Neue ZDF-Show Parteien wettern gegen Politiker-Casting

Noch weiß niemand, wie die Show aussehen wird, aber deutsche Medienpolitiker laufen trotzdem schon mal Sturm gegen die Pläne des ZDF, das kanadische TV-Format "The next great leader" zu lizenzieren. In der erfolgreichen Sendung werden Nachwuchspolitiker gecastet.


Hamburg - "Das ZDF kratzt an seiner Glaubwürdigkeit, wenn Debatten aus den Parlamenten kaum Platz im Programm finden, auf der anderen Seite aber Politik-Castings präsentiert werden", sagte die medienpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Grietje Staffelt, in einer offiziellen Mitteilung. Und auch CDU-Medienexperte Reinhard Grindel, früher Leiter des Brüsseler ZDF-Büros, kritisierte die Pläne seines ehemaligen Arbeitgebers: Politiker müssten mehr sein als fernsehtaugliche Selbstdarsteller, sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

ZDF-Moderator Gottschalk: Vom Musical- zum Politiker-Casting?
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ZDF-Moderator Gottschalk: Vom Musical- zum Politiker-Casting?

Warum eigentlich die ganze Aufregung? Das ZDF hatte gestern bekanntgegeben, sich die Rechte an dem Reality-Format "The Next Great Leader" gesichert zu haben, in dem, so der Sender, "neue, unverbrauchte politische Hoffnungsträger" gesucht werden. In der recht erfolgreichen Show, die im vergangenen Jahr in Kanada anlief, stellen sich junge Bewerber ihren "Wählern" in Debattenbeiträgen und Streitgesprächen vor. Laut Distraction, der kanadischen Vermarktungsfirma der Show, hebe "The Next Great Leader" das Genre der Casting-Sendungen auf ein neues Level.

CDU-Mann Grindel meint dazu, dass Politiker über eine Vielzahl sozialer und fachlicher Kompetenzen verfügen sollen, die sich nur schwer in einer TV-Show ermitteln ließen. Politikerinnen und Politiker dürften nicht zu Medienstars reduziert werden, findet auch Frau Staffelt von den Grünen: "Ein Fernsehwettbewerb mit kurzen Videobotschaften verzerrt das Bild der Politik noch stärker, als es im Fernsehen ohnehin der Fall ist." Politik sei "langwierig, komplex und bedarf eines langen Atems. Deshalb soll sie auch nicht in solche Formate gepresst werden. Sonst wird die Illusion befeuert, schwierige Fragen könnten in fünf Minuten gelöst werden", so Staffelt.

ZDF-Sprecher Alexander Stock äußerte sich gegenüber dpa verwundert über die Reaktionen der Politiker. Er betonte, dass der Sender sich noch in der Entwicklung einer deutschen Version der Sendung befinde. "Eines aber steht jetzt schon fest: Es wird mit Sicherheit keine Casting-Show im landläufigen Sinn, kein "Top-Model" für Politiker."

Der Mainzer Sender, der gerade mit Thomas Gottschalks "Musical Showstar"-Casting eine quotenmäßige Misere durchlebt hat, wolle dem Publikum "auf unterhaltsame und informierende Weise deutlich machen, dass Politik ein ebenso spannendes wie schwieriges Geschäft ist, wie anstrengend aber auch anregend der Wettstreit politischer Entwürfe sein kann und welchen Herausforderungen Politiker heutzutage gegenüberstehen." Stock könne sich gut vorstellen, dass über eine solche Vermittlung auch bei jüngeren Zuschauern Interesse für die Politik als Berufsfeld geweckt werden könne.

Das Konzept des Programmentwicklers Distraction sieht vor, dass sich junge Menschen im Alter von 18 bis 25 Jahren mit einer drei bis fünf Minuten langen Videobotschaft an ihre "Wähler" wenden können. Aus den Bewerbungen wählt eine Jury die besten 25 aus. Kriterien: Originelle Ideen und überzeugender Vortrag. Im Halbfinale werden die Bewerber auf ihre Kenntnis aktueller Nachrichten geprüft; das Finale besteht aus einer Podiumsdiskussion der besten vier Kandidaten. Über den Sieger, der eine Geldprämie erhält, stimmt am Ende das Publikum ab.

In Kanada flimmerte Anfang des Jahres bereits die zweite Staffel des Politiker-Castings über die Mattscheibe.

bor



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