Neue "St. Pauli Nachrichten": Lustblatt mit Ladehemmung

Von

Revolution im Rotlichtviertel: Mit viel nackter Haut und linker Polemik wurden die "St. Pauli Nachrichten" zu einer journalistischen Legende. Ein Hamburger Verleger legt den 68er-Klassiker jetzt wieder auf - doch das neue Magazin ist so überraschungsfrei wie ein Striptease.

Der Mann weiß genau, was er nicht will: "Wir bringen keine Nacktfotos von irgendeiner Susi auf Mallorca und schreiben dann daneben: Zahnarzthelferin aus Dessau, 19 Jahre - und spielt gern mit ihren Bällen. Bei uns wird's nur nackt mit einer Message." Jens de Buhr, Verleger des neuen Magazins "St. Pauli Nachrichten", will also Busen nur mit Botschaft zeigen - und hat dabei eine Ära im Kopf, in der Politik mal richtig sexy war.

Ende der Sechziger trieb ein Häuflein talentierter Jungjournalisten der Republik wechselweise die Schames- und Zornesröte ins Gesicht. Mit einem Blättchen aus Hamburgs erogener Zone legten Journalisten wie der heutige SPIEGEL-Autor Henryk M. Broder, Ex-SPIEGEL-Chef Stefan Aust und der Fotograf Günter Zint den Grundstein für ihre Karriere.

Die legendären "St. Pauli Nachrichten" verbanden Linkssein mit Lust. Ein bebilderter Kontaktanzeigenteil namens "Seid nett aufeinander" bot Pretiosen der lyrischen Lustsuche wie "ju ma vita su mo to ("Junger Mann, vital, sucht Mutter und Tochter"). Und die vom 68er-Geist beseelten Schreiber hauten der Bourgeoisie satirisch-boulevardeske Kolumnen um die roten Ohren ("Sensation in Hamburg: CDU will Demokratie!", "Staatsanwalt läuft Amok: Bammel vor dem Pimmel").

Der frivole Anarcho-Mix zeitigte erstaunliche Erfolge. Das im April 1968 gegründete Blatt verkaufte bald mehr als eine Million Exemplare. Und als die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften die linken Lustschreiber lästig zu finden begann, konterten die, indem sie 1970 eine Tageszeitung gleichen Namens auf den Markt warfen, die aus rechtlichen Gründen nicht indiziert werden konnte.

Zum 40-jährigen Geburtstag des Blattes im Frühjahr dieses Jahres erinnerte sich denn auch Broder: "Wir dachten, wenn wir das Wort 'Ficken' nur oft genug schreiben, dann werden die gesellschaftlichen Fundamente schon einstürzen."

Sie stürzten nicht. Der Sozialismus hat bekanntlich bis heute nicht gesiegt, und im RAF-Kugelhagel der Siebziger ging auch der anarchische Humor der Revoluzzer unter. Parallel dazu degenerierten die "St. Pauli Nachrichten" zur reinen Sexpostille im klassischen Rein-Raus-Segment, heute geführt von Chefredakteur Jürgen Klebe.

Aufritt Jens de Buhr. Der wäre vermutlich froh, wenn Klebes "St. Pauli Nachrichten" von der Flut der Gratis-Nackedeis im Internet irgendwann weggespült werden würden. Denn de Buhr bringt jetzt ebenfalls "St. Pauli Nachrichten" heraus – mit dem Zusatz "Das Kiez-Magazin". Diese Abgrenzung ist nicht nur markenrechtlich wichtig, sondern zugleich Programm.

Mit de Buhrs Heft soll "die alte, freche Tradition der St. Pauli Nachrichten wieder aufleben." So war es im Vorfeld mit einigem Bohei angekündigt worden, und so steht es im Editorial der neuen "St. Pauli Nachrichten", die am Donnerstag erstmals als Testausgabe erscheinen, 3,50 Euro kosten und ab nächstem Frühjahr bundesweit und zweimonatlich mit einer Druckauflage von 100.000 Exemplaren herauskommen sollen.

Back to the roots also, zurück zu Revoluzzertum im Rotlicht - das klingt sexy, zumal in Hamburg, das ja trotz seines Rufes als Medienhauptstadt in Sachen qualitativ hochwertigem Lokaljournalismus eher unterversorgt ist.

Wer allerdings in die neuen "St. Pauli Nachrichten" hineinschaut, fühlt sich recht schnell wie bei einer Striptease-Show. Und deren Wesen besteht ja hierin: Der Betrachter weiß ziemlich genau, wie's weitergeht - und was da noch so kommt.

Lifestyle-Menü ohne Schärfe

Dieses Prinzip der Überraschungsarmut mag beim Entblättern eine feine Sache sein - beim Durchblättern erweist es sich als lusttötend. Die erste Ausgabe des neuen Magazins bietet einfach Kiez-Folklore: Jan Fedder, Schauspieler und ARD-"Großstadtrevier"-Gesicht, erzählt im Interview von seinem ersten Tripper. Die Boxkneipe "Ritze", bekannt aus Funk und Fernsehen, wird noch einmal besichtigt. Und für Milieu-Credibility soll ein Porträt von Inkasso-Henry sorgen, längst eher als medialer Selbstverwerter denn als echter Geldeintreiber unterwegs.

Dazu gibt’s ein FC-St.-Pauli-Quiz, eine als Trieb-Test getarnte Flirtgeschichte ("Vier Männer in zwei Stunden"), ansehnliche aber unaufregende Fotostrecken ("Sechs Höhepunkte - "erotische Gemälde neu in Szene gesetzt") und jede Menge Service (Restaurants-, Party- und Promi-Spotting-Tipps). Einzig eine Prostituiertenumfrage zum Sex-Appeal deutscher TV-Moderatoren (Kerner verliert, Pflaume dürfte ran) und einige Kleintexte verleihen dem allzu milden Lifestyle-Menü etwas Schärfe.

Mancher mag es für bittere Ironie der Geschichte halten, wenn ausgerechnet ein Mann wie de Buhr die "St. Pauli Nachrichten" in ein Lifestyleblatt verwandelt und damit - bildlich gesprochen - aus einer lüstern-linken Hure aus 68er-Zeiten eine brave Partymaus macht. Schließlich verdient der 45-Jährige sonst sein Geld mit Unternehmens-Heften wie dem "STIHL Magazin" oder "t-Mobile_life" – und das auch noch im gentrifizierten Latte-macchiato-Viertel Sternschanze, wo seine JDB Media sitzt.

Aber in Wahrheit ist es ja so: Jede Zeit hat die Zeitschrift, die sie verdient – und auch jeder Ort. St. Pauli ist längst ein Disco- und Dildo-Disneyland, wo sich neben den Sexshops schicke Medienunternehmen einmieten, und wo jedes Wochenende Busladungen aus der Provinz die so oft zitierte "sündige Meile" in ein Mini-Malle verwandeln; ein touristischer Hot-Spot eben, eine Marke, die auch von der Nutten- und Ludenromantik lebt.

Wo ist der kiffende Barack Obama?

Das weiß Verleger Jens de Buhr und ist so ehrlich, es auf Nachfrage mit der revolutionären Tradition seiner "St. Pauli Nachrichten" doch nicht ganz so ernst zu nehmen. Sicher, "ein bisschen anecken, ein bisschen frech und ein bisschen gegen das Establishment sein" wolle man ja schon. Aber Tabus brechen? "Es gibt keine Tabus mehr." Dann lieber das "Lebensgefühl zwischen Champagner und Astra-Bier" einfangen, ein "Lust- und Genussmagazin" machen.

Dafür hat de Buhr als Chefredakteurin die Lifestyle-erprobte Angela Meier-Jakobsen gewonnen. Die 29-Jährige war zuvor bei Titeln wie der "Freundin" und "Fit for Fun" und will ein Heft machen "für Männer und Frauen, zwischen 20 und 40, gut verdienend, mit Spaß am Leben und an St. Pauli".

Meier-Jakobsen gesteht denn auch ein, dass die erste Ausgabe eher etwas brav daherkommt, aber man habe ja "niemanden verschrecken" wollen. Von Sozialreportagen, die die dunklere Seite des Amüsierviertels zeigen könnten, distanziert sie sich dennoch grundsätzlich, und Politik im Heft kann sie sich nur vorstellen, wenn es menschelt. Etwa eine Geschichte über "Frau Pauli auf Pauli" oder, wie ihr Verleger ergänzt, über "Barack Obama, wenn der mal auf dem Kiez gekifft hätte."

Tja, aber leider fehlt dem Blatt genau so ein Knaller. Und so ist die erste Ausgabe des neuen Magazin in etwa so frech-frivol wie Sex in der guten alten Missionarsstellung.

Andererseits: Die erste Nummer klappt ja oft nicht so richtig gut.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
"St Pauli Nachrichten": Revolution im Rotlichtviertel