Neue Theorie um bekannten Maler Wurde van Gogh ermordet?

Die Geschichte vom Selbstmord gehört zum Maler Vincent van Gogh wie seine berühmten Sonnenblumen. Zwei Autoren schreiben jetzt in einem neuen Buch die Geschichte um. Ihre These: Der Künstler wurde umgebracht - und hat im Sterben sogar noch seinen Mörder gedeckt.

Vincent van Gogh im Selbstporträt: Wie starb der Künstler wirklich?
DPA

Vincent van Gogh im Selbstporträt: Wie starb der Künstler wirklich?

Von Lisa Goldmann


Van Gogh? Das ist doch der, der sich das Ohr abgeschnitten hat und Selbstmord beging. Das glaubten bisher auch die Kunsthistoriker: Vincent van Gogh litt unter schweren psychischen Problemen und erschoss sich 1890 im Alter von 37 Jahren. Oder doch nicht?

Ein neues Buch über den niederländischen Maler stellt jetzt die Selbstmordthese in Frage. Zehn Jahre haben die Autoren Steven Naifeh und Gregory White Smith an "Van Gogh: The Life" geforscht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass vermutlich eine oder mehrere andere Personen am Tod van Goghs beteiligt gewesen waren. Dies berichtete der amerikanische Sender CBS am Sonntag in seiner Sendung "60 Minutes", in der Naifehs und Gregorys neue Erkenntnisse vorgestellt wurden. Das Buch "Van Gogh: The Life" erscheint am Dienstag auf Englisch.

1991 gewannen Steven Naifeh und Gregory White Smith einen Pulitzer-Preis für eine Biografie des US-Malers Jackson Pollock. Sollten sie nun mit ihren Thesen über van Gogh Recht behalten, hätte das große Auswirkungen auf die Deutung der Kunstgeschichte: Van Gogh müsste in ganz neuem Licht betrachtet werden.

Selbstmord im Kornfeld

Unstrittig ist, dass der Maler sich in den Monaten vor seinem Tod in Auvers in der Nähe von Paris aufhielt, wo er einen Kreativitätsschub erlebte und jeden Tag ein Bild fertig stellte. Am Morgen des 27. Juli 1890 verließ van Gogh mit seinen Malutensilien die Auberge Ravoux Inn. Später kehrte er zurück, am Ende seiner Kräfte - mit einer Schussverletzung im Bauch, an der er zwei Tage später starb.

Bisher galt es als sicher, dass van Gogh sich in einem Kornfeld selbst angeschossen hat. Der bekannte Film "Vincent van Gogh - Ein Leben in Leidenschaft" von 1956, in dem Kirk Douglas den psychisch kranken Maler spielt, verfestigte diese Theorie.

"Die erste Ahnung, dass da etwas nicht stimmt, hatte ich, als ich mir die existierende Geschichte genau ansah. So viele Dinge waren falsch und machten keinen Sinn", sagt Smith in der CBS-Sendung. So sei der Weg vom Feld zurück ins Dorf mindestens eineinhalb Kilometer lang und für den schwer verletzten Mann kaum zu schaffen. Die Pistole, mit der van Gogh sich angeblich selbst tötete, wurde nie gefunden. Auch die Aussagen der Ärzte van Goghs, der Einschusswinkel sei für einen Selbstmord ungewöhnlich und der Schuss sei aus einer gewissen Distanz abgefeuert worden, machten die Autoren skeptisch.

Ein paar Jugendliche und eine Pistole

Die beiden glauben einer anderen Geschichte, einer, die wohl in den Jahrzehnten nach van Goghs Tod in Auvers kursierte, die aber im Laufe der Zeit in Vergessenheit geriet. Demnach wurde van Gogh von Jungen angeschossen. Diese hätten den Künstler schon länger geärgert, zum Beispiel, indem sie eine Schlange in seinem Malkasten versteckten. Van Gogh, der verzweifelt nach Gesellschaft suchte, habe dennoch Zeit mit ihnen verbracht. Am 27. Juli hätten die Jugendlichen mit der Pistole des Gastwirts des Ravoux Inn auf van Gogh geschossen. Ob es Absicht war oder ein Unfall, sei unklar.

Naifeh und Smith berufen sich unter anderem auf die Erzählungen einer Bewohnerin des Dorfes, deren Großvater zu van Goghs Zeiten gelebt hat und auf die Aussagen des 1994 verstorbenen Kunsthistorikers John Rewald, der 1930 in Auvers war und mit Zeitzeugen gesprochen hat.

Einer der beschuldigten Jungen, René Secretan, habe 1956 außerdem ein Interview gegeben, das in einem medizinischen Journal veröffentlicht worden sei. Secretan erzählte dort von seiner Bekanntschaft mit van Gogh und dass er, sein Bruder und ihre Freunde den Maler häufig geärgert hätten. Auch die Existenz der Pistole gab Secretan in dem Interview zu, allerdings sagte er auch, van Gogh habe sie ihm gestohlen und am 27. Juli hätten er und sein Bruder sich schon nicht mehr in Auvers aufgehalten.

Der Todesmüde und seine Erlöser

Kaum sind Naifehs und Smiths Thesen veröffentlicht, werden diese in der Kunstwelt auch schon wieder auseinandergenommen. Und zwar von durchaus berufener Stelle: Leon Jansen, der Kurator des Van Gogh Museums in Amsterdam, reagierte skeptisch auf das Buch. "Es bleiben nach wie vor viele Fragen unbeantwortet", sagte er am Montag. Das Material, auf das die Autoren sich beriefen, sei in der Kunstwelt schon lange bekannt; die beiden deuteten es nur anders.

Ein weiteres Indiz, das schon länger bekannt ist, dem die Autoren jetzt aber neues Gewicht verleihen, sind die überlieferten Aussagen van Goghs kurz vor seinem Tod. Auf die Frage der Polizei, ob er sich selbst habe töten wollen, sagte van Gogh: "Ich denke schon", was bisher als Beweis für seinen Selbstmord galt. Doch dann fügte er noch einen Satz hinzu, dem bislang wenig Beachtung geschenkt wurde: "Beschuldigt niemand anderen."

Auch wenn sich Naifehs und Smiths Mord/Unfall-Theorie bewahrheiten sollte - die Lebensmüdigkeit van Goghs wird dadurch nicht widerlegt. "Er hat beschlossen, die Jungs zu beschützen und seinen Tod zu akzeptieren", sagt Naifeh. "Die Kinder haben ihm einen Gefallen getan."

Mit Material von dpa

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
mischpot 17.10.2011
1. Sollte dies zutreffen?
Welche Größe und Güte!
frigor 17.10.2011
2. Geld, Geld, Geld
Zitat von sysopDie*Geschichte vom Selbstmord gehört zum Maler Vincent van Gogh wie seine berühmten Sonnenblumen. Zwei Autoren schreiben jetzt*in einem neuen Buch die Geschichte um. Ihre These: Der Künstler wurde umgebracht - und hat im Sterben sogar noch seinen Mörder gedeckt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,792221,00.html
Wieder Leute, die einfach nur Geld machen wollen. Jenes Geld, das van Gogh in seinem Leben nie hatte.
heathcliff 17.10.2011
3. Auswirkungen auf die Deutung der Kunstgeschichte?
und dann noch das: "Van Gogh müsste in ganz neuem Licht betrachtet werden." Ich dachte immer, dass sich Kunstgeschichte mit der Geschichte der Kunst beschäftigt. Die Bilder sind doch seit über 100 Jahren da, die meisten Menschen genießen sie. Ändern die sich jetzt, je nachdem wie und warum dieser großartige Künstler gestorben ist (oder sich hat Sterben lassen, um den Artikel und die "Theorie" des Buches aufzugreifen)? Und dann - ausgerechnet bei van Gogh - ein neues Licht? Ist die Sonne in seinen Bildern auf einmal eine andere, wenn er sich nicht selbst erschossen hätte, sondern sich hätte erschießen lassen? Der Tod van Gogh's hat doch sowieso noch nie zu seinen Bildern gepasst... Warum um Himmels Willen ist in der heutigen Zeit der Lebens-Stil einer Person so viel wichtiger als das, was dieser Mensch geschaffen hat?
bjelgorod 17.10.2011
4. Lebenstil
Zitat von heathcliffund dann noch das: "Van Gogh müsste in ganz neuem Licht betrachtet werden." Ich dachte immer, dass sich Kunstgeschichte mit der Geschichte der Kunst beschäftigt. Die Bilder sind doch seit über 100 Jahren da, die meisten Menschen genießen sie. Ändern die sich jetzt, je nachdem wie und warum dieser großartige Künstler gestorben ist (oder sich hat Sterben lassen, um den Artikel und die "Theorie" des Buches aufzugreifen)? Und dann - ausgerechnet bei van Gogh - ein neues Licht? Ist die Sonne in seinen Bildern auf einmal eine andere, wenn er sich nicht selbst erschossen hätte, sondern sich hätte erschießen lassen? Der Tod van Gogh's hat doch sowieso noch nie zu seinen Bildern gepasst... Warum um Himmels Willen ist in der heutigen Zeit der Lebens-Stil einer Person so viel wichtiger als das, was dieser Mensch geschaffen hat?
Weil der Lebenstil, seine Kunst beeinflusst bzw. geprägt hat. "Das Sein bestimmt das Bewußtsein" Wie schon Marx verlauten ließ ;-)
heathcliff 17.10.2011
5. van Gogh ist tot (so oder so) - die Bilder nicht
Zitat von bjelgorodWeil der Lebenstil, seine Kunst beeinflusst bzw. geprägt hat. "Das Sein bestimmt das Bewußtsein" Wie schon Marx verlauten ließ ;-)
Nochmal die eigentliche Frage: Was ändert das an den längst existierenden Bildern? Ich dachte immer, die seien die Kunst! Die Bilder hat er gemalt als er gelebt hat, nicht nach seinem Tode. Von daher kann es für die Kunstgeschichte in keinster Weise erheblich sein, ob er sich selber umgebracht hat, oder eventuell Sterbehilfe in Anspruch genommen hat. Die Bilder van Gogh's sehen aus, wie sie aussehen, daran ändern tausende von neuen "Theorien" über seinen Tod gar NICHTS! Kann ja sein, dass wir nicht all zu viel über sein Leben und Tod wissen, was aber ändern "neue" Erkenntnisse an dem Eigentlichen: seinem Werk?
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