhin war Schreinemakers bereits das Bindeglied zwischen altem und neuem Fernsehen, der erste Superstar des Privatfernsehens, "Rädelsführerin" - wie die "Welt" sie kürzlich nannte - "der Masse Mensch". Genau die dürfte ihr nun fernbleiben.

Denn leicht überschminkt wie immer, ein Oberteil Typ Autoscooter-Girlie, tiefer Ausschnitt, die Zähne gewohnt zusammen beim Reden, saß Schreinemakers am vergangenen Donnerstag mit Headset am Schreibtisch und langweilte sich wohl noch mehr als Anrufer, Gäste und Publikum. Aber so läuft es nun mal im Chatroom: Man tauscht Belangloses aus, das erst nach längerem Kontakt in Kommunikation mündet. Womöglich. Doch ganz sicher nicht in 45 Minuten.

Reklame vor laufender Kamera

Trotzdem versuchte die neue Schreinemakers gleich drei Themen abzuarbeiten, die sonderbar an ihre alten erinnern: Stalking, Ehekrisen, Partnersuche. Ein Psychologe war da, ein Einsamer, ein Ex-Fernsehstar, die Versatzstücke vernetzter Freizeitchoreografie also. Und in den langen Pausen nichtssagender Plaudereien peitschte ihre Gastgeberin das gewohnte Gewitter wechselnder Mimiken in die Kamera.

Mitte der Neunziger war das ihr Markenzeichen. Da trieb die solariumsbraune Krefelderin das junge Kommerzfernsehen mit "Schreinemakers live" zu einem Höhenflug, der ihr nicht nur den Titel "Sozialdomina" einbrachte, sondern auch den einer Quotengarantin.

Wie hoch es damals ging, ließ sich noch einmal bei der Vorstellung ihrer neuen Show erahnen: Dutzende Journalisten besichtigten vor einigen Wochen Schreinemakers Anwesen im belgischen Eupen, wo die Telefondrähte von "01805 100 232" angeblich Tag und Nacht zusammenlaufen. Oben, unterm Dach. Dort durfte also Dr. Manuel Tusch die Frage nach dem Grund für hohe Scheidungsraten mit der sensationellen These beantworten, dass alte Familienmodelle bröckeln. Dort durfte die Mini-Playback-Show-Moderatorin Marijke Amado unter dem Vorwand einer betrogenen Liebe etwas Reklame für ihr Buch betreiben und – hoppala! – einer Anruferin verraten, wo und wann sie mal wieder im Fernsehen zu sein wird.

Fakes auf Ansage?

Das war so derart unverhohlen geplante PR, dass man sich bei einer der dubiosen Beratungsleitungen wähnen konnte, die Horoskope nach 0190er-Tarif oder Energieströme für 50 Euro verhökern. Immerhin lag der Verbindungspreis bei sozialverträglichen 14 Cent pro Minute für das, was der 9Live-Abspielsender Neun TV einen "großen virtuellen Stammtisch" nennt. Wo also die Neu-Kollegin von Ex-Containerbewohnern und halbnackten Quizhupen die Generation vernetzter Stubenhocker zum Fernsehen locken soll.

Zu dumm, dass fast nur reifere Semester anriefen, die dann auch noch all die schönen Skripte der Regie versauten. Oder wer will, bitteschön, dem "Anrufer" Lothar glauben, dass seine Dramaturgie aus ostentativen "Tjas" und "Hmms" sowie einem Kölner Dialekt, den kein Millowitsch verstünde, ganz zufällig haargenau nach K11 oder Lenßen & Partner klang? Oder dass die 30-jährige Monika wirklich von Marijke Amado wissen wollte, ob ihr beim Verarbeiten der kaputten Ehe vielleicht – so ein Zufall! – das Buchschreiben geholfen habe? Wenn das keine Fakes waren, ist 9Live ein seriöser Fernsehsender.

Steinigung im Glashaus

"01805 100 232" ist also zunächst mal eine Art radebrechender Doku-Soap, dann eine Werbeplattform für ausgediente B-Promis, irgendwann eine billige Talkshow und ganz zum Schluss ein virtueller Kontaktraum. Da wünscht man sich doch fast Schreinemakers Brachialemotionalität von damals zurück, diese Atmosphäre faktenarmer Barmherzigkeit, von Publizistikprofessor Siegfried Weischenberg als "Schreinemakerisierung" gekennzeichnet. Das war wenigstens authentisch und unterwanderte in gewisser Weise das eigene Medium.

Galt es doch als Quintessenz erfolgreichen Fernsehens, die dessen kühle Verwertungslogik gleichsam mit echter Anteilnahme abstrahierte. Als die heute 49-Jährige damals den Berufsmacho Joachim Bürger unbefragt aus ihrer Live-Show warf, war das eine Steinigung im Glashaus, die ihrer kämpferischen Larmoyanz echte Substanz verlieh. Sie saß auf dem Gipfel der Popularität - und täte es vielleicht noch heute, hätte sie ihren kalkulierten Rauswurf am 22. August 1996 nicht zurückgenommen, als sie von Sat.1 ausgeblendet wurde, weil sie vor laufender Kamera über ihre Steueraffäre sprach.

So aber ist sie zwölf Jahre später nach einer gefloppten Abspeckshow namens "Big Diet" und der Tanzsause "Let’s Dance" beim viel verklagten, viel gescholtenen, viel zu profitablen Ratekanal gelandet. Immerhin kann dieser gefallene Engel kaum noch tiefer stürzen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
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1. Abstieg?
C-W-W, 25.04.2008
Abstieg von was? Sie gehört doch quasi zu den Wegbereitern des Unterschichtenfernsehens. Hat sich damit zur vielfachen Millionärin gemacht, ohne besondere Fähigkeiten. Mal abgesehen von der kreativen Wahl eines Steuerparadieses. Soll Sie das doch ruhig weitermachen. Interessiert zum Glück nicht mehr ganz so viele dumme Menschen wie früher.
2. Who the hell ......?
Wolfgang Jung 25.04.2008
Who the hell ist Frau Schreinemaker? Jemand aus dem Abgrund der Hölle der Vergessenen?
3. Grindhouse, nicht Chathouse
doctor manhattan 25.04.2008
Nur Quentin Tarantino kann Schreinemakers noch retten… dass hat er bei Travolta ja auchg geschaftt ;))
4. Ich glaube...
tanni95, 25.04.2008
Zitat von sysopMargarethe Schreinemakers ist zurück – leider nicht in gewohnt empathischer Heulsusen-Manier, sondern in einer billigen Chatshow bei 9Live, die ihr Niveau auch gleich im Titel trägt: "Schreinemakers 01805 100 232". Welch ein Abstieg. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,549847,00.html
sie ist letztendlich da angekommen, wo sie auch hingehört und glücklich sein wird.
5. Schreinemakers 0815 333 ... bei Kerners Keilerei
elstar 25.04.2008
Nicht zu vergessen ihre Rolle als selbstgefällige hysterische Chefanklägerin im Tribunal gegen Eva Herman während der Kerner-Sendung vom Oktober vergangenen Jahres.
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