Neue Spuren im Kunstkrimi: Das Rätsel um den verschollenen Da Vinci

Die Kunstwelt hält den Atem an: Der Forscher Maurizio Seracini glaubt, Spuren eines berühmten Gemäldes von Leonardo da Vinci entdeckt zu haben. Es gilt seit 500 Jahren als verschollen. Doch Kollegen halten ihn für einen Scharlatan - schließlich tauchte er sogar in einem Roman von Dan Brown auf.

AFP

Rom/Florenz/Hamburg - Verschwörungstheorie oder Sensationsfund? Kunsthistoriker haben in Florenz möglicherweise ein jahrhundertelang verborgenes Meisterwerk des Renaissance-Malers Leonardo da Vinci entdeckt.

Spuren der unvollendeten Wandmalerei "Die Schlacht von Anghiari" seien hinter einer Wand im Palazzo Vecchio in Florenz gefunden worden, teilte ein Expertenteam unter der Leitung von Maurizio Seracini am Montag bei einer Pressekonferenz in der Hauptstadt der Toskana mit.

Die Spuren seien mit Hilfe von winzigen Kameras und Sonden entdeckt worden, die durch die Wand im prunkvollen "Saal der Fünfhundert" durchgelassen worden seien. Mit den Spezialkameras wurden schwarze, rote, orange- und beigefarbene Farbpigmente identifiziert. Die chemische Zusammensetzung der schwarzen Pigmente ist mit denen der Mona Lisa und anderer Werke Leonardos aus dem Pariser Louvre vergleichbar, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa am Montag.

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Kunstkrimi in Florenz: Verschwörungstheorie oder Sensationsfund?
"Diese Daten sind sehr ermutigend", sagt Kunsthistoriker Seracini von der Universität San Diego. "Wir befinden uns aber noch in der ersten Phase der Forschung." Es seien noch weitere Analysen nötig, um das Geheimnis zu entschlüsseln. Die Ermittlungen im Fall Leonardo gehen also weiter.

Seit Jahren sucht eine offiziell bestellte Expertenkommission nach dem großformatigen Bild, einem etwa 4 mal 6,5 Meter großen Wandgemälde. Kommissionsleiter Maurizio Seracini verfolgt die Spur sogar seit mehr als drei Jahrzehnten. "Es gibt noch viel Arbeit, aber diese Beweise zeigen, dass wir an der richtigen Stelle suchen", sagt Seracini.

Seracini wird bei Dan Brown erwähnt

Seracini gilt als kontroverse Figur, der Wissenschaftler und sein Projekt sind äußerst umstritten. Viele Jahre lang hatte er zunächst für die Genehmigung zu den Recherchen gekämpft, die mittels moderner Technik die Existenz des Meisterwerks hinter der Mauer beweisen sollen. Der Kunsthistoriker wird sogar in dem Bestseller "The Da Vinci Code" von Dan Brown erwähnt - böse Zungen könnten behaupten, dass auch seine Forschungen eher in den Bereich der Verschwörungstheorien gehören als in jenen der Wissenschaft.

Die Geschichte des Leonardo-Gemäldes ist höchst geheimnisvoll - und über seinen Verbleib kann man bis heute lediglich spekulieren. Das Wandbild gilt seit rund 500 Jahren als verschollen. Nach Ansicht von Seracini wurde es nicht etwa zerstört, wie die meisten seiner Kollegen glauben, sondern nur zugemauert. Sollte es sich bei den nun identifizierten Farbspuren tatsächlich um Pigmente von Da Vincis Gemälde handeln, könnte Seracini eben jenes Meisterwerk entdeckt haben, das einen Sieg der Florentiner über Mailand zeigt: "Die Schlacht von Anghiari".

Weil Da Vinci angeblich die Farben ausgingen, vollendete er das etwa im Jahr 1505 begonnene Fresko offenbar nicht. Bekannt ist es dennoch: Sein Zeitgenosse und Kollege, der Maler und Architekt Giorgio Vasari, lobte das Gemälde für seine Schönheit, der flämische Barockmeister Peter Paul Rubens ließ sich ein Jahrhundert später von einer Kopie zu einer Zeichnung inspirieren.

Ist Seracinis großer Traum nur eine Schimäre?

Nach Ansicht von Seracini und seinem Team wurde das Bild im Jahr 1563 von einer zweiten Wand verdeckt - und liegt dahinter bis heute im Verborgenen. Damals wurde Florenz von den Medici beherrscht, Verbündeten Mailands. Vasari wurde beauftragt, neue Malereien für den Palazzo Vecchio zu schaffen. Doch statt Leonardos Gemälde zu zerstören, habe Vasari, ein Bewunderer des Künstlers, das Bild zumauern lassen - und auf die neue Wand sein eigenes Gemälde aufgebracht. In den siebziger Jahren hatte Seracini in zwölf Metern Höhe auf dem Fresko die Inschrift "Cerca Trova" - "Suche und Du wirst finden" entdeckt. Dies deutet er als den entscheidenden Hinweis auf den Verbleib des Gemäldes.

Um an den mutmaßlichen Da Vinci heranzukommen, hat Seracini sechs Löcher in Vasaris Fresko hineingebohrt, es trägt den Titel "Die Schlacht von Marciano" und wird etwa auf das Jahr 1565 datiert. Es handelt sich dabei um ein monumentales, durchaus bekanntes Schlachtenbild - aber eben nicht um einen Da Vinci.

Einen verschollenen Leonardo zu finden, wäre eine Sensation. Doch da es keinesfalls sicher ist, ob Seracini mit seinen Vermutungen recht behält, tun seine Gegner alles, um ihn zu stoppen. Zuletzt haben 500 von ihnen, vorwiegend Kunsthistoriker aus Europa und Amerika, eine Petition unterschrieben, um ihn aufzuhalten. In ihren Augen ist er ein Fanatiker, der mit dem Vasari ein jahrhundertealtes Bild zerstört, weil er seinem Traum von einem echten Da Vinci-Fund nachjagt (wie der SPIEGEL zu Beginn des Jahres berichtete).

Auch in Italien ebbt der Protest gegen Seracinis Vorgehensweise nicht ab, wie das britische Blatt "The Guardian" berichtet. "Dies ist eine Verschwendung finanzieller Mittel in einer Zeit, in der wir jeden Cent brauchen, um die Kunst, die wir haben, zu restaurieren", sagte der Zeitung zufolge die Präsidentin der Kulturerbe-Organisation Italia Nostra, Alessandra Mottola Molfino.

Doch Seracini hat auch Fürsprecher. Die Geographie-Gesellschaft National Geographic Society, die Forschungen auf allen wissenschaftlichen Gebieten unterstützt und deren Ergebnisse im gleichnamigen Wissensmagazin publiziert, finanziert die Suche mit 250.000 Dollar. Neue Erkenntnisse aus dem Projekt publiziert die Zeitschrift auf ihrer Web-Seite.

Ob sich Seracinis Recherchen also tatsächlich zur Sensation mausern, bleibt ungewiss. Ein kleines Wunder können Italienreisende derzeit aber in Rom auf dem Kapitolshügel besuchen. Der Vatikan zeigt dort Dokumente aus seinem gut gehüteten Geheimarchiv. Einige werden jetzt erstmals ausgestellt. In der Schau mit dem Titel "Lux In Arcana", die vom 1. März bis zum 9. September stattfindet, sind rund hundert Urkunden, Briefe und Akten aus zwölf Jahrhunderten zu sehen - darunter Schriftstücke aus den Händen von Kaiser Friedrich Barbarossa, Kaiserin Sissi von Österreich-Ungarn oder Abraham Lincoln.

bos/dpa/AFP

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insgesamt 8 Beiträge
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1. sinn?
phantomias 12.03.2012
Zitat von sysopAFPDie Kunstwelt hält den Atem an: Der Forscher Maurizio Seracini glaubt, Spuren eines berühmten Gemäldes von Leonardo Da Vinci entdeckt zu haben. Es gilt seit 500 Jahren als verschollen. Doch Kollegen halten ihn für einen Scharlatan - schließlich tauchte er sogar in einem Roman von Dan Brown auf. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,820847,00.html
Dieser ganze Kunsthype ist mir absolut unverständlich. warum wird ein Bild besser, weil es von Da Vinci gemalt wurde?
2. Na...
pelemele 12.03.2012
Zitat von phantomiasDieser ganze Kunsthype ist mir absolut unverständlich. warum wird ein Bild besser, weil es von Da Vinci gemalt wurde?
...nichts für ungut...wer sich nur ein klein wenig in der Kunstgeschichte auskennt, der kommt auf so eine Frage nun wirklich nicht...Aber vielleicht fängst Du ja gerade an, Dich mit Kunstgeschichte etwas zu befassen, weiter so!! ;O)
3.
MafiaBoss 12.03.2012
Zitat von phantomiasDieser ganze Kunsthype ist mir absolut unverständlich. warum wird ein Bild besser, weil es von Da Vinci gemalt wurde?
Leonardo war ein Genie, Künstler und Forscher. Leute wie er haben die bildende Kunst weit voran gebracht; er war seiner Zeit voraus. Heutzutage sind solche Bilder "alte Schinken" und z.B. Picassos Bilder typische "das kann doch jeder"-Bilder, nur man sollte nie vergessen dass damals eine andere Zeit als heute herrschte.
4. ...........
janne2109 12.03.2012
Zitat von phantomiasDieser ganze Kunsthype ist mir absolut unverständlich. warum wird ein Bild besser, weil es von Da Vinci gemalt wurde?
wobei Kunst eh im Auge des Beschauers liegt
5. Noch ein anderer da Vinci Krimi
günter1934 12.03.2012
Bei der Geschichte dieses da Vinci Bildes war ich persönlich dabei, da ich die drei Protagonisten schon vorher kannte. Kunstkrimi: Ein echter Leonardo da Vinci vom Flohmarkt - Nachrichten Panorama - WELT ONLINE (http://www.welt.de/vermischtes/article5286270/Ein-echter-Leonardo-da-Vinci-vom-Flohmarkt.html) Es hat sich dann herausgestellt, dass der Beweis der Echtheit eine sehr teure Sache ist, ganz abgesehen von der Lagerung des Bildes und den Versicherungen. So restlos glücklich sind die drei nicht mehr.
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