Neuer Bundeswehr-Slogan In Deckung! Die Deutschen kommen

Auslandseinsätze, Affären - und dann wird zum 1. Juli auch noch die Wehrpflicht ausgesetzt. Wer mag sich da noch "eine starke Truppe" nennen? Die Bundeswehr hat sich deshalb einen neuen Werbeslogan zugelegt. Der allerdings wirft ganz eigene Fragen auf.

Deutscher Soldat in Afghanistan: Universell gedachtes "wir"
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Deutscher Soldat in Afghanistan: Universell gedachtes "wir"

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Wer heute ins wehrfähige Alter kommt, dürfte damals noch nicht vor dem Spätprogramm gesessen haben - in den neunziger Jahren warb eine Telefonsex-Hotline in Fernsehspots mit dem Slogan: "Ruf! Mich! An!" Else Buschheuer betitelte wenig später einen ziemlich erfolgreichen Roman auf die exakt gleiche Weise und sorgte so dafür, dass die Deutschen mit ihren Satzzeichen fast so großzügig umzugehen begannen, wie mit dem Kakaopulver auf dem Cappuccino: Immer schön draufstreuen. Mag nicht ganz regelkonform sein, sieht aber einfach besser aus.

Dass mit dem Spruch aus der Fernsehwerbung ursprünglich die Gruppe jener angesprochen wurde, die, wie man so schön sagt, im Bett eine etwas härtere Gangart bevorzugen, war da längst in Vergessenheit geraten. Die Interpunktion hatte sich verselbstständigt. Nun ist sie, nach langen Irrwegen wieder dort angekommen, wo man eine härtere Gangart bevorzugt - nicht im Bett oder bei der Domina-Hotline allerdings, sondern auf dem Truppenübungsplatz, beim Manöver oder, wenn es sein muss, am Hindukusch. Bei der Bundeswehr.

Die deutsche Armee, einst bekannt durch den Slogan "eine starke Truppe", war zuletzt ein wenig außer Tritt geraten: Die Wehrpflicht wird zum 1. Juli ausgesetzt, die Bundeswehr ist dann ein reines Freiwilligenheer. Man könnte diese Entscheidung für naiv halten - war die Teilnahme an Kriegen, oder um es freundlicher zu sagen, an friedenssichernden Maßnahmen, nicht über weite Phasen der Menschheitsgeschichte etwas zutiefst Unfreiwilliges? Hätten die großen Schlachten, von denen Chronisten wie Thukydides oder Julius Cäsar berichten, überhaupt in stattfinden können, wäre die Truppenwerbung ganz ohne Zwang erfolgt? Der Mensch mag dem Menschen ein Wolf sein, aber solange er nicht Blut geleckt hat, sitzt er auch ganz gern zu Haus und macht sich's gemütlich. Zumal sich die Freuden der Kriegsführung heutzutage hervorragend bei einer gut gekühlten Fanta Mango vor der X-Box nachvollziehen lassen.

Doch wie heißt es im Kleingedruckten deutscher Tageszeitungen? "Wer wirbt wird nicht vergessen". Die Bundeswehr hat sich deshalb einen neuen Slogan zugelegt. Er heißt: "Wir.Dienen.Deutschland." - wann hat man hierzulande zuletzt ein derart universell gedachtes "wir" vernommen? Es war vermutlich in den Siebzigern, als Vicky Leandros mit dem Gassenhauer "Theo, wir fahr'n nach Lodz" einen Hit landete, der aus heutiger Sicht wie ein subtil revanchistischer Kommentar zu Willy Brandts Ostpolitik wirkt.

In der Bundesrepublik des Jahres 2011, in dem die Bindungskräfte der staatstragenden Organisationen, der Parteien, der Gewerkschaften, der Gewerkschaften seit Jahren nachlassen und sich das Bild der Gesellschaft nicht mehr aus großen Blöcken, sondern aus einer Vielzahl von Partikularteilchen zusammenfügen lässt, wirkt ein derart plakatives "Wir" fast genauso irritierend wie das danach folgende Verb "dienen" - hatte die auf gut preußisch geschnarrte Frage "Ham'se schon gedient?" nicht ihren Teil zum schlechten Ruf der Truppe beigetragen? Verteidigungsminister Thomas de Maiziere, der den neuen Werbespruch am Montag in Berlin vorstellen soll, schien bislang wenig mit Paradeteutonen wie dem auf deutsche Militärs spezialisierten Schauspieler Erich von Stroheim gemein zu haben - alles nur Tarnung? Darauf versteht man sich ja beim Bund.

Bleibt noch der der Begriff Deutschland. Er könnte in dieser Reihung fast schon neutral wirken - wenn nur die Satzzeichen nicht wären. Interpunktion, als ob man sich mitten im friendly fire befände: Wir. Dienen. Deutschland. Peng! Jeder Punkt ein Einschuss. Da bleibt nur eines: In Deckung! Die Deutschen kommen. Aber immerhin fahr'n sie diesmal nicht nach Lodz.

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